Sechs Stunden in der NotaufnahmeVom Stoß zum Hoffnungsschub

Angesichts der vielen Krisen weltweit, der gesellschaftlichen Spaltungen und Zerwürfnisse blickte unsere Autorin mit gemischten Gefühlen auf das neue Jahr. Doch ausgerechnet die Erfahrung nach einem kleinen Unfall hat sie verändert.

Eigentlich hatte alles denkbar schlecht angefangen. Ich hatte einen kleinen Unfall und musste mit dem Verdacht auf einen Nasenbeinbruch die überfüllte Notaufnahme aufsuchen. Aufgrund der akuten Unterbesetzung wurde im Schnitt nur alle 60 Minuten ein Patient aufgerufen. Wir Versehrten aus allen nur erdenklichen Kulturkreisen und Hintergründen saßen Stunde um Stunde mit wachsender Verzweiflung und zunehmenden Schmerzen im Wartezimmer und harrten sehnlichst des erlösenden Signals. Eine solche Situation hätte wahrlich das Potenzial gehabt, um Spannungen oder Konflikte auszulösen – von wachsender Frustration und Missgunst bis hin zu neidvollen „Rangkämpfen“.

Zu meiner großen Überraschung geschah jedoch nichts davon. Im Gegenteil! Irgendwann begannen die ersten Unterhaltungen zwischen den Wartenden. Bald erwuchs daraus eine große Gesprächsrunde, sodass wir am Ende nicht nur die Verletzungs-, sondern quasi die gesamte Lebensgeschichte aller Patientinnen und Patienten kannten. Wir erfuhren von kuriosen Silvesterunfällen, familiären Weihnachtstraditionen und sogar von dramatischen Fluchtgeschichten unserer Leidensgenossen. Mitgebrachte Snacks, Schmerztabletten und Kühlpads wurden geschwisterlich geteilt, und trotz unserer Misere lachten wir überraschend viel. So hatte diese krisenhafte Lage uns nicht gespalten oder gegeneinander ausgespielt, sondern uns zu einer solidarischen Gemeinschaft zusammengeschweißt. Und wenn dann schließlich doch einer von uns aufgerufen wurde, freuten wir uns ehrlich für die Person und begleiteten sie mit Applaus und Jubel auf ihrem Weg zum Behandlungstrakt.

Als ich nach sechs Stunden die Notaufnahme verließ, war mir trotz der Kälte warm ums Herz. Das lag nicht primär an der erfreulichen Diagnose, dass meine Nase nur geprellt war, sondern vor allem an diesem kleinen verspäteten Weihnachtswunder und der Erkenntnis, die ich während der langen Wartezeit gewonnen hatte. Krisensituationen müssen nicht zu Aggressionen führen und das Schlimmste in uns hervorbringen – auch wenn manche Stimmen uns bisweilen das Gegenteil weismachen wollen.

Heikle Umstände können auch das Beste in uns hervorkehren, uns zusammenrücken lassen und unsere Mitmenschlichkeit steigern. Auf diese Weise können kritische Lagen auch wesentlich besser gemeistert werden! Wir sitzen schließlich alle im selben Boot (bzw. im selben Wartezimmer). Wir haben ähnliche Bedürfnisse, Herausforderungen oder Ziele. Wir werden nur wirklich weiterkommen, wenn wir uns nicht gegeneinander wenden, sondern ungeachtet unserer Unterschiede zusammenhalten. Dazu sind wir tatsächlich in der Lage, wenn wir nur wollen und uns nicht von gegenteiligen Narrativen irritieren lassen.

Meine Erfahrung in der Notaufnahme hat jedenfalls die furchtbare Redewendung „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ definitiv widerlegt. Richtig müsste es heißen: „Wenn jeder an seinen Nächsten denkt, ist an alle gedacht“. Und auch wenn meine Nase immer noch schmerzt, so bin ich dennoch dankbar für meinen kleinen Unfall. Er hat mir nicht nur eine Stoßverletzung, sondern vor allem einen dringend notwendigen Hoffnungsschub für das neue Jahr beschert.

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