„Die Nationalität der Fachkräfte ist Kindern egal“Im Gespräch

Mit dem Stellenplan für Nachwuchskräfte verfügt jede städtische Kita in Bad Homburg über ein Kontingent, mit dem sie auch Fachkräfte aus dem Ausland einstellen kann. Von ihren Erfahrungen damit berichten drei Leitungskräfte im Interview.

Kinder spielen freudig gemeinsam an einem Tisch mit einer Fachkraft.
© SDI Productions - GettyImages

Mit ausländischen Fachkräften ließe sich doch auch dem Personalmangel entgegenwirken, oder?

Christopher Denfeld: Nein, mit ausländischen Fachkräften besetzen wir keine offenen Stellen, sondern fördern Nachwuchskräfte. Sie durchlaufen bei uns ein Anerkennungspraktikum wie Erzieher:innen.

Mit welchem Sprachniveau kommen die Fachkräfte nach Deutschland?

Denfeld: Grundvoraussetzung ist Sprachniveau B2. In ihrer Heimat haben die Kolleg:innen Sprachkurse besucht. Ohne nachgewiesene Deutschkenntnisse wären Ankommen und Einarbeitung schwierig.

Hat Sprache in der Einarbeitung eine große Rolle gespielt?

Christine Kaiser: Natürlich. Ich habe die Fachkräfte gefragt, welche Sprache sie bevorzugen. Zuerst haben wir auf Englisch kommuniziert, konnten aber schnell ins Deutsche wechseln.
Corinna Schäfer: Unsere Gespräche haben wir überwiegend auf Deutsch geführt und darauf geachtet, langsamer zu sprechen und uns immer rückzuversichern, ob wir von demselben sprechen.
Denfeld: In meiner Einrichtung haben wir auch andere Erfahrungen gemacht. Von einer Fachkraft aus Ecuador mussten wir uns leider verabschieden. Ihr Sprachniveau reichte nicht aus und es gab auch keinen Lernfortschritt. Fachkräfte aus dem Ausland sollten Eigeninitiative mitbringen, um selbstständig weiterzulernen. Bei der Kollegin fehlte das, was aber die Ausnahme blieb.

Ist es von Vorteil, wenn die Sprache der neuen Kolleg:innen von einem Teammitglied gesprochen wird?

Denfeld: Das ist immer hilfreich. Bei einer Fachkraft aus Peru, die noch bei uns arbeitet, gab es zunächst Verständigungsprobleme. Zum Glück spricht meine Stellvertreterin – in dem Fall ihre Praxisanleiterin – Spanisch und konnte entscheidende Dinge, die selbst ins Englische nur schwer zu übersetzen waren, in ihrer Muttersprache erklären. Es ging um Alltagsfragen wie „Wo ist die nächste Apotheke?“ oder um das spezielle Thema Steuernummer. Wie erklärt man die Prozedur mit dem Finanzamt? Da haben wir uns als Leitungskräfte auch gegenseitig unterstützt.

Welche Hürde war größer: die Sprache oder das Zurechtfinden im Alltag?

Kaiser: Spontan sollte man meinen, die Sprache. Aber die größere Hürde war so Alltägliches wie Sozialkontakte, die man erst mal knüpfen muss. Es gab viele Gespräche mit den Praxianleiter:innen. Oft ging es um Heimweh. Teamkolleginnen haben die Initiative ergriffen und privat durch die Stadt geführt. Das war wichtig, denn die ausländischen Nachwuchskräfte haben nicht das soziale Netz wie unsere Auszubildenden und keine Schule, in der sie mit Gleichgesinnten zusammenkommen.

Wie begann die Zusammenarbeit?

Schäfer: Wir hatten zwei Fachkräfte, eine aus Südamerika und eine aus Namibia. Beide sind mittlerweile anerkannt. Zur Begrüßung haben wir damals ein Plakat mit „Herzlich Willkommen“ in verschiedenen Sprachen gestaltet – auch in deren Muttersprachen. In einer Teamsitzung haben sich alle vorgestellt und gleich aus ihrem Heimatland erzählt.
Kaiser: Bei uns war das genauso. Unsere beiden Fachkräfte, eine aus Peru und jetzt anerkannt und eine aus Namibia, wurden herzlich aufgenommen. Bei der ersten hat sich bewährt, eine Ansprechpartnerin und Praxisanleitung zu haben. Diese konnte ihr – ergänzend zur Hilfe aus dem Team – in Ruhe die Kita-Strukturen, das pädagogische Konzept und alles Weitere erklären.

Wie verlief die Einarbeitung?

Schäfer: In den Praxisanleitungsgesprächen ging es auch oft um Alltagsfragen: Welcher Supermarkt ist in der Nähe? Welche Hausärztin ist zu empfehlen? Wie und wo beantragt man sein Visum? Wie bekomme ich einen Termin bei der zuständigen Stelle?“ Über solche Dinge sprechen wir mit Nachwuchskräften sonst eigentlich nicht, aber hier war es wichtig für die Annäherung. Es wurde also immer der Transfer von den Erfahrungen aus ihrer Heimat hin zu den Notwendigkeiten in der jetzigen Situation geleistet.

