Sonntag Reminiszere (1.3.2026)
Römer 5,8: Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
Als ob wir das heute nicht mehr sind. Als ob wir irgendetwas davon schon abgelegt hätten. Als ob wir nicht mehr als das zu bezeichnen wären, wofür Paulus uns den angestaubten Begriff des Sünders aus dem Stammbuch des Menschseins herauszustreichen versucht hat. Als ob wir uns gebessert hätten. Nein, Paulus, das ist noch da, wovon du uns freimachen wolltest. Wahrscheinlich darum, weil wir Menschen sind.
Seit ein paar Tagen bist du wieder unterwegs. Du hast Schritte hinter dir, und du suchst nach denen, die kommen. Der Weg ist gepflastert mit den Opfern der Kriege, und an seinem Rand liegen die Trümmer der Häuser.
Darin haben sie gewohnt, die sich wie du als Menschen definieren. Ihre Schritte finden keinen Halt mehr, in dem Staub, in den ihr Leben gefallen ist. Sie wissen nicht, wie sie das Trauma des Tötens loswerden sollen, und sie fragen dich nach einem Stück Brot. Es ist Leidenszeit, und du bist wieder unterwegs. Als ob sich daran etwas geändert hat.
Gestern noch hattet ihr gehofft. Gestern noch hattet ihr die Chance gesehen, etwas von jener Anhaftung des Menschseins, die Paulus Sünde nennt, loszuwerden. Gestern noch fühlte sich ein Schritt so richtig an wie nur irgendwas. Frieden schaffen ohne Waffen. Es war wie eine Traumsequenz. Doch du bist längst wach. Und die anderen sind es auch. Inzwischen weißt du, dass sie euch bleiben wird, die Anhaftung des Menschseins.
Sie wird euch begleiten. Und ihr werdet weitergehen. Ihr werdet es müssen. Hinter dem Hügel erscheint ein Morgenrot. Jedes Mal ist das so. Jeden Tag ist das so. Unter dem Staub, aus dem das Menschsein gemacht ist, liegt noch ein Weg. Das Wort von der Liebe klingt zwischen euch nach. Trotz allem. Wie die Abgeltung für euer Menschsein. Gott erweist seine Liebe zu uns. Auch auf deinem Weg klingt das Wort von der Liebe. Dass ihr ein bisschen was davon reflektiert. Gerade heute. Resonanzmenschen der Liebe. Weil euch das erst zu Menschen macht. Und so, Mensch, erlebst du deinen nächsten Schritt. Hinter dem Staub liegt schon das Morgenrot.
Sonntag Okuli (8.3.2026)
Lukas 9,62: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Und der neue Tag beginnt. Gestern Abend noch schautest du zurück. Du weißt, dass das so sein muss und dass es euch bleiben wird. Gestern, vorgestern, du siehst all die Schritte, Spuren und Richtungen. Verrannt hattet ihr euch, und ihr habt rausgefunden. Verloren wart ihr, und ihr wurdet zurückgebracht. Es ist die krumme Ackerfurche des Menschseins, die du deutlich siehst. Ein paar Bilder davon nimmst du mit. Die sollen dir Wegweiser sein, und den anderen auch, für euern neuen Tag. Landkarten neuen Hoffens, für den Morgen danach, weil du nicht willst, dass ihr euch wieder verirrt.
Du weißt, dass du dich darum erinnern musst. Du musst sie mitnehmen, die Bilder, die euch das Menschsein zerstört haben. Und so siehst du die hohlen Gebärden der Mächtigen. Du hörst allzu laut das dumpfe Geschrei der Selbstbehauptung, das den anderen stets nur in den Dreck tritt. Hier, auf deiner Straße auch. Du erkennst die Ignoranz, die dazu führt, dass das eine Ackerfeld vertrocknet und das andere überschwemmt wird. Du weißt aber auch, dass die Frage, ob du noch eine Hand frei hast, an dich geht.
