Ein Plädoyer für die Sichtbarkeit derer, die im „Feldlazaret“ schuftenMissionarische Präsenz im deutschsprachigen Pastoralraum

Die missionarische Sendung der Kirche ereignet sich dort, wo Menschen in ihrer existenziellen Verwundbarkeit Zuspruch und Begleitung erfahren. Im deutschsprachigen Pastoralraum besteht eine historisch gewachsene Spannung zwischen einer stark ausgeprägten diakonalen Praxis und einer teilweise gehemmten expliziten Glaubensartikulation. Dies ist nicht Schwäche, sondern Ergebnis eines notwendigen Ringens mit kolonialen Missionsgeschichten. Doch ein integrales Missionsverständnis vermag diese Spannung nicht durch Reduktion zu lösen, sondern durch eine organische Neuintegration von Verkündigung und Dienst als wechselseitige Aspekte einer evangelisierenden Dynamik.

Fazit

Missionarische Präsenz im deutschsprachigen Pastoralraum ist die Neuintegration von Martyria und Diakonia in einer Kirche, die gelernt hat, die kolonialen Übergriffe ihrer Geschichte kritisch zu verarbeiten, ohne deshalb in Sprachlosigkeit zu verfallen. Sie ist die Anerkennung der theologischen Kompetenz jener, die an der Frontlinie stehen, und zugleich die Bereitschaft der Lehrenden und Leitenden, von ihrer gelebten Erfahrung zu lernen. Sie ist die Überzeugung, dass die Liebe Christi universal wirksam ist – auch dort, wo sie nicht ausdrücklich benannt wird – verbunden mit der Freiheit und dem Mut, sie auszusprechen, wenn Moment und Beziehung es ermöglichen. Sie ist ferner die prophetische Kraft, in einer pluralen Welt Partei für die Gerechtigkeit zu ergreifen, ohne dabei andere Menschen und Überzeugungen auszugrenzen. In dieser ganzheitlichen Integration wird Kirche das, wofür sie von Anfang an berufen ist: jene Gemeinschaft von Jüngern, die sich ganz dem Dienst am Leben verschreibt und von dem zeugt, der das Leben selbst ist – in Wort und Tat, in Verkündigung und Diakonie, in Solidarität und Hoffnung.

Mit dem Missionsdekret Ad gentes hat das Zweite Vatikanische Konzil die Mission in die Essenz der Kirche hineingestellt. Mission ist nicht strategisches Programm, sondern wesenskonstitutiv für die Kirche selbst: Sie entspringt der trinitarischen Liebesgemeinschaft Gottes  – Gott sendet die Kirche wie der Vater den Sohn gesandt hat. Die Kirche vollzieht sich darum nicht in sich selbst, sondern in ihrer Hinwendung zur Welt zu den existenziellen Wunden des Menschen und der einen Menschheit. Im Tun dessen, wozu sie berufen wurde.

Das missionarische Wesen der Kirche als ekklesiologisches Fundament

Diese ekklesiologische Einsicht hat im deutschsprachigen Raum zu einer neuen Bewusstheit für die Bedeutung des diakonalen Handelns geführt. Diakonie wird nicht mehr als außertheologisches Sozialwerk verstanden, sondern als genuine Ausdrucksform der Sendung. Schon Ad gentes formuliert: In konkreten Taten der Nächstenliebe, in der Bekämpfung von Hunger, Unwissenheit und Krankheit, in der Arbeit für Gerechtigkeit manifestiert sich die Liebe Gottes zu den Menschen. Diese Erkenntnis hat der Kirche im deutschsprachigen Raum ermöglicht, eine starke, glaubwürdige Präsenz in Caritas, Sozialarbeit, Entwicklungshilfe und Schulen zu stärken und gar über ihre Grenzen hinauszugehen und weltweit dort Einsatz zur Anwaltschaft der Menschenwürde zu ermöglichen, wo das Leben zu kurz kommt.
Doch im Prozess dieser Neuausrichtung ist eine Frage unvollständig beantwortet geblieben – eine Frage, die bereits von Papst Paul VI. mit Evangelii nuntiandi aufgeworfen wurde: In welchem Verhältnis stehen Martyria (Verkündigung) und Diakonia (Dienst) zueinander? Können sie nebeneinander bestehen, ohne in eine unbewusste Hierarchie zu verfallen? Das gegenwärtige Missionsverständnis, das verstärkt im Pontifikat von Papst Franziskus in den Vordergrund trat, beantwortet diese Frage und ermutigt die Kirche zu erkennen und die Aktivitäten zu fördern, wo die Kirche missionarisch tätig ist: bei den Armen, bei den existenziell Verwundeten. Demzufolge wurde das Kapitel neu aufgemacht und erkannt, wie Verkündigung und Diakonie sich gegenseitig bedingen, nicht als additive Ergänzung, sondern als wechselseitige Modi derselben evangelisierenden Dynamik.

