Monatsspruch März 2026: Johannes 11,35
Und Jesus gingen die Augen über.
Eine scheinbare Nebensache gewinnt Gewicht als Monatslosung für den März 2026: „Und Jesus gingen die Augen über“ (Johannes 11,35). Jesus bricht in Tränen aus über den überraschenden Tod des Freundes Lazarus, so wie wir weinen, wenn der Tod gewohnte Lebensbande ein für alle Mal zerreißt. Dass Jesus weint, wird nicht nur einmal berichtet. Weint Jesus beim Blick auf Jerusalem aus Verzweiflung, Hilflosigkeit oder gar Wut über die Aussichtslosigkeit, die Menschen dort zu erreichen und zum Umdenken zu bewegen? „Und als er nahe herzukam, sah er die Stadt und weinte über sie“. (Lukas 19,41)
Aber auch sonst ist viel zum Weinen, solange menschlicher Machthunger oder die Angst, Macht zu verlieren, weltweit unablässig Öl in Kriegsfeuer kippt, Millionen Menschen an Leib und Seele versehrt werden oder ihnen das Leben genommen wird, weil es an vielen Orten dieser Welt nicht gelingt, vernünftig in Verhandlungen konkrete Schritte zu vereinbaren, Not zu verringern und Lebensbedingungen zu verbessern. Wird es immer schlimmer? Ich fürchte, ja und nein: Auch früher durften Kriege dreißig Jahre alt werden, bevor der Friedenswille den Hunger nach Geld und Einfluss aufwog und Menschenleben mehr als überleben durften.
Wie gut, dass heutzutage auch Jungen weinen dürfen. Tränen können Trauer und Schmerz aus der Seele spülen und befreien. Tränen signalisieren, dass Tragen, Ertragen und Aushalten an eine Grenze kommen und die Fassung mit normalen Kräften nicht mehr zu halten ist. Mitmenschen reagieren zumeist mit Stille und Anteilnahme. Hier ist jemand, für den alles gerade zu viel wird. Das Fass ist voll und läuft über. Wer Tränen nicht respektiert, ist roh. Gewaltbereitschaft wächst, wo Empathie ein Fremdwort ist.
Zugelassene Trauer kann bearbeitet werden, unterdrückte Trauer lähmen. Fest gehaltene Trauer vertreibt Leben und Freude und zementiert Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit.
Wer die eigenen Gefühle halbwegs kennt, die guten wie die schlechten, und zu ihnen steht, ohne alles und jedes notwendigerweise „auszuleben“, hat es leichter, sich selbst anzunehmen. Die Chance, andere anzunehmen, dürfte wachsen. Wer Gefühle unterdrückt oder abwehrt, kann die Balance verlieren. Im schlimmsten Fall machen unverdaute Gefühle bitter oder gehässig. Unerwiderte Gefühle schmerzen. Schmerzen sind nie schön, wohl dem Menschen, der sie trotzdem annehmen kann.
Im Zentrum des christlichen Glaubens steht eine menschliche Person, die fühlt und mitfühlen kann. Gott hat sich mit diesem Menschen verbunden.
Die alte Kirche kämpfte um ein Glaubensbekenntnis zur vollen Menschlichkeit Jesu mit Leib, Seele und Geist, einen Herrn, der Anteil nehmen, zürnen, essen, schwitzen, am Kreuz sterben und eben auch weinen durfte. Jesus von Nazareth sollte nicht in der griechischen Kultur als schmerzunempfindlicher, unversehrbarer und unvergänglicher Halbgott oder in höchste Sphären abgehobenes abstraktes Einheitsprinzip untergehen.
Halten wir dies Geheimnis fest, dass Gott ganzer Mensch geworden ist in Jesus – einschließlich Mitgefühl: „Wer mich sieht, der sieht den Vater“ (Johannes 14,9)? Halten wir 1700 Jahre nach dem Glaubensbekenntnis von Nizäa 325 fest, dass der Rabbi aus Nazareth als Mensch aus Fleisch und Blut Worte aus dem Urgrund des Menschseins und der Ewigkeit sprach: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben“ (Johannes 5,24)? Mitgefühl tröstet, unerbittliche Härte lässt verkümmern und tötet. Gott steht am eigenen Leib dafür ein.