Wie reagierte das Team auf die neuen Kolleg:innen?

Kaiser: In unserer Einrichtung sind wir sowieso schon multikulturell aufgestellt. Sorgen und Ängste, die entstehen, wenn man in ein fremdes Land kommt, hatten einige Kolleg:innen schon selbst erlebt. Somit konnten sie sich optimal in die neuen Kolleg:innen hineinversetzen.
Schäfer: Auch in unserem Team herrscht Offenheit gegenüber ausländischen Fachkräften. Es war nichts Neues, da wir öfter Nachwuchskräfte mit anderem kulturellen Hintergrund haben. Wichtig war, sich kennenzulernen, sich auszutauschen und Verständnis für die Unterschiede zu entwickeln.

Welche Unterschiede fielen besonders auf?

Schäfer: Eine Fachkraft kam aus Namibia, wo das Bildungssystem ganz anders ist: Kindergärten werden meist privat geführt und die Kinder müssen schnell auf die Schule vorbereitet werden. Offenes Arbeiten oder Freispiel waren für die Fachkraft ganz neu. Daher war der Austausch hierüber besonders wichtig.
Denfeld: Uns fiel auch die andere Arbeitsweise auf. In Peru wird Kindern viel abgenommen und so half unsere Fachkraft älteren Kindern immer, die Schuhe anzuziehen, und holte ihre Jacken. Wir haben sie gebeten, den Kindern Freiraum zu lassen, um Selbstständigkeit zu lernen. In Gesprächen zeigte sich, dass Kindestagesbetreuung in Peru eher als Dienstleistung gilt und die Kinder deshalb mehr Hilfe bekommen.

Was sagen Sie rückblickend zum Teambuilding?

Denfeld: Geeint hat uns im Team der Respekt vor dem Mut der Frauen, ans andere Ende der Welt zu gehen. Die Offenheit gegenüber den neuen Fachkräften kam dem Teambuilding zugute. Doch so etwas erwarte ich auch von Pädagog:innen. Diese Willkommenskultur sollten eigentlich alle Kitas leben.

Wie haben die Kinder reagiert?

Denfeld: Den Kindern ist es egal, welche Nationalität Fachkräfte haben. Auch die Sprache ist für sie kein Thema. Die neuen Personen werden sofort in Beschlag genommen, denn Kinder geben keine Schonfrist.

Die Herkunft spielt für die Kinder also keine Rolle?

Denfeld: Sie sehen nur die interessante neue Person in der Gruppe, die neue Spielpartnerin, zu der sie Kontakt aufbauen möchten. Für Menschen, die kommen, ist das hilfreich. Die beste Eingewöhnung ist die, einfach mit den Kindern zu arbeiten. Einen positiven Eindruck hatten auch die Eltern, die alle sehr aufgeschlossen waren.
Schäfer: Bei den Kindern haben wir neben Offenheit auch große Neugier beobachtet – vor allem auf die Kollegin aus Namibia. Die Kinder fanden ihre Haare und Hautfarbe toll. Bezüglich der Sprache stellten die neuen Fachkräfte erleichtert fest, dass es Familien gibt, die Spanisch sprechen oder mit denen sie sich auf Englisch verständigen können. Nach ersten Elterngesprächen gab es nur positive Rückmeldungen.
Kaiser: Bei der Zusammenarbeit mit Eltern fiel auf, dass sie sich den neuen Fachkräften mehr geöffnet haben als sonst dem Team. Besonders mit Spanisch sprechenden Familien gab es viel mehr Austausch. Verständlich, denn in unserem Team spricht niemand Spanisch.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Denfeld: Gern würde ich die Menschen über den Stellenplan hinaus in der Kita behalten, aber das ist Wunschdenken. Sobald sie ihre Anerkennung haben, werden sie als ausgelernte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt genauso behandelt wie alle Erzieher:innen.
Schäfer: Wir sind sehr zufrieden, wie es bei uns gelaufen ist. Unsere beiden Fachkräfte waren hoch motiviert, verantwortungsvoll und zeigten hohe Lernbereitschaft. Beide machen nun den C1-Kurs in Kooperation mit unserem Träger, der Stadt. Auch in Zukunft würden wir gern Talente mit so guter Ausbildung und Vorerfahrung aufnehmen, um ihnen die Anerkennung in Deutschland zu ermöglichen.
Kaiser: Uns geht es genauso. Außer kleinen Herausforderungen wie die mit der Steuernummer hat alles gut funktioniert und wir wurden unterstützt. Wir würden unsere anerkannten Fachkräfte gern behalten.

kindergarten heute - Das Leitungsheft für die Kita-Leitung: Für die Organisation und Steuerung von Prozessen in der Kita

Das Leitungsheft im Abo

  • 4 Ausgaben pro Jahr
  • Fundiertes Wissen und Arbeitsmethoden in allen Leitungsaufgaben
  • Unterstützung für die Zusammenarbeit mit Eltern, Team und Träger
  • Themen für die Leitungspraxis
1 Ausgabe gratis