Eine der Perspektiven der Steyler MissionareFormen und Bedeutung einer missionarischen Präsenz in deutschen pastoralen Kontexten

Die missionarische Präsenz bildet ein Kernprinzip des heutigen Missionsverständnisses auch der Steyler Missionare, die den Veränderungsprozess im Verständnis von Mission mitgetragen und mitvollzogen haben. Missionarische Präsenz beschreibt einen ganzheitlichen und dialogischen Missionsansatz, der sich deutlich von früheren, primär auf Bekehrung ausgerichteten Methoden unterscheidet.

Missionarische Präsenz ist eine Konsequenz der missio Dei (Mission Gottes) als der Grundlage aller missionarischen Aktivitäten und alles missionarischen Seins. In Ad gentes (AG) des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: „Die pilgernde Kirche ist ihrem Wesen nach „missionarisch“ (das heißt als Gesandte unterwegs), da sie selbst ihren Ursprung aus der Sendung des Sohnes und der Sendung des Heiligen Geistes herleitet gemäß dem Plan Gottes des Vaters.“ (AG 2) Gott selber ist nach diesen Worten der Sendende, von ihm geht die „Mission“ aus, die dann an die Jünger, an alle Glaubenden weitergegeben wird. Dei verbum (DV) sagt, wie diese Weitergabe geschieht: „Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1,9): dass die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur (vgl. Eph 2,18; 2 Petr 1,4). In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,17) aus überströmender Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl.  Ex  33,11; Joh  15,14–15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen“ (DV 2). Und so nehmen Menschen, die die Liebe und Freundschaft Gottes erfahren haben und in Gemeinschaft mit ihm leben, auch an der Sendung Gottes teil. Das betrifft alle Gläubigen und auch die gesamte kirchliche Pastoral.

Steyler Missionare und Mission

Orden können ihre Erfahrungen auch in die Lokalkirchen einbringen, in denen sie tätig sind und so die Pastoral bereichern. Die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ (SVD) wurde vom Hl. Arnold Janssen in der Hochblüte des Kolonialismus gegründet. „Die Verkündigung der Frohbotschaft ist das erste und höchste Werk der Nächstenliebe“, davon war er überzeugt und sandte Steyler Missionare und Steyler Missionsschwestern in alle Kontinente. Bis heute ist die Frohe Botschaft Jesu vom Reich Gottes das Zentrum aller missionarischen Bemühungen. Aber das Verständnis und die Praxis von Mission haben sich verändert. Dabei ist es der SVD zu Gute gekommen, dass die internationale Gemeinschaft in allen Kontinenten Wurzeln geschlagen hat und dort heimisch geworden ist. Vor allem in Asien lernten die Mitglieder der Gesellschaft den respektvollen, ja ehrfürchtigen Dialog mit Jahrtausende alten anderen religiösen Traditionen. In Afrika und Ozeanien wurde man konfrontiert mit kulturellen Gegebenheiten, die eine tiefgreifende Inkulturation des Evangeliums verlangten. In Lateinamerika machten Steyler den Schrei unterdrückter Völker nach Menschenwürde und Befreiung zu ihrem eigenen Anliegen. In Westeuropa war der Orden zunehmend betroffen von der Entkirchlichung der Menschen, die einherging mit einer intensiven spirituellen Suche vieler Menschen. Diese verschiedenen Kontexte halfen, den Weg der Mission zunehmend als einen „prophetischen Dialog“ zu begreifen: mit Menschen anderer Religionen und Kulturen, mit Armen und Unterdrückten sowie mit Suchenden. Dieses Verständnis sowie die interkulturellen Gemeinschaften, in denen Steyler heute auch in Europa oder Deutschland leben, werden zum Zeugnis in einer Gesellschaft, die Migranten, Flüchtlingen oder Fremden mit zunehmendem Mistrauen und vielen Vorurteilen begegnet. Diese Erfahrungen sollen auch in der Pastoral im Dialog an Gemeinden weitergegeben werden. „Prophetisch“ ist der Dialog, weil die SVD sich aus der Perspektive der biblischen Offenbarung für den Aufbau des Reiches Gottes einsetzt. Dabei ist aber die Überzeugung, dass Gott immer schon am Wirken ist im Einsatz vieler Menschen und Gruppierungen und dass Mission – wie es das Konzil sagt – Mitarbeit an der Mission Gottes, die auch schon von Menschen anderer Kulturen und Religionen praktiziert wird. Dieses Verständnis von Mission wollen die Steyler Missionare aktiv in ihre Ortskirchen einbringen und in diesem der Kirche wesentlichen Bereich zur Klärung, zur Orientierung und zu neuer Motivation beitragen. So wollen die Steyler Missionare mitknüpfen an einem tragfähigen Netz des Lebens, der Hoffnung und der Zukunft, weil sie sich von der Liebe Christi gedrängt fühlen (vgl. 2 Kor 5,14). So wird „Dialog“ als der Weg der Mission vorgeschlagen, weil das am ehesten dem Evangelium entspricht, ebenso wie dem heutigen Selbstverständnis der Menschen und den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Dialog üben heißt Machtpositionen aufgeben, einander auf Augenhöhe begegnen, den Anderen in seinem Anderssein ernst nehmen und ihm/ihr wertschätzend begegnen. Es heißt, sich selbst aussetzen und in einen Veränderungsprozess hineingehen, so wie es uns Gott in Jesus Christus vorgelebt hat, der „sich entäußerte“ (Phil 2,7), um uns befreiend zu begegnen. All das ist dann immer neu im Hinausgehen zu und der Begegnung mit den Menschen in konkrete Praxis umzusetzen. Der erste Schritt der Mission besteht im Erlernen der Lebenssituationen von Menschen, zu denen Missionare sich gesandt wissen. Aber ganz gleich wer diese Menschen sind – Menschen auf der Suche nach dem Glauben, oder Menschen, die arm und an den Rand gedrängt sind, Menschen verschiedener Kulturen oder unterschiedlicher Glaubenstraditionen – bleibt Mission nicht beim Kennenlernen stehen, sondern sucht immer neu nach Wegen, die Botschaft des Evangeliums Jesu Christi zu vermitteln und anzubieten. Das führt dann notwendigerweise auch zu Veränderungen pastoraler Praxis und von Gemeinden.

