Es ist ein heller, freundlicher Tag. Die warmen Strahlen der Märzsonne verkünden schon den nahenden Frühling. Ich laufe gerade an einem Spielplatz vorbei. Höre das Lachen und Schreien der Kinder, die dort spielen. Einen kurzen Moment bleibe ich stehen und sehe zwei Kindern zu, die zur Rutsche rennen. Sorglos sehen sie aus. Glücklich.
Auf einmal stolpert eins der Kinder. Fällt. Ich sehe, wie sein lachendes Gesicht sich verzieht, Tränen plumpsen auf die Erde. Kurz ist es still, dann höre ich es rufen. „Maaamaaaa!“
Eine junge Frau kommt angerannt. Hilft dem Kind wieder auf die Beine, wischt ihm den Dreck von Händen und Hose. Die Knie sind etwas aufgeschürft, ansonsten scheinen keine bleibenden Schäden vorhanden zu sein. Ich sehe, wie die Mutter ihr Kind tröstet. Ihm mit einem Taschentuch die Tränen trocknet. Ihm freundlich, beruhigend zuspricht. Kurze Zeit später scheint der Schmerz vergessen, das Kind macht sich fröhlich auf und klettert den Rutschenturm hoch.
Zeitsprung, Szenenwechsel. Wir befinden uns im 6. Jahrhundert vor Christus. Nach und nach kommen sie wieder, die Menschen. Aus dem Exil in Babylon. Lange waren sie fort, verschleppt in ferne Länder. Jetzt kehren sie zurück: Nach Jerusalem. Zurück in die Heimat. In ihren Herzen ist Sehnsucht. Sehnsucht nach dem, was vorher war. Sehnsucht nach ihrer heiligen Stadt.
Doch sie werden enttäuscht. Die Stadt liegt in Trümmern. Der Krieg hat sie vollständig zerstört. Und da, wo vorher der Tempel stand – nur noch Ruinen. Zerstörte Mauern. Vielleicht Säulen, die wie bleiche Knochen in den Himmel ragen. Da stehen sie nun, die Menschen aus Jerusalem. Vor den Trümmern ihrer Sehnsucht. Und sie tun, was man eben so tut in so einer Situation: Sie rufen. Sie klagen.
Und sie bekommen eine Antwort. Gott spricht zu ihnen, durch den Propheten Jesaja:
(Lesung: Jesaja 66,10-12)
Freut euch, spricht der Prophet. Freut euch über die Stadt, ihr alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Ihr habt sie wieder. Ihr sollt euch an ihr erfreuen.
Noch ist die Freude nicht greifbar. Die Häuser, die ihnen Schutz bieten, müssen erst wieder aufgebaut werden. Die Felder, die ihnen Nahrung bringen, müssen erst wieder bestellt werden. Der Tempel, die Wohnung Gottes, ist ein Haufen Trümmer und Staub. Es liegt noch einiges an Arbeit vor ihnen. Wo ist es denn, das Heil, das Gott ihnen versprochen hat?
In ihren Herzen ist Sehnsucht. In ihren Herzen ist Hoffnung. Hoffnung, die sie nach Jerusalem zurückgebracht hat. Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Diese Hoffnung trägt sie. Aber wie sie da so stehen und die zerstörte Stadt sehen, überkommt sie die Trauer.
In genau diese Trauer spricht Gott ihnen neuen Mut zu.
(Lesung: Jesaja 66,12-14)
Jesaja verspricht dem Volk Trost: von Gott selbst. Gott will trösten, wie eine Mutter einen tröstet. Sie werden Trost finden an Jerusalem, werden satt werden von ihrem Trost. Auf dem Arm getragen und geschaukelt.
Das, so verspricht der Prophet: Das werden sie sehen. Ihr Herz, das jetzt voller Sehnsucht und Trauer ist, wird sich freuen, überschwänglich freuen. Die Straßen, grau von Staub und Asche, werden grünen.
An Jerusalem sollen sie getröstet werden. Gott selbst wird sie trösten. Wie eine Mutter.
Ich denke zurück an das Kind auf dem Spielplatz. Denke an meine eigene Kindheit. Daran, wie meine Mutter mich getröstet hat. Ich war damals jung, naiv und sorglos. „Es wird schon wieder gut werden“, hat meine Mutter mir gesagt. Heute bin ich älter und schlauer. Vielleicht auch desillusionierter. Ich weiß, dass eben nicht immer alles gut wird.