Das Feld liegt brach. Du siehst es vor dir. Vielleicht hattest du dich zu lange ausgeruht. Jetzt gibt es viel zu tun, an diesem neuen Tag. Die Richtung, in die du den Pflug zu ziehen hast, heißt bergan. Vielleicht führt sie darum wieder aufwärts, so lächelst du dir eine Brücke zurecht. Zurück ins Menschsein. Vielleicht ist das Menschsein wie ein Berg. Anstrengend ist es allemal, dorthin zu gelangen. Vielleicht siehst du sie erst von dort, die Brücken, Straßen, Schienen, die Dächer auf den Häusern, die Nahtstellen des Menschseins, die Kreuzwege, die euch alle verbinden.
Du weißt, dass die Furche, die du ziehst, in den Mühen der Ebene, dass die auch nicht geradeaus verlaufen wird. Aber lass dir deshalb nicht einreden, das Feld der Liebe wäre unfruchtbar geworden. Lass dir die Hoffnung auf Frieden nicht zur Naivität verunglimpfen. Lass dir nicht sagen, Realpolitik allein wäre das Maß eurer Schritte. Du weißt von deinem Blick, der weiter reicht. Du siehst eine blühende Welt. Und erwachendes Leben. Das Feld der Liebe, es wird dich reich machen. Du hast die Hand am Pflug. Mensch, schau jetzt nach vorn!
Sonntag Lätare (15.3.2026)
Johannes 12,24: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Es ist nur ein einziges Korn. Winzig. Unscheinbar. Gar nicht viel. Es ist fast nichts. Du kannst es leicht übersehen und als wertlos erachten. Nein, du kannst es überhaupt nicht sehen. Denn es ist in dir drin. Und so klein, dass du Tage hast, an denen du kaum etwas von ihm spürst.
Das Feld ist inzwischen bereitet. Und es ist in dir gewachsen, das einzige Korn. Seitdem trägst du die Hoffnung in dir. Es steigt ein Morgen auf, nach der Nacht. Was schlecht war, wird gut. Da kommt ein Weg nach dem Weg. Und ein Frieden nach dem Krieg.
Es ist nur ein einziges Korn. Gott hat die Keimzelle der Hoffnung in dich hineingesät. Für jeden Tag. Seitdem hoffst du. Jeden Tag ein bisschen.
Das winzige Korn hat die Kraft für dein ganzes Leben. Für alle Schritte und jeden Weg. Da war ein einziges Korn. Ausgesät in dir.
Es ist Frühling in dir. Und es wächst aus dem einzigen Korn. Jedes Mal neu. Jedes Mal, wenn du aufgegeben hattest. Jedes Mal, wenn du nicht weitergewusst hast. Jedes Mal, wenn du am Ende warst, wächst das Korn in dir neu. Und es wächst weiter, wenn du stirbst. Du hoffst. Aus einem einzigen Korn.
Und auch du bist nur ein einziges Korn. Winzig und unscheinbar. Du bist übersehbar und könntest als wertlos erachtet werden. Manchmal sogar von dir selbst. Doch deine Hoffnung macht auch dich zur Frucht jenes einzigen Weizenkorns.
Alle deine Hoffnung wächst aus dir heraus in die Welt. Du säst sie aus, unter den Menschen. Dass sie ein Feld bestellen, das sie satt werden lässt. Und die anderen auch. Dass sie einen Frieden machen, der sie alle meint. Dass sie beim Blick auf den anderen den Menschen sehen. Der hofft. So wie du.
Das Weizenkorn. Wieder fällt es in die Erde. Dass dem Menschsein die Hoffnung wächst. Manchmal sagen die Menschen: Die Hoffnung, sie stirbt zuletzt. Der Blick aufs Kreuz, der dir bevorsteht, der könnte dich darin einstimmen lassen. Aber das stimmt nicht. Die Hoffnung stirbt nie. Auch nicht für dich. Auch nicht in dir. Sie ist das Weizenkorn in dir.
Sonntag Judika (22.3.2026)
Matthäus 20,28: Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.
Du gehst jetzt weiter. Du weißt nicht genau, ob das wirklich stimmt, doch du versuchst dich an ein paar nächsten Schritten. Zwischen euerm Menschsein ist viel Raum entstanden. Ihr habt euch voneinander entfernt, und ihr habt es nicht bemerkt. Mauern haben sich aufgebaut, Gräben haben sich zwischen euch aufgetan. Ihr seid gefangen in den Umständen, gehalten in den Verhältnissen, in denen die Welt euch zueinander gestellt hat. Zerrissen zwischen der Sorge um euch selbst und der Hilfe für den anderen.