Missionarische Präsenz als Zeugnis

Bereits 1975 schrieb Papst Paul VI. in Evangelii nuntiandi (EN) über die Bedeutung des Zeugnisses für die Evangelisierung. So heißt es dort, dass die Verkündigung des Evangeliums durch ein Zeugnis erfolgt, „wenn ein einzelner Christ oder eine Gruppe von Christen inmitten der menschlichen Gemeinschaft, in der sie leben, ihre Verständnis- und Annahmebereitschaft, ihre Lebens- und Schicksalsgemeinschaft mit den anderen, ihre Solidarität in den Anstrengungen aller für alles, was edel und gut ist, zum Ausdruck bringen.“ (EN 21) Des Weiteren sollen Christen „auf ganz einfache und spontane Weise ihren Glauben an Werte bekunden, die über den allgemeingängigen Werten stehen, und ihre Hoffnung in etwas, das man nicht sieht und von dem man nicht einmal zu träumen wagt.“ (ebd.)
Für die Kirche ist das Zeugnis eines echt christlichen Lebens mit seiner Hingabe an Gott in einer Gemeinschaft, die durch nichts zerstört werden darf, und gleichzeitig mit einer Hingabe an den Nächsten in grenzenloser Einsatzbereitschaft der erste Weg der Evangelisierung, „Der heutige Mensch“, so sagten wir kürzlich zu einer Gruppe von Laien, „hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind“ (EN 41).
Die missionarische Präsenz ist ein theologischer Begriff, der ein Missionsverständnis beschreibt, das sich von früheren, oft expansiveren Formen abhebt und gut von den auch heute weiterhin gültigen Ausführungen zum Thema „Zeugnis“ zusammengefasst wird. Mit „missionarischer Präsenz“ ist das christliche Lebenszeugnis im Alltag gemeint. Dabei geht es weniger um die direkte, aufdringliche Verkündigung oder Bekehrung in fernen Ländern, sondern vielmehr um das unaufdringliche und wirkungsvolle christliche Leben der Gläubigen in allen Bereichen der Gesellschaft (wie im Beruf, in der Familie, in der Freizeit), das für christliche Gemeinden oder Gemeinschaften genauso eine Herausforderung darstellt wie für einzelne Christen. Der Satz „Predige das Evangelium immer, wenn nötig, gebrauche Worte“ (oft Franz von Assisi zugeschrieben) betont, dass Zeugnis und Taten (gute Werke, Diakonie) das Fundament des Glaubens sind, aber Worte (Predigt, Verkündigung) unerlässlich sind, um den Glauben zu vermitteln, da Menschen durch Zuhören glauben und Gott erkennen, wie es die Bibel in Römer 10,14–17 zeigt. Es geht um die Balance: Das Leben als Vorbild, aber auch das explizite Sprechen über den Glauben, um andere zu erreichen und zu Gott zu führen.