Trotzdem brauche ich Trost. Manchmal mehr als alles andere. Trost ist ein Urbedürfnis, das sich das Leben durchzieht. Ein Baby, das in der Wiege schreit und weint. Ein Kind, das sich das Knie aufschlägt. Ein Teenager, der seinen ersten Liebeskummer durchmacht. Ein Erwachsener, der am Grab seiner Eltern steht. Ein sterbender Mensch, der eine Hand sucht, die ihn hält.
Ich kann versuchen, mich selbst zu trösten. Aber das wird nie so gut funktionieren, wie jemand anderes mich trösten kann. Meine Mutter kann das am besten. Immer noch – auch, wenn ich weiß, dass nicht immer alles gut wird. Manchmal muss ich das auch gar nicht wissen. Manchmal reicht es einfach, dass jemand da ist. Sich Zeit nimmt. Zuhört.
Wenn Gott spricht: Ich will euch trösten, wie eine Mutter einen tröstet, macht das ein Bild auf, das die Urform des Trostes darstellt. Wie ein Kind sitzt das Volk auf Gottes Schoß. Wird getröstet, sitzt auf den Knien und wird vielleicht gewiegt. Liegt an ihrer Brust und wird gestillt. Welch unfassbar heimeliges, intimes Bild! Sanft und voller Liebe.
Gott, in der Bibel und der Rezeption oft als stark, männlich und unnahbar beschrieben und gezeichnet, ist hier zutiefst weiblich. Fürsorglich.
Gott wird zur Mutter allen Trostes. Sie sieht die Herzen der Menschen, die zurückgekehrt sind. Sieht die Sehnsucht, die Trauer. Und sie will trösten. Gott tröstet ihr Volk, wie ein Kind getröstet wird; sie verspricht:
Es wird wieder gut. Ich sehe, was du gerade durchmachst. Und ich bin mit dir. Ich bin bei dir. Du bist nicht allein.
Ob wirklich alles wieder gut werden kann, bleibt fraglich. Dass alles wieder wie vorher wird – unwahrscheinlich. Das gilt für die zerstörte Stadt genauso wie für das menschliche Leben. Es gibt Verletzungen im Leben, Brüche, da kommt manchmal die Frage auf: Wird das je wieder gut werden? Werde ich je wieder davon heilen können? Heilung dauert.
Die geht selten so schnell wie bei einem aufgeschürften Knie. Da stehen wir dann manchmal erst einmal vor dem Trümmerhaufen. Fragen uns, wie wir den je wieder aufbauen sollen. Ob auf den verbrannten Feldern je wieder etwas wachsen wird.
Da braucht es Zeit. Und eben Trost. Ich brauche jemanden, der an meiner Seite ist und mir die Hand hält, wenn ich vor den Trümmern meines Lebens stehe. An einem Grab zum Beispiel. Ich brauche jemanden, der mir sagt: Ich bin bei dir. Und vielleicht auch jemanden, der mir zeigt:
Da, schau mal. Zwischen den Trümmern. Da wächst wieder was.
Jemand, der mir durch seinen Trost Mut macht, anzupacken. Mut macht, wieder neu aufzubauen, was zerbrochen ist. Vielleicht wird es nie wieder wie vorher. Aber dafür wird es anders. Das muss nicht schlecht sein.
Vielleicht wird es nie wieder gut. Aber vielleicht wird es anders gut.
Gott, die Mutter allen Trostes, verspricht das ihrem Volk, das vor den Trümmern Jerusalems steht. Und sie verspricht es uns. Das Wort des Propheten gilt nicht nur für Jerusalem. Es gilt für uns alle.
Gott geht ganz, ganz weit in ihrer Liebe. Und wie eine Mutter gibt sie alles für uns, ihre Kinder. Sogar sich selbst. In Jesus Christus ist Gott selbst gestorben. In ihrer aufopfernden Liebe für uns.
Und sie ist auferstanden. In Jesus Christus. Damit wir, selbst in dunkelsten Stunden, hoffen und vertrauen können: Egal, wie schlimm es wird. Selbst der Tod kann uns nicht aus Gottes Hand reißen. Selbst der große, letzte Gegner, ist machtlos geworden.