Die Spannung zwischen Dialog und Verkündigung: Ein produktives Ringen

Der deutschsprachigen Theologie ist es zu Recht zu verdanken, dass sie den Dialog ernst genommen hat als genuine missionarische Grundhaltung – nicht als taktisches Mittel, sondern als Wesenselement einer Kirche, die bereit ist zu hören, zu lernen, die Reichtümer Gottes auch unter nichtchristlichen Völkern und Kulturen zu erkennen. Dies ist eine Frucht der postkolonialen Kritik und der Einsicht, dass Evangelisierung nicht länger als westliche Übergriffigkeit verstanden werden darf.
Doch aus diesem berechtigten Dialog ist manchmal eine Scheu vor der expliziten Artikulation christlichen Glaubens entstanden. Kirche hilft, kümmert sich, setzt sich für Gerechtigkeit ein – aber sie benennt die Quelle dieser Verpflichtung, nämlich den Glauben an die heilende Liebe Christi, selten. Dies führt zu einer paradoxalen Situation: Die Kirche ist diakonisch präsent, ohne ihre vom Glauben getragene Motivation deutlich zu machen.
Das integrale Missionsverständnis bietet hier einen dritten Weg an. Es versteht Verkündigung nicht als aggressive Konversion oder Glaubenspropaganda, sondern als die natürliche Frucht gelebter Liebe. Wenn eine Sozialarbeiterin, die mit Flüchtlingen arbeitet, nicht nur sachlich hilfreich ist, sondern auch bekennt: „Ich tue das, ich kann nicht anders, weil ich daran glaube, dass die Würde dieses Menschen unantastbar ist; es ist die Ebenbildlichkeit Gottes in allen Menschen“ – dann ist das nicht übergriffig, sondern es ist Verkündigung im authentischen Sinne: eine Kundmachung des Glaubens, der das Handeln trägt. Der Dialog endet nicht hier, sondern er wird vertieft. Der andere kann annehmen oder ablehnen, aber er versteht besser, wozu der Glaube den Glaubenden hinbewegt: zu den Mitmenschen.

