Kinder brauchen Freiräume für PeerbeziehungenIm Gespräch

Die Kind-Kind-Interaktion muss wieder stärker in den Blick genommen werden - so die zentrale Aussage des Diskurspapiers, das der Caritas-Fachverband katholischer Kindertageseinrichtungen (KTK) im Bistum Limburg veröffentlicht hat. Referentin Petra Broo beantwortet Fragen zu Peers und Zukunftskompetenzen.

Ein Porträt von Petra Broo.
© privat

Frau Broo, worauf fußt diese zentrale Aussage des Diskurspapiers?

Ausgangspunkt unserer Überlegungen sind die gesellschaftlichen Transformationsprozesse, die sich derzeit beschleunigt vollziehen. Sie verändern grundlegend die Lebensrealitäten von Familien und damit auch die Entwicklungs- und Unterstützungsbedarfe von Kindern. Kinder wachsen heute in einer Umwelt auf, in der Entwicklungen nicht-linear verlaufen, Ereignisse schwer vorhersehbar sind und Unsicherheiten und Ängste deshalb zunehmen. Um in dieser komplexen Welt handlungsfähig zu bleiben, benötigen sie Kompetenzen wie Resilienz, Empathie, Adaptivität, Reflexionsfähigkeit und kommunikative Stärke. Diese Zukunftskompetenzen entstehen weniger in geplanten pädagogischen Settings als vielmehr in alltäglichen sozialen Situationen.

Warum ist das so?

Zukunftskompetenzen entstehen dort, wo Kinder selbstständig Beziehungen eingehen. In der Peergroup erleben Kinder Zugehörigkeit, entwickeln Empathie und Regelbewusstsein, übernehmen Verantwortung und probieren unterschiedliche Rollen aus. Miteinander sprechen sie oft spontaner, kreativer und differenzierter als mit Erwachsenen. Gleichzeitig lernen sie, Konflikte zu lösen, Kompromisse zu schließen und Perspektiven zu wechseln. Solche Lernprozesse sind nicht planbar, aber hoch wirksam. Kein noch so gut geplantes Angebot, das auf Fachkraft-Kind-Interaktionen zielt, ersetzt diese