Durch Jesus Christus. Auch damals, an Jesu Grab, standen die Jüngerinnen und Jünger vor einem Trümmerhaufen. Nicht vor einer zerstörten Stadt. Aber vor ihrer zerschlagenen Hoffnung. Jesus, der sie gelehrt und geführt hat, der ihnen von Gott und ihrem Reich erzählt hat, der ihnen so viel verheißen hat, ist tot. Getötet wie ein Schwerverbrecher. Was nun? Die Jüngerinnen und Jünger sind vielleicht, wie das Volk aus Jerusalem, mit dem Leben davongekommen. Aber vor ihnen nur ein Haufen Scherben.
Und doch sollen auch sie getröstet werden. Christus selbst, der Auferstandene, zeigt sich ihnen. Geht ein Stück mit ihnen auf ihrem Weg.
Lässt sich von ihnen berühren, die Hände in die Wunden legen. Christus selbst spricht ihnen Trost zu.
Vielleicht wird nicht alles wieder gut, so wie es vorher war. Die Jüngerinnen und Jünger müssen ihren Weg nun erst einmal allein gehen. Ohne Jesus, der sie physisch, anfassbar, begleitet. Der Weg wird kein Zuckerschlecken. Aber Christus verspricht ihnen: Es wird anders gut werden. Auch, wenn noch nicht alles überstanden ist. Manche Wunden müssen noch heilen. Manche Narben werden bleiben.
Aber durch all das hindurch will Gott trösten. Die Menschen aus Jerusalem. Die Jüngerinnen und Jünger. Und uns, hier und heute.
Durch all das, was wir im Leben erleben. Durch all das Leid, das uns widerfährt. Selbst durch den Tod hindurch verspricht uns Gott ihren Trost. Ihre Nähe. Freut euch! Allen Widrigkeiten zum Trotz. Sogar, wenn wir sterben. Denn wir dürfen in Hoffnung sterben. Egal, was geschehen mag, egal, wie tief wir fallen – wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Gott fängt uns auf. Will uns umfassen und umhüllen mit ihrer Liebe, ihrem Trost. Wenn wir uns darauf einlassen, darauf vertrauen, kann daraus neue Kraft wachsen. Kraft, die wir brauchen, um irgendwie klarzukommen mit all dem, was das Leben an Chaos und Katastrophe für uns bereithält.
Vielleicht wird es nicht wieder so werden, wie es war. Vielleicht wird es anders. Aber es kann gut werden. Neues wachsen aus den Trümmern des Lebens.
Und bis es wird, weiß ich, wer mich trösten kann. Wie meine Mutter mich getröstet hat. Daran kann nichts und niemand rütteln. Nicht einmal der Tod.
Kollektengebet:
Gott, Ewige und Allmächtige,
bei dir will ich wohnen
wie ein Vogel im Nest.
Dir will ich folgen
durch grüne Wiesen
und dürre Täler.
Denn du bist bei mir.
Bei dir bin ich geborgen, auf all meinen Wegen.
Sei mir ein Licht, wenn es dunkel ist
und ein Schild, das mich beschützt.
In Jesus Christus, deinem Sohn,
und deiner Kraft Heiligen Geistes,
die mit dir lebt und regiert
in Ewigkeit.
Bausteine für die Fürbitten:
Gott, Mutter allen Lebens,
aus Trümmern formst du Neubeginn.
Zwischen Scherben und Schmerz keimt Hoffnung auf.
Darauf vertrauen wir und bringen unsere Bitten vor dich.
In die Trümmer dieser Welt sende deinen Frieden,
damit Feindschaft weicht und Versöhnung wächst.
In die Trümmer in unseren Herzen sende deinen Trost,
wo Schuld, Trauer und Angst uns niederdrücken.
In die Trümmer deiner Schöpfung sende neues Grün,
wo Zerstörung und Ausbeutung das Leben ersticken.
In die Trümmer der Vergangenheit lege deinen Segen,
damit wir heilen können und Wege in die Zukunft finden.
Gott, Mutter allen Lebens,
du machst neu, was zerbrochen ist. Dafür danken wir dir. Amen.
Psalmvorschlag: Psalm 84, 2-13
Evangelium: Johannes 12, 20-24
Liedvorschläge
EG 7 (O Heiland, reiß die Himmel auf)
EG 97 (Holz auf Jesu Schulter)
EG 98 (Korn, das in die Erde)
EG 282 (Wie lieblich schön, Herr Zebaoth)
EG 396 (Jesu, meine Freude)