Wider den Thielismus: Warum die Verleihung des Springer Awards an Peter Thiel ein falsches Signal ist

Mit dem Springer Award für Peter Thiel wird nicht nur ein Tech-Unternehmer geehrt. Die Preisverleihung setzt ein politisches Signal: Sie trägt dazu bei, einen libertär-autoritären Politikentwurf gesellschaftsfähig zu machen – und fordert u.a. auch Christen zum Widerspruch heraus.

Mathias Döpfner (links) überreicht Peter Thiel (rechts) die Erstausgabe von Tolkiens
Mathias Döpfner (links) überreicht Peter Thiel (rechts) die Erstausgabe von Tolkiens "Unfinished Tales", 24. September 2026© Axel Springer / Pascal Rohé

Am vergangenen Donnerstag wurde der Tech-Unternehmer Peter Thiel mit dem Axel Springer-Award ausgezeichnet. Dabei wurde Thiels intellektuelle Brillanz hervorgehoben, prominente Figuren des Silicon Valley würdigten Thiel als Vordenker und Kopf des kalifornischen Tech-Wunders. Der streitbare "Contrarian" Thiel wurde besungen, der etablierte Selbstverständlichkeiten infrage stelle, immer anders und einen Schritt weiterdenke als der Rest – und deswegen in der Öffentlichkeit manchmal anecke.

Weggeredet wurden an dem Abend im Axel-Springer-Haus dagegen die politischen Aspekte Thiels und des Silicon Valley. Einen ersten Schritt zur säuberlichen Trennung von Tech-Branche und Politik leistete der digital zugeschaltete Garri Kasparow: mit der kühnen Behauptung, dass Technik wertneutral sei. Sekundiert wurde er vor Ort von Max Levchin, Thiels Mitbegründer von PayPal: indem er ausführlich das rein unternehmerisch ausgerichtete Ethos beschrieb, das die Anfangstage des Silicon Valley geprägt habe: innovatives Denken, Arbeitseifer, Ehrgeiz, Mut.

"Haben wir einen Antidemokraten ausgezeichnet?" "Nein!"

Die herausforderndste Aufgabe hatte an dem Abend der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE, Mathias Döpfner, selbst übernommen: Thiels Engagement für den Autoritarismus herabzudimmen. "Haben wir einen Antidemokraten ausgezeichnet?" fragt Döpfner gleich zu Beginn des Gesprächs mit Thiel, das den Höhepunkt der Zeremonie bildet. "Nein! Also, was soll ich denn dazu sagen!" antwortet der Geehrte.

Ganz verschwiegen wurde bei dem Event im Springer-Haus Thiels politisches Engagement. Selbst die geopolitischen Einschätzungen wurden ausgespart, die Thiel parallel zur Preisverleihung in einem Begleitinterview mit Döpfner geäußert hat: über die Gefahr eines kommunistischen Weltstaats, über den Papst, der mit seiner Enzyklika den "nützlichen Idioten" für die chinesische KP gespielt habe, über den Untergang der USA bei einer politischen Übernahme durch Links-Demokraten und nicht zuletzt: über das KI-Wettrennen zwischen den USA und China, bei dem die westliche Seite mit dem politisch straff regulierenden China – merkwürdigerweise – nur durch Deregulierung mithalten könne.

Brisanter ist, dass auch Thiels ablehnende Haltung gegenüber dem Liberalismus verdeckt wurde, die hinter solchen Verlautbarungen steht. Der Tech-Unternehmer entwickelt seine grundlegende Kritik an der liberalen Welt in Anschluss an Carl Schmitt, Leo Strauss und René Girard – bei dem er Philosophie studiert hat. Nach Thiel berge der Westen zwar immense Potenziale unternehmerischer Kreativität; mit seinen liberalen Prinzipien des Wettbewerbs, der Rechtsstaatlichkeit und des Pluralismus der Weltanschauungen arbeite er jedoch an der eigenen Selbstabschaffung. Die liberale "Ideologie des Wettbewerbs" verschließe innovatives Unternehmertum, statt es zu befördern. Wettbewerb sei "für Verlierer": er zwinge die Unternehmen dazu, Bestehendes, Anerkanntes mit geringen Gewinnmargen zu kopieren.

Nach Thiels Anleitung hat die Kalifornische Tech-Elite die Kontrolle über die digitale Infrastruktur gewonnen und über diese Monopole immense ökonomische und politische Macht akkumuliert.

Nicht weniger widersprüchlich sei der politische Liberalismus: In der Westfälischen Ordnung seien Rechtsstaatsprinzip und Pluralismus der Weltanschauungen zur Sicherung des Friedens entwickelt worden. In den Anschlägen des 11. Septembers 2001 hätte sich jedoch gezeigt, dass sie den Westen de facto wehrlos inneren und äußeren Feinden auslieferten, weil sie die natürliche Tendenz der Menschen zu Neid, Konkurrenz und Kampf nicht ernst genug nehmen. Die Figur des Antichristen eignet Thiel sich an, um Personen und Institutionen zu diffamieren, die für Versöhnung und Frieden einstehen: Hans Küng genauso wie Greta Thunberg oder die UNO.

Narrativ vom streitbaren Querdenker

Vor allem aber verdeckt das Springer'sche Narrativ vom streitbaren Querdenker, dass Thiel nicht nur redet und kritisiert, sondern dass es ihm darum geht, die Welt tatkräftig zu verändern. In seinen berühmten Stanford-Vorlesungen "From Zero to One" gibt Thiel genaue Anweisungen für eine "Verschwörung zur Veränderung der Welt". Der entscheidende Hebel für eine Transformation der liberalen Ordnung ist für Thiel das Generieren von Monopolen. In besagten Vorlesungen führt er in Strategien der Monopolbildung ein. Es gelte, in gesellschaftlichen Nischen einen eigenen Machtbereich aufzubauen, die entsprechenden Technologien anzueignen, Konkurrenz auszuschalten und "Mitverschwörer" zu gewinnen, mit denen sich "Mafia"-Bande knüpfen ließen – um die eigene Macht dann langsam auszudehnen und die bestehende Ordnung in ihren Grundfesten zu verändern. Genau dieser Logik folgt Thiel, wenn er eschatologische Metaphern aus der katholischen Tradition kapert und für seine eigenen Zwecke aneignet.

Ohne die Dinge beim Namen zu nennen, haben sich die Tech-Bros im Springer-Haus zu diesen "Mafia-Methoden" als Thiel'sches Erfolgsrezept bekannt. Nach Thiels Anleitung hat die Kalifornische Tech-Elite die Kontrolle über die digitale Infrastruktur gewonnen und über diese Monopole immense ökonomische und politische Macht akkumuliert. Volkswirtschaftlich treiben die Infrastruktur-Monopole die liberale Konkurrenzwirtschaft über sich hinaus: in Richtung einer postliberalen Wirtschaftsordnung der großen Konzerne. Politisch bilden sie die Machtbasis für eine Transformation des liberalen Rechtsstaats: zu einer politischen Ordnung, in der Tech-Eliten neben den demokratischen Institutionen politische Macht gewinnen. Dazu gehört, dass Unternehmen wie Palantir oder Starlink polizeiliche, geheimdienstliche und militärische Funktionen übernehmen, die seit dem Westfälischen Frieden in Staatshand waren. Dazu gehört auch, dass sie politische und geopolitische Entscheidungen treffen: ohne demokratisches Mandat und nach eigenen Maßstäben. Exemplarisch hat sich dies etwa gezeigt, als Elon Musk im russischen Angriffskrieg die ukrainischen Nutzungsrechte von Starlink eingeschränkt hat.

Der "Thielismus" fordert Christen und Demokraten heraus. Theoretisch gilt es, gegen Thiels menschenverachtende Anthropologie und gegen seine politische Theologie Einspruch zu erheben, die nichts von der Liebe und Selbstentäußerung Gottes weiß. Zugleich reicht zur Verteidigung eines Miteinanders im Respekt menschlicher Würde theoretische Kritik allein nicht aus.

Preis soll Akzeptanz für libertär-autoritären "Thielismus" stiften

Zurück zum Springer Award. Gemalt wurde das Bild von Peter Thiel als einem brillanten Tech-Nerd und vom "Thielismus" als einer Bewegung, die gesellschaftliches Gedeihen durch technologischen Fortschritt sichert. Vieles spricht dafür, dass es sich bei dieser Inszenierung um ein Gemeinschaftswerk der Herrn Döpfner und Thiel handelt. Die Tradition des Preises weist in diese Richtung: Die Axel Springer SE zeichnet das Silicon Valley gerne aus. Vor Peter Thiel wurden bereits Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Elon Musk, Satya Nadella und Sam Altman geehrt. Hinzu kommen persönliche und unternehmerische Beziehungen. Ziel des Ganzen war offensichtlich, Akzeptanz für den libertär-autoritären "Thielismus" zu stiften: damit die bürgerliche Mitte bei KI-Regulierungen in Deutschland und Europa auf die Bremse tritt; und damit sie bei der Einführung von Palantir zugleich nicht genauer nachfragt, ob KI-Überwachung der Resilienz unserer Demokratie wirklich so zuträglich ist, wie Döpfner dies behauptet.

Der "Thielismus" fordert Christen und Demokraten heraus. Theoretisch gilt es, gegen Thiels menschenverachtende Anthropologie und gegen seine politische Theologie Einspruch zu erheben, die nichts von der Liebe und Selbstentäußerung Gottes weiß. Zugleich reicht zur Verteidigung eines Miteinanders im Respekt menschlicher Würde theoretische Kritik allein nicht aus. In Tradition der Katholischen Soziallehre hat Papst Leo in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas eindrücklich gezeigt, worum es politisch geht: die aktuelle Macht-zentrierte KI zu einer solidarischen, gerechten, gemeinwohlorientierten, subsidiären KI zu verändern und dafür u.a. die Monopole zu zerschlagen, das Eigentum an der digitalen Infrastruktur und den Daten neu zu regeln, die Algorithmen offenzulegen, Rechtsbeistand bei Konflikten mit den Konzernen zu garantieren und nicht zuletzt die Entscheidungen zu demokratisieren, welche Systeme gebaut und genutzt werden sollen.

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