Das Feldlazarett als Lernort der Kirche

Es besteht ein strukturelles Gefälle zwischen jenen, die Pastoral gestalten und lehren, und jenen, die sie täglich in der existenziellen Realität leben. Jene im Feldlazarett – Pfleger/-innen in Hospizen, Sozialarbeiter/-innen in Brennpunkten, Seelsorger/-innen in Gefängnissen in den Pfarren, Caritasmitarbeiter/-innen mit Flüchtlingen – erleben täglich die integrale Realität missionarischen Handelns, ohne sie so zu nennen.
Sie erkennen, dass an der Bettkante eines sterbenden Menschen die Unterscheidung zwischen „gläubig“ und „ungläubig“ aufgehoben ist und es auch nicht darum geht, dass aus Un-Glaube Glaube wird. Zwei Menschen – einer, der stirbt, einer, der begleitet – stehen vor dem Geheimnis des Lebens. In dieser Stunde wird die Kirche nicht durch Lehre, sondern durch Gegenwärtigkeit selbst. Sie wird Sakrament der Begegnung, das heißt sichtbares Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen, die niemandem fremd ist, auch wenn nicht alle sie explizit so nennen. Wenn diese Begleitung aus dem Glauben geschieht – und das ist sie bei denen, die in den Feldlazaretten stehen – dann ist sie Verkündigung, ohne ein Wort zu sagen.
Doch wenn die Praktiker/-innen an der Frontlinie auch ermutigt werden, ihre Praxis zu artikulieren, ihre Glaubensquelle zu benennen, dann geschieht etwas Wesentliches: Sie werden nicht länger stille Träger kirchlicher Sendung, sondern bewusste Zeugen einer ganzheitlichen, integral verstandenen Mission. Und die Kirche als Ganze wird durch sie daran erinnert, dass sie mehr ist als ihre Strukturen und Apparate, nämlich Begegnungsraum, wo Menschen aufatmen und in ihrer Menschlichkeit wachsen können.
Eine Pastoraltheologie, die es ernst meint, ist daher eine Theologie des Lernens von der Basis. Die implizit theologische Weisheit der Caritasmitarbeiter/-in, der Pfleger/-in, der Seelsorger/-in ist nicht weniger wert als die systematische Reflexion – sie ist deren notwendiges Korrelat und ihre Stimme muss gehört werden. Hier liegt allerdings auch eine kritische Aufgabe für die kirchliche Kommunikation nach außen: Solange die wahrnehmbare Stimme der Kirche sich selbst dauerhaft kritisiert und schlechtredet, macht sie gerade jene unsichtbar, auf die es der Kirche wirklich ankommt – jene an der Frontlinie, deren Engagement und Glaubenstreue die Kirche erst zu dem macht, wofür sie berufen ist. Diese ständige Selbstkritik nach außen führt dazu, dass gerade die Praktiker/-innen an der Basis sich rechtfertigen müssen für Fehler, für langsame Reformen, für menschliche Inkompetenz, anstatt sich ganz ihrer Berufung hingeben zu können und ja, auch manchmal stolz sein zu dürfen, dass durch ihr Wirken sich Kirche ereignet, die Vision Gottes für diese Welt und für den Menschen, nämlich, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Die tendenziös negativen Schlagzeilen über die Kirche sind gerade denen gegenüber nicht gerecht, die im Feldlazarett tagtäglich schuften.
Ein Umdenken wäre heilsam: mehr auf die Frontlinie hören, mehr die Realität der Feldlazarette sichtbar machen, und weniger die Verantwortungsträger/-innen in den Mittelpunkt stellen. Dies würde nicht nur den Praktiker/-innen Gerechtigkeit und Wertschätzung widerfahren lassen, sondern es würde auch den Entscheidungsträger/-innen selbst helfen, ihre Entscheidungen an jenen Kriterien auszurichten, die wirklich zählen: an der konkreten Liebe, an der Würde der Menschen, an der gelebten Sendung derer, die täglich im Feldlazarett arbeiten.

Zur Kompetenz der Vielstimmigkeit: Katholisch-Sein in pluraler Welt

Papst Franziskus hat in Evangelii gaudium eine Kirche beschrieben, die sich peripher stellt – nicht um sich zu isolieren, sondern um dort präsent zu sein, wo Wunden sind. Dies bedeutet konkret: Die Kirche im deutschsprachigen Raum arbeitet in Kontexten fundamentaler religiöser und weltanschaulicher Vielfalt. Sie trifft auf Atheisten, die ethisch handeln. Sie arbeitet mit Muslimen, säkular Engagierten zusammen. Dies ist nicht Bedrängnis, sondern Chance für eine Kirche, die ihre Identität nicht durch Abgrenzung, sondern durch Anwaltschaft der Menschenwürde und prophetische Zeugenschaft aktualisiert.
Katholisch-Sein bedeutet daher immer weniger dogmatische Unflexibilität, sondern die Fähigkeit, in Spannungen zu stehen und dabei doch die Klarheit der missionarischen Sendung zu bewahren. Die Kirche kann mit anderen kooperieren, ohne ihre Wahrheitsansprüche aufzugeben. Sie kann von anderen Religionen lernen, ohne den Glauben an Christus zu relativieren. Sie kann schweigen, wo es klug ist, und sprechen, wo Gerechtigkeit es verlangt. Diese Kompetenz der Vielstimmigkeit ist nicht Beliebigkeit, sondern gerade die Form, in der missionarische Präsenz heute authentisch ist und durch die Kirche sich tagtäglich ereignet.