Kirche inmitten der Welt

Wir sprechen über das „Sein in der Welt“, das heißt, dass die Kirche oder der einzelne Christ nicht abgeschottet leben, sondern mitten in der heutigen multikulturellen Welt präsent sind und durch ihre bzw. seine Existenz das Evangelium widerspiegeln sollen. Es geht also um die missionarische Präsenz einer Kirche, die sich den Menschen und der Welt zuwendet und sich nicht hinter verschlossenen Türen verbirgt. Papst Franziskus hat das in Evangelii gaudium (EG) so ausgedrückt:
„Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um allen das Leben Jesu Christi anzubieten! Ich wiederhole hier für die ganze Kirche, was ich viele Male den Priestern und Laien von Buenos Aires gesagt habe: Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist. Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben. Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos wiederholt: ‚Gebt ihr ihnen zu essen!‘ (Mk 6,37).“ (EG 49)
Daraus ergeben sich die wichtigen Aspekte von Authentizität und Liebe. Die missionarische Kraft erwächst aus einem authentischen, zugewandten Leben, aus der Solidarität mit den Mitmenschen und der spürbaren göttlichen Liebe im Handeln. Der Mensch soll „Christus-transparent" leben.

Dialog als Haltung

Das geschieht in einer Haltung von Dialog und Offenheit. „[…] Dialog ist daher die Norm und die notwendige Weise jeder Form christlicher Mission, als auch von jedem ihrer Aspekte, sei es einfache Präsenz und Zeugnis, Dienst oder direkte Verkündigung […]“ (Dokument Dialog und Mission, 1984, Nr. 29) Missionarische Präsenz ist eng mit dem Dialog verbunden. Sie bedeutet, offen und gastfreundlich zu sein, auf die Fragen der Menschen einzugehen und bereit zu sein, Rede und Antwort über die christliche Hoffnung zu stehen, ohne anderen die eigene Wahrheit „überzustülpen“. Der Dialog ist dabei weniger eine Strategie als vielmehr eine grundlegende missionarische Haltung, die anderen mit Respekt und Offenheit begegnet. Für die Steyler Missionare bedeutet missionarische Präsenz vor allem, respektvoll und auf Augenhöhe in den Kulturen und Lebenswirklichkeiten der Menschen Gegenwart zu sein.
Der interreligiöse und interkulturelle Dialog bedeutet Zugehen auf andere Kulturen und Religionen. Statt Konfrontation steht das Kennenlernen und Verstehen im Vordergrund. Die Steyler treten demütig in den Dialog ein und sehen sich als Gäste in einer fremden Kultur. So ist der Dialog auch Zeugnis für die Frohe Botschaft. Im Dialog wird Zeugnis gegeben vom eigenen Glauben und der Botschaft vom Reich Gottes – daher der Begriff „Prophetischer Dialog“.

Eine neue Mission

Ein weiterer Aspekt der missionarischen Präsenz ist der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Das ist aktives Engagement für die Armen, Entrechteten und Ausgegrenzten. Die Verwirklichung des Reiches Gottes wird durch konkretes Handeln für Menschenwürde und Überleben sichtbar. Zum Beispiel wird so auch die in den eigenen Gemeinschaften gelebte Interkulturalität zu einem Zeugnis in einer Zeit immer weiter zunehmender Migranten- und Flüchtlingszahlen und einer abnehmenden Bereitschaft vieler Länder, Fremde aufzunehmen.
Zum sozialen Engagement gehören Nothilfe, Bildungsprojekte (Kindergärten, Schulen), die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen und der Kampf gegen Ungerechtigkeit.
Der Fokus auf der missionarischen Präsenz spiegelt das gewandelte Missionsverständnis der gesamten katholischen Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) wider:
Das Ziel von Mission ist nicht mehr primär die schnelle Taufe von Menschen, sondern das ganzheitliche Wohl der Menschen und das sichtbare Leben des Evangeliums in der Welt. Es herrscht die Überzeugung, dass Gott sein Heil auch den Menschen schenken kann, die nicht getauft sind. Der Fokus liegt daher auf der Partnerschaft mit den Menschen. Die missionarische Sendung ist heute eine Aufgabe der gesamten Kirche und aller Christen, nicht nur der spezialisierten Missionare. Missionarische Präsenz ist eine Aufgabe jeder Ortskirche. Ordensgemeinschaften können dazu inspirieren, indem sie ihre Erfahrungen einbringen.
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil betonen wir, dass die gesamte Kirche „missionarisch“ ist (siehe oben). Dieses Verständnis richtet sich nicht nur an professionelle Missionare, sondern an alle Christen, die durch ihr Taufversprechen zur Teilhabe an der Sendung Gottes berufen sind.
Zusammenfassend bedeutet missionarische Präsenz, dass Christen und Kirchengemeinden durch ihre bloße authentische Existenz, ihr wohlwollendes Miteinander und ihren Dienst am Nächsten in der Gesellschaft als Ort der Hoffnung wirken.

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