Freiheit, die ich meine

Wer hätte gedacht, dass uns die „Freiheit des Willens" - Grunddatum menschlicher Emanzipation und Entfaltung, Abgrund aller menschlichen Größe und Fehlerhaftigkeit - noch einmal so gewaltig als Thema einholen würde.
Und nicht die Theologen reklamieren. Das meistverkaufte Buch unserer Tage stammt von einem cleveren, philosophisch belesenen Publizisten, Richard David Prechts „Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?". Es sind Biologen, Anthropologen, Hirnforscher, Mediziner, die uns die Illusion zu rauben scheinen, wir seien frei, nicht determiniert, wir täten, was wir wollten, seien nicht „programmiert".
Ob sich da Anfang dieses Jahrhunderts anthropologisch ein ähnlicher Paradigmenwechsel abzeichnet wie Anfang des vergangenen Jahrhunderts durch die Quantenphysik?

Wir hielten uns ja für „frei". Von Gott in Liebe geschaffen und in Freiheit entlassen. Das Gegenteil sei der Fall. Da sei ein Programm, meinen sie, kein Gott. Und das Programm ließe uns keinen Spielraum. Wir hätten - sozusagen - längst gehört, gesehen, getan, bevor wir uns entscheiden, zu hören, zu sehen und zu tun.

Bin ich verantwortlich für das, was ich tue?
Wem bin ich verantwortlich?
Wie lange bin ich verantwortlich?

Bin ch frei in meinem Tun?
Oder kann ich gar nicht anders?
Kann ich - überhaupt - das Gute tun und das Böse lassen?

War der Streit nicht längst beendet?
Ich bin kein Fachmann für den Streit zwischen Erasmus und Luther, für die Differenzen zwischen Luther und Melanchthon. Und doch hat gerade das Melanchthon-Jahr neben all den naturwissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen die Frage noch einmal theologisch zugespitzt. Ist der Mensch nur gegenüber dem göttlichen Willen unfrei, nicht aber gegenüber dem weltlichen Gesetz? Ist der Mensch von seinem Schöpfer in „Freiheit" und damit in „Verantwortung" entlassen? Wem wird die „Schuld" anzurechnen sein für das Böse, das immer neu und immer filigraner, immer mächtiger und immer heimtückischer geschieht? Dem Individuum (= dem „ungeteilten Selbst") oder dem Programm (dem Gen-Code)? (Ich wehrte mich schon 1976 vehement gegen Richard Dawkins erste aufsehenerregende Publikation „Das egoistische Gen", das Menschen jede Fähigkeit zur Nächstenliebe außerhalb der eigenen Familie absprach; sein „Gotteswahn", der zurzeit auf den Beststellerlisten weit oben steht, ist eine logische Folge.) Und: Wer spricht - auf welcher Grundlage - frei?

Matthias Storck hat bei einem Vortrag in unserer Gemeinde auf Dietrich Bonhoeffer aufmerksam gemacht. Ende Juli 1944, in Haft, schickt er an Eberhard Bethge seine „Stationen auf dem Weg zur Freiheit". Da ist nicht das eine oder das andere. Da sind „Stationen", auch „Kreuzungen". Und du entscheidest dich. Nicht auf Ewigkeit. Eben nur bis zur nächsten Kreuzung. Das ist eine großartige Chance. Bei der nächsten, vielleicht auch bei der übernächsten Kreuzung kannst du noch einmal zurück, neu anfangen. Doch du weißt, es kommt eine Kreuzung, bei der gibt es keinen Weg zurück.

„Stationen auf dem Weg zur Freiheit

Zucht
Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem / Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden / und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen. / Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen / und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist. / Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Tat
Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, / nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, / nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, / nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, / und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

Leiden
Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände / sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende / deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte / still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden. / Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit, / dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod
Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit, / Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern / unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele, / dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist. / Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden. / Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst."
(Widerstand und Ergebung, München 1979, S. 403)

Welche Freiheit meine ich eigentlich, wenn ich von Freiheit rede?
Ich möchte begegnen, ohne zu begrenzen.
Ich möchte lieben, ohne zu verletzen.
Ich möchte lachen, ohne zu beleidigen.
Ich möchte reisen, ohne zu zerstören.
Ich möchte hoffen, ohne zu enttäuschen.
Ich möchte lehren, ohne zu beharren.
Ich möchte erziehen, ohne zu kopieren.
Ich möchte streiten, ohne zu vernichten.
Ich möchte trennen, ohne zu hassen.
Ich möchte gehen, ohne zu verlassen.
Ich möchte bleiben, ohne zu nerven.
Ich möchte trösten, ohne zu lügen.
Ich möchte singen, ohne zu stören.
Ich möchte predigen, ohne zu täuschen.
Ich möchte staunen, ohne zu schwätzen.
Ich möchte erkennen, ohne zu wissen.
Ich möchte rechnen, ohne zu haben.
Ich möchte leben, ohne zu töten.

Vielleicht, dass Sie sich in der sommerlichen Auszeit -gelegentlich, ohne „Muss" oder gar „Schuldgefühl" - Gedanken machen über die Freiheit, die Gott uns schenkt.

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