Manchmal wünschst du dir, davon frei zu sein. Frei von den Sorgen, von deinen Ängsten, von den Notwendigkeiten, die dich immer wieder hineinstellen, in all die Entfernungen, in das Lückenhafte zwischen eurem Menschsein. Frei von den Zwängen, die dich festhalten, frei für die Schritte zurück in ein Menschsein, das den anderen neben sich weiß.
Manchmal wünschst du dir, es würde ohne Grenzen gehen, ohne diesen äußeren Rand, der euch vom Menschsein der anderen trennt. Doch dann siehst du sie, die Bilder der Welt eures Menschseins.
Rüstungsmilliarden und Wehrpflicht. MAGA und Deutschland zuerst. Drohnenangriffe und Geiselnahmen. Fantasien von Großrussland und imperialer Wahn. Du siehst, wie du da selber drinsteckst, siehst, dass das Lückenhafte eures Menschseins gerade eben nicht wirklich kleiner wird.
Du erkennst, dass ihr das Menschsein mal wieder nicht besser hinbekommt, als einer zu dir kommt, den sie den Christus nennen. Und der ist der Sohn des Menschseins, er stellt sich hinein in das Lückenhafte eures Menschseins, er füllt es aus mit sich selbst, alles das, was ihr gerade eben nicht besser hinbekommt. Er sagt euch, dass das Lückenhafte zu eurem Menschsein dazugehört, und es ist, als ob sich gerade jetzt deine Fesseln lösen. Du kannst gehen, Mensch, weitergehen, es ist abbezahlt, was du schuldig warst, du bist frei, frei für das Menschsein, das so ist, wie es ist.
Palmsonntag (29.3.2026)
Johannes 3,14b.15: Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Ihr seid fast da. Angekommen auf dem Berg des Menschseins. Mit eurer Hoffnung habt ihr einen Schritt vor den anderen gesetzt. Für einen ganzen Weg. Mit eurer Liebe habt ihr es geschafft, beieinander zu bleiben. Beinahe jedenfalls, mit Abstrichen allenthalben, und davon weißt du selbst und davon redest du nicht. So wie ich.
Ihr seid losgelaufen, als einer von Liebe sprach und von der Hoffnung, die in euch lebt. Und der letzte Schritt, den ihr noch gehen werdet, den bringt euch das Glauben, und so wird das ein Dreischritt zu Gott, bis hinauf auf den Berg des Menschseins.
Dort wird ein Kreuz stehen, und du wirst nicht begreifen, warum, du wirst es kaum aushalten, dass es deinetwegen dort steht und meinetwegen auch, und du wünschst dir wie ich, dass das nicht nötig wäre, und du hörst Worte von einem Opfertod für das Menschsein des Menschen. Und es bleibt abstrakt, was du hörst und was du siehst, doch du siehst auch, dass es hier nur noch den einen Weg gibt, es ist der Weg des Glaubens, und du hast nur noch die eine Chance, den Weg zu finden, das ist die Chance des Glaubens.
Und der Zweifel tritt an dich heran, er stellt dir Fragen, die du nicht beantworten kannst, aber du weißt, dass der Zweifel schon den ganzen Weg mit dir unterwegs ist, dass er dir seine Fragen gestellt hat, und dann hast du nach Antworten gesucht, und du hast sie gefunden, die Antworten, die dich tragen.
Eine davon ist der Regenbogen, der das Wolkenband deiner Gedanken überspannt, eine andere ist das Morgenrot, mit dem du losgelaufen bist, und die Blumen, die draußen wieder aufblühen, und eine dritte, die hat drei Tage zu warten gelernt.
Und manchmal siehst du in den Himmel über dir und du weißt, dass der nur aus Weltall besteht; die Frage nach Gott, die wird er dir nicht beantworten, nicht, wie lange Ewigkeit dauert und auch nicht, woher du kommst und wohin du gehst. Dir bleibt nur der eine Weg, und du suchst weiter nach dem einen Weg und dann, dann findest du den Anfang für den einen Weg. Und die Antwort ist einfach. Er ist in dir.