Pastorale Konsequenzen: Synodalität und Partizipation

Wenn ein integrales Missionsverständnis ernst genommen wird, ergibt sich zwingend eine pastorale Konsequenz: Die synodalen Räume, in denen die Kirche ihre Sendung ausbuchstabiert, dürfen nicht nur von Lehrenden und leitenden Amtsträgern gestaltet werden. Jene, die täglich wirken, sind Subjekte der Selbstreflexion, nicht Objekte von Pastoralplanung. Sie bringen eine Weisheit mit, die nicht erworben werden kann, sondern die aus der Erfahrung des Stehens bei leidenden, fragenden, hoffnenden Menschen wächst.
Eine Seelsorgerin, die jahrelang mit Drogenabhängigen arbeitet, weiß von Heilung und Scheitern, von Gnade und Freiheit, von dem Geheimnis der menschlichen Würde mehr als mancher akademische Text. Dieses Wissen muss zu Gehör gebracht werden. Päpstliche Lehramtsaussagen und wissenschaftliche Theologie sind nicht überflüssig – aber sie gewinnen ihre Glaubwürdigkeit und ihre Realitätsbezogenheit nur, wenn sie bereit sind zu hören, zu lernen, sich korrigieren zu lassen durch jene, die an der Basis stehen. Wie empfänglich für realitätswache Lehramtsaussagen die heutige Welt ist, zeigt uns der Abschied der Menschen über alle Grenzen hinweg von dem Papst, der sein Pontifikat den Armen und Kleingemachten widmete und Christus stets in den Kleinsten gesucht hat.
Notwendige Bedingtheit der Mission und Synodalität führt zu einer neuen, ebenso notwendigen Form von Partizipation: nicht Ehrenamtliche als Helfer, sondern Co-Träger/-innen der missionarischen Sendung, deren Stimmen in Prozessen der Entscheidungsfindung gleichgewichtig sind. Das integrale Missionstverständnis ist darum nicht abstrakt, sondern zutiefst synodal verfasst mit ganz sichtbaren Konsequenzen für die Praxis der Kirche, für die Rampenlichter der Kirche und für die Kommunikation der Kirche.

Die prophetische Dimension missionarischer Präsenz

Abschließend sei ein Moment benannt, der manchmal vernachlässigt wird: Die missionarische Präsenz der Kirche hat eine unverzichtbar prophetische Dimension. Sie zielt nicht bloß auf individuelles Heil ab, sondern sie ist Anwaltschaft für die Armen, die Ausgegrenzten, die Migranten, die Opfer struktureller Ungerechtigkeit. In den Megathemen unserer Zeit – Migration, Klimaverantwortung, Wirtschaftsgerechtigkeit, Kriegsgewalt – kann die Kirche nicht schweigen. Sie muss zu Wort kommen, nicht triumphalistisch, aber deutlich und prophetisch.
Doch hier offenbaren sich die sichtbaren strukturellen Sünden unserer Gesellschaft – und vor ihnen ist auch die Kirche nicht gefeit. Es geht nicht um eine Politisierung der Kirche, sondern um die unmittelbare Konsequenz des Glaubens an ein Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit und Friede herrschen. Wo die Kirche zu Unrecht schweigt, verrät sie ihre prophetische Berufung und es besteht die Gefahr einer praktischen Häresie. Doch wo sie spricht, muss sie auch ad intra handeln, um glaubwürdig zu bleiben. Spricht sie Diskriminierung an, kritisiert sie Klassendünkel, dann muss sie sich fragen: Wie gehen wir mit Migrantinnen und Migranten in unseren eigenen Reihen um? Setzt sie sich für Schöpfungsverantwortung ein, dann muss sie diese Forderung zunächst an sich selbst richten: Welche nachhaltigen Lebensformen sind heute, gerade im Licht von Altem und Neuem Testament, denkbar und notwendig? Welche praktischen Konsequenzen hat es, wenn jemand Armut gelobt, sie aber nicht lebt?
Bei den Gelübden der Keuschheit und des Gehorsams ist die Kirche bekanntermaßen viel konkreter in ihrer Überprüfung als hinsichtlich des Armutsgelübdes im gottgeweihten Leben. Diese Asymmetrie ist symptomatisch und verdient Aufmerksamkeit. Die Kirche ist in ihrer missionarischen Sendung eingeladen – und verpflichtet – sowohl ad intra als auch ad extra für Gerechtigkeit einzustehen, gegen Unterdrückung zu wirken, für die Würde aller Menschen Partei zu ergreifen. Nur so kann sie zu jenem Sakrament der Hoffnung werden, das sie sein soll – fragmentarisch zwar, aber gerade in dieser Fragmentarität glaubwürdig. Diese Hoffnung ist missionarisch kraftvoll, weil sie gelebt wird und die Liebe Gottes zu den Menschen konkret erfahrbar macht.

Anzeige: Mit der Trauer weiterleben. Gespräche über persönliche Verlusterfahrungen. Von Lea Reinhard und Michael Reinhard
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