Die Einsicht kommt spät, vielen zu spät – und ist dennoch bemerkenswert. Dass eine vatikanische Studie die „Frauenfrage“ in der Kirche ausdrücklich als dringlich bezeichnet, markiert einen Wendepunkt. Lange wurde genau diese Dringlichkeit relativiert, als Übereifer einzelner Gruppen abgetan oder in Kommissionen ausgelagert. Just eine solche Kommission aber hat jetzt offen benannt, was viele Frauen weltweit längst empfinden: ein „spezifisches Unbehagen“ angesichts begrenzter Teilhabe – bis hin zur Entfremdung von der eigenen Kirche.
Trotz Protest hatte Papst Franziskus Diskussionen über die Rolle von Frauen in der Kirche aus der Weltsynode ausgelagert und eine Studiengruppe mit der Thematik betraut. In ihrem Mitte März veröffentlichten Abschlussbericht formuliert diese nun: „Eine wachsende Zahl von Frauen jeder Altersgruppe und in unterschiedlichen Teilen der Welt fühlt sich im Haus des Herrn nicht mehr zu Hause – bis hin zu dem Punkt, dass sie es vollständig verlassen.“ Die Kirche müsse sich entscheiden, „ob sie zulässt, dass die gesellschaftliche Veränderung ihr widerfährt, oder ob sie proaktiv handeln will, um sich selbst zu verändern“. Diese Klarheit verdient Anerkennung. Wenn der Bericht die Frauenfrage als „Zeichen der Zeit“ deutet, wertet er sie theologisch auf: nicht als lästige Anpassungsdebatte, sondern als Wirkungsort des Heiligen Geistes. Das ist ein Perspektivwechsel mit Gewicht.
Und doch bleibt ein enttäuschender Beigeschmack. Denn so deutlich die Diagnose ist, so vorsichtig bleibt die Therapie. Konkrete Schritte fehlen weitgehend, stattdessen ergeht sich das Papier in der hymnologischen Auflistung eindrucksvoller Frauenfiguren in Bibel und Kirchengeschichte. Die Zeit für geweihte Diakoninnen in der katholischen Kirche sei indes noch nicht reif. Genau hier setzt die berechtigte Kritik an – nicht nur in Deutschland, wo die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit besonders sichtbar wird.
Dass die Realität vor Ort längst weiter ist, zeigt eine zeitgleich veröffentlichte Studie der deutschsprachigen katholischen Frauenverbände. Ohne bei der Bewertung in positiven Sexismus zu verfallen (Frauen seien ja grundsätzlich emotionaler, einfühlsamer etc.), lässt sich festhalten: Wo Frauen Verantwortung übernehmen, verändert sich Kirche spürbar. Leitung wird partizipativer, Kommunikation dialogischer, pastorale Praxis glaubwürdiger und lebensnäher.
Dass die Datenlage der Studie überschaubar ist (54 ausgefüllte Fragebögen von Haupt- und Ehrenamtlichen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz), macht vor allem strukturelle Grenzen sichtbar: Frauen in kirchlichen Leitungsrollen sind weiterhin eine Ausnahme, daran hat auch die medienwirksame Besetzung von Spitzenpositionen unter Papst Leo und dessen Vorgänger nichts geändert. Wo Frauen auf Gemeindeebene Führung übernehmen, fehlt bisher meist der kirchenrechtliche Rahmen. Sie tragen Verantwortung, bleiben aber abhängig von geweihten Männern. Das muss sich dringend ändern! Nicht nur um die Ausübung männlicher Macht zu kontrollieren, sondern um Frauen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit in der Kirche zu ermöglichen – und damit Beheimatung.
Die Zeiten ändern sich, gesellschaftliche Emanzipationsbewegungen schreiten stetig voran, so manchem Rückwärtstrend zum Trotz. Wenn die Kirche der Erkenntnis dieser Zeichen keine Taten folgen lässt, läuft sie Gefahr, mit der Zeit auch die darin beheimateten Menschen zu verlieren.