Die Enzyklika Magnifica Humanitas Leos XIV. ist weltweit zu Recht vielfach gelobt worden. Nicht nur das gewählte Thema – die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – ist hochaktuell. Auch die Art der Auseinandersetzung mit dieser vielschichtigen Problematik vermag weithin zu überzeugen. Der vom Papst entfaltete "christliche Humanismus" versteht es nicht nur, die verschiedenen Chancen und Risiken von KI wahrzunehmen und sorgfältig abzuwägen.
Mit dem Hinweis auf die eklatanten Gefahren der realen "Machtkonzentrationen in der digitalen Welt" legt er auch treffsicher den Finger in die politische Wunde einer bislang noch ausstehenden institutionellen Kontrolle der Macht jener zumeist privaten Akteure, deren sprunghaft gestiegenen finanziellen Ressourcen und politischen Einflussmöglichkeiten zunehmend demokratiegefährdende Züge annehmen. Trotz vieler weitsichtiger Reflexionen zum verantwortlichen Umgang mit KI stößt die Gedankenführung vor allem im fünften Kapitel aber auch an Grenzen.
Ambivalente Friedensethik
Die Probleme beginnen bereits mit der schillernden Forderung "KI zu entwaffnen", was bedeute, "sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist" (110). Die nähere Entfaltung dieser Aussage im fünften Kapitel fällt im Blick auf ihre friedensethischen Implikationen jedoch höchst ambivalent aus:
Zwar gelingt es dem Papst, ein realistisches Bild der derzeitigen geopolitischen Lage zu zeichnen und auf mögliche Gefahren einer militärischen KI-Nutzung hinzuweisen. So drohten Entscheidungen über Leben und Tod nicht nur immer schneller und unpersönlicher zu werden, auch die sich ausbreitende Rede von KI-Systemen als "künstlichen moralischen Agenten" trage dazu bei, persönliche Verantwortungen zu verwischen. Durchaus zustimmungswürdig ist auch Leos energisches Insistieren auf der Friedenssicherung als vorrangigem Ziel allen politischen Handelns sowie der Notwendigkeit verschiedener Maßnahmen zum Friedensaufbau. Doch finden sich daneben auch einige irritierende Aussagen, die der weiteren Klärung bedürfen.
Es ist kein Ausweis christlicher Moral, sich nicht verteidigen zu können. Wir müssen verteidigungsfähig werden, um anderen im Notfall helfen zu können und uns selbst nicht verteidigen zu müssen. Wer das bestreitet, gibt den "gesunden Realismus" zugunsten eines "utopischen Idealismus" auf, der nicht von dieser Welt ist.
Ein erstes Problem betrifft die Ausführungen zur "Überwindung der Theorie des 'gerechten Krieges'", die ungeachtet der Legitimität des "im engsten Sinne" zu verstehenden "Rechts auf legitime Verteidigung" inzwischen "allzuoft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen". Eine wohlwollende Deutung dieser Feststellung könnte unter Würdigung der in Fußnote 182 gegebenen Erläuterungen darauf verweisen, dass der Papst hier nicht der Lehre selbst, sondern lediglich ihrer missbräuchlichen Verwendung eine klare Absage erteilen möchte – getreu der Devise abusus non tollit usum.
Eine weiterreichende Interpretation hätte dagegen zur Folge, dass sich Leos Argumentation aus zwei Gründen als schlicht inkonsistent erweist: erstens, weil die in dieser Lehre enthaltenen anspruchsvollen Kriterien von ihm selbst teilweise verwendet werden, was deren bleibende Bedeutung für die Bewältigung aktueller Herausforderungen eindrucksvoll demonstriert; und zweitens, weil eine Preisgabe dieses traditionellen Lehrstücks kirchlicher Friedensethik ein Ausdruck jener von ihm selbst kritisierten 'geistigen und kulturellen Blindheit' wäre, welche "die Wurzeln der Erinnerung zu kappen" versucht, um "eine Art 'neue Schöpfung' zu begründen, die von der Vergangenheit losgelöst ist" (204).
"Politischer Realismus" im Realitätscheck
Wesentlich gravierender ist jedoch ein zweites Problem, das aus der holzschnittartigen Gegenüberstellung eines abzulehnenden "politischen Realismus" und eines "echten" bzw. "gesunden Realismus" resultiert: Während ersterer zynischerweise allein auf militärische Stärke und skrupellose Machtausübung vertraue, sei für letzteren der Friede "weder eine naive Hoffnung noch die bloße Abwesenheit von Krieg", sondern vielmehr "das stets mögliche Ergebnis von Gerechtigkeit und Nächstenliebe" (206).
Hier stellt sich nicht nur die Frage, ob diese simple dyadische Argumentationsstruktur mit ihrer impliziten Kontrastierung von unverantwortlichem Militarismus einerseits und einem vermeintlich christlichen Pazifismus andererseits wirklich allen in der Realität anzutreffenden politischen Konstellationen gerecht wird. Auch wäre zu klären, ob eine vorausschauende Verteidigungspolitik, die neben dem Einsatz der Diplomatie auch um die sicherheitsstiftende Wirkung der Abschreckung weiß, wirklich pauschal als unmoralisch diffamiert werden darf.
Wenn sich die westeuropäischen Staaten unter dem Eindruck des russischen Überfalls auf die Ukraine und eines offenkundigen Desinteresses des russischen Präsidenten an echten Verhandlung nach jahrzehntelangem eigennützigem Vertrauen auf die Sicherheitsgarantien der USA jetzt endlich um den Aufbau eigener militärischer Fähigkeiten bemühen, dann geschieht das letztlich genau mit demselben Ziel, das Papst Leo mehrfach als unverzichtbar beschwört – dem Schutz der eigenen Zivilbevölkerung. Es ist kein Ausweis christlicher Moral, sich nicht verteidigen zu können. Wir müssen verteidigungsfähig werden, um anderen im Notfall helfen zu können und uns selbst nicht verteidigen zu müssen. Wer das bestreitet, gibt den "gesunden Realismus" zugunsten eines "utopischen Idealismus" auf, der nicht von dieser Welt ist.