Gottesdienste brauchen Resonanz statt RoutineWenn alles stimmt und doch etwas fehlt

Wer noch einen schlagenden Beweis dafür gesucht hat, dass die Gottesdienstpraxis der Kirche in einer tiefen Akzeptanzkrise steckt, findet ihn in der jüngsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU, 2023). Die Ergebnisse der Befragung zeigen, wie tief der Graben zwischen dem theologischen Anspruch der Liturgie und dem tatsächlichen Teilnahmeverhalten der meisten Menschen inzwischen geworden ist.

Hat das Zweite Vatikanische Konzil Gottesdienste noch als „Gipfel und Quelle“ des christlichen Lebens bezeichnet, herrschen im Alltag meistens andere Maßstäbe. Ob ein Gottesdienst als ansprechend und lebensnah oder als nichtssagend und überflüssig wahrgenommen wird, hängt heute kaum noch von dogmatischen Grundsätzen oder kirchenamtlichen Vorgaben ab. Entscheidend für das Teilnahmeverhalten sind vor allem subjektive Kriterien: Je mehr Texte, Musik, Zeichenhandlungen, Raum und Atmosphäre persönlichen Vorlieben entsprechen, desto größer ist die Bereitschaft zur Mitfeier. Umgekehrt gehen Menschen schnell auf Abstand, wenn sie den Eindruck haben, ihre Bedürfnisse und Wünsche spielten bei der Gestaltung keine Rolle. Im größeren Zusammenhang betrachtet ist dieses Ergebnis nicht überraschend. Es ist ein Spiegelbild der immensen Individualisierungsschübe, die in der jüngeren Zeit nahezu alle Bereiche der Gesellschaft erfasst haben. Die Befunde der KMU lassen keinen Zweifel daran, dass sich hier ein Kulturwandel vollzogen hat, der die Feierpraxis vor große Herausforderungen stellt.

Weder Formalismus noch Wohlfühl-Event

Den Verantwortlichen kommt heute die anspruchsvolle Aufgabe zu, zwischen dem kulturellen Klima der Gegenwart und der Feier des Glaubens eine Brücke zu schlagen, die zugleich theologisch tragfähig und menschen- und zeitgerecht ist. Dass eine solche Brücke nicht allein auf die Fundamente von Routine und Formalismus gebaut werden kann, wird schnell verständlich, wenn man bedenkt, dass beispielsweise eine Eucharistiefeier, ein Segnungsgottesdienst oder ein gemeinsames Abendlob keine mechanischen Abläufe sind, die einem immer gleichen Drehbuch folgen. Jede Feier erreicht erst dann ihren vollen geistlichen Sinn, wenn Menschen mit ihren persönlichen Lebensthemen teilnehmen können. Selbst wenn die kirchliche Ordnung gewahrt ist und äußerlich alles einwandfrei erscheint, kann dennoch Wichtiges auf der Strecke bleiben: Die innere Beteiligung und der Bezug zum konkreten Leben. Eine Liturgie, die keinen Platz für das Individuelle und Persönliche hat, gibt „unserem Leben und unserem Herzen keinerlei Nahrung“ (Papst Franziskus). Sie wird zu einer geschlossenen, selbstgefälligen Sonderwelt und kann deshalb heute (völlig zu Recht!) nicht mehr mit echtem Interesse rechnen.
Auf der anderen Seite ist jedoch ebenso große Zurückhaltung geboten gegenüber einer Gestaltung, die sich bei der Auswahl von Texten, Musik und Zeichen vor allem an den Wünschen und Bedürfnissen der Teilnehmenden orientiert. Ein solches – marktwirtschaftlich gesprochen – kundenorientiertes Vorgehen mag Aufmerksamkeit erregen und Wohlfühlmomente schaffen. Es birgt allerdings die große Gefahr, dass die Feier zum Spielball wechselnder Stimmungen wird. Dabei gerät das Herzstück des Geschehens, gemeint ist die Begegnung mit dem Gott Jesu Christi, leicht aus dem Blick. Die Feier droht zu einem beliebigen Event zu werden, das vielleicht kurzfristig unterhaltsam ist und subjektive Befindlichkeiten bedient, aus dem aber keine weitergehenden Impulse für ein vertieftes christliches Leben mit Gott erwachsen. In einem solchen Fall sind die Anwesenden eher Konsumenten oder schweigende Besucher, als dass sie tatsächlich aktiv mitfeiern. Aus gutem Grund haben die deutschen Bischöfe in einem Grundsatzpapier daran erinnert, dass „unsere Gottesdienste keine Verdoppelung unserer Alltagswelt“ sein sollen und stellen fest: „In ihnen soll ja gerade etwas aufscheinen von jener Wirklichkeit, die im Alltag unterzugehen droht und oftmals vergessen wird.“

Liturgie, die Beziehung stiftet

Was macht einen guten Gottesdienst aus? Ich bin der Meinung, dass sich die Qualität heute daran entscheidet, ob das Zusammenspiel von Wort und Zeichen Resonanz erzeugt. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von „Resonanz“, wenn Beziehungen entstehen, die Menschen ernsthaft berühren und verändern können. Überträgt man diesen Gedanken auf die Liturgie, bedeutet das: Je mehr eine Feier Beziehungen stiftet und vertieft, desto höher ist ihre Qualität. Dabei geht es um mehrere Ebenen gleichzeitig: Um die Beziehung der Feiernden untereinander, um die Beziehung zwischen den persönlichen Bedürfnissen und der in der Liturgie bewahrten Glaubenstradition und um die Beziehung zwischen dem Gott Jesu Christi, der den Menschen entgegenkommt, und den Menschen, die sich zur Feier versammeln. Wie in der Praxis Resonanz wachsen kann, lässt sich an konkreten Handlungsfeldern zeigen.

Vielfalt der Feiern und Dienste

Gottesdienste brauchen ein Gespür für unterschiedliche Glaubens- und Lebenswege. Erfreulicherweise sind in den letzten Jahren vielerorts neue, kreative Gottesdienstformen entstanden, die sich dieser Aufgabe stellen. Dazu gehören etwa Gottesdienste nach Katastrophen, Eltern-/Kind-Segnungen und viele weitere Feiern, die sich an interessierte, kirchlich aber weitgehend ungebundene Menschen richten. Hier präsentiert sich die Kirche als eine gesellschaftliche Akteurin, die in der Nachfolge Jesu suchenden Menschen Hilfe bei der Bewältigung von existenziellen Lebenserfahrungen anbietet. Gerade weil diese Feiern nicht an amtliche Ordnungen gebunden sind, schaffen sie Freiräume, die durch eine verständliche Sprache und ausdrucksstarke Zeichen gefüllt werden können. Je mehr es gelingt, eine vielfältige und für die Zielgruppe passgenaue Feierkultur zu etablieren, desto stärker können Glaube und Lebenswelt miteinander in Beziehung treten.
Zu den drängenden Zukunftsaufgaben gehört auch die Stärkung einer möglichst großen Vielfalt liturgischer Dienste. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben sich Laiendienste nahezu flächendeckend durchgesetzt. Diese Entwicklung hat nicht nur die Verantwortung auf viele Schultern verteilt, sondern auch erheblich zur Lebendigkeit der Gottesdienste beigetragen. Diese Vielfalt gezielt zu fördern und zudem konsequent auch auf neue Feierformen auszuweiten, ist ein wichtiger Schlüssel für eine Feierkultur, die Glauben und Alltag eng aufeinander beziehen will. Förderung muss dabei konkret heißen, allen, die dazu bereit sind, – unabhängig von Geschlechtsidentität, sozialem Status, kultureller Herkunft oder körperlichen Voraussetzungen – die Übernahme liturgischer Dienste zu ermöglichen.

Diversität und Inklusion

Die wachsende Diversität von Kultur und Gesellschaft ist längst auch zu einer kirchlichen Realität geworden. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen, Geschlechter, Lebensformen und sozialer Schichten prägen das Bild. Umso drängender stellt sich die Frage, wie diese Vielfalt in der Feierpraxis angemessen berücksichtigt werden kann. Wer aufmerksam das kirchliche Leben beobachtet, wird kaum bestreiten können, dass hier noch großer Nachholbedarf besteht. Langfristig werden Gottesdienste wohl nur dann resonanzfähig sein, wenn sie inklusiv angelegt sind, also die Vielfalt menschlichen Lebens bewusst aufnehmen. Einer der Handlungstexte des Synodalen Weges bringt diesen Gedanken theologisch griffig zum Ausdruck: „Das Zeugnis von Gottes Heilshandeln verarmt, wenn nicht die Fülle der vorhandenen Charismen und Kompetenzen geachtet und gelebt werden kann.“
Beispielsweise können mehrsprachige Gottesdienste dazu beitragen, Menschen unterschiedlicher Herkunft aktiv in das Geschehen einzubeziehen. Auch Segensfeiern für Paare, die das Ehesakrament nicht empfangen können oder wollen, setzen ein wichtiges Signal für die Inklusion unterschiedlicher Lebenswege. Freilich ist die Ausgangslage schwierig, denn dieses Thema ist, vor allem mit Blick auf gleichgeschlechtliche Paare, weiterhin stark umstritten. Zwar hat eine 2025 erschienene Handreichung unter dem Titel „Segen gibt der  Liebe Kraft. Segnungen für Paare, die sich lieben“, herausgegeben von der gemeinsamen Konferenz der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, solche Feiern grundsätzlich befürwortet. Allerdings offenbaren die anhaltenden, teilweise kirchenpolitisch hoch aufgeladenen Kontroversen um die (moral-)theologische Bewertung von Paarbeziehungen jenseits der sakramentalen Ehe, wie schwer es Theologie und Kirche nach wie vor fällt, entschlossen inklusiv zu denken und zu handeln. Hier sind noch weite Wege zu gehen, wohlmeinende Appelle gegen Diskriminierung allein reichen nicht aus. Ob es gelingt, auf breiter Ebene zu einer resonanzfähigen Segenspraxis zu finden, in der Paare echte Wertschätzung gegenüber ihrer Beziehung erfahren, muss sich erst noch zeigen.

Mehr Ästhetik, weniger Worte

Nach den Ergebnissen der KMU zu urteilen, hat das ästhetische Erleben einen deutlich größeren Einfluss auf das Teilnahmeverhalten als eine Predigt oder eine zeitgemäße Sprache. Raum, Licht oder Musik prägen die Wahrnehmung stärker als noch so gut gemeinte Worte. Deshalb kommt sinnlichen Erfahrungen eine Schlüsselrolle zu. Lange Zeit lag das Augenmerk auf dem gesprochenen Wort, während Zeichenhandlungen eher zurückhaltend verwendet wurden. ‚Entsakralisierung‘ lautete das Schlagwort, unter dem eine teils extreme Wortlastigkeit in die Feiern einzog. Eine Gottesdienstgestaltung, die Resonanz erzeugen will, muss sich anders orientieren. Je größer die ästhetische Qualität von Feier und Raum sind, desto leichter wird es heutigen Menschen fallen, ihr persönliches Leben mit dem gottesdienstlichen Geschehen und damit auch der Botschaft des Evangeliums in Beziehung zu bringen. Wie sich dieser Anspruch praktisch umsetzen lässt, hängt natürlich von den jeweiligen Ressourcen ab. Das Zweite Vatikanische Konzil fordert, die Liturgie möge „den Glanz edler Einfachheit an sich tragen“. Edel und einfach zugleich: Diese Spannung mit Leben zu füllen, ohne sie in die eine oder andere Richtung aufzulösen, ist alles andere als Luxus, sondern ein wesentlicher Beitrag für Resonanz! Das äußere Erscheinungsbild muss alle Mühe wert sein: Angefangen beim Zustand des Raumes und seiner Funktionsorte über die Gewänder und die Musik bis hin zu den Büchern und Gefäßen, die bei einer Feier verwendet werden.

Verbindung von Liturgie und Diakonie

Liturgie und Diakonie, gefeierter und gelebter Glaube gehören gemäß der Botschaft Jesu Christi unauflöslich zusammen. Daran hängt nicht weniger als die Glaubwürdigkeit des Christentums. In den letzten Jahrzehnten hat das Wissen um diesen Zusammenhang vielerorts Kreativität freigesetzt und das Gottesdienstleben bereichert. Fürbittgebet, Krankensalbungen im Gemeindegottesdienst oder Totengedenkfeiern sind nur drei Beispiele aus einer weit größeren Bandbreite. Bei aller Anerkennung des Erreichten ist dennoch kritisch und ohne Scheu zu fragen, wo Defizite liegen und wie beide Seiten noch enger aufeinander bezogen werden können, als das bisher der Fall ist. Maßstab für die Praxis sollten Feierformen sein, deren Texte und Zeichen berührt sind von Anteilnahme an den Notlagen, in die Menschen geraten können. Gottesdienste können berühren und Beziehung stiften, wenn ihre Gestaltung ein ehrliches Interesse für die drängenden Fragen des Alltags spüren lässt. In diesem Zusammenhang kann auch die erweiterte Nutzung von Kirchenräumen einen wegweisenden Beitrag leisten. Inzwischen gibt es gute Erfahrungen mit Konzepten, die den Raum sowohl für die Feier von Gottesdiensten als auch für soziale Zwecke nutzen, zum Beispiel für die Ausgabe von Kleidung und Lebensmitteln für Bedürftige. Diesen Weg konsequent weiterzugehen, wird die Qualität der Praxis erhöhen.

Eine bleibende Aufgabe

Was macht einen guten Gottesdienst aus? Diese Frage ist nicht zu beantworten mit fertigen Praxisrezepten, die flächendeckend übernommen werden können. Patentlösungen helfen nicht weiter. Mehr denn je brauchen Verantwortliche heute die Bereitschaft und die Kompetenz, auf dem schmalen Grat zwischen Tradition und Innovation so zu gehen, dass Resonanz entstehen kann. Die Arbeit an der Qualität von Gottesdiensten ist eine bleibende Aufgabe, die zudem von regelmäßiger Evaluation, Fortbildung und geistlicher Vertiefung begleitet sein muss.

Anzeige: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – eine Konfliktgeschichte. Von Jan-Heiner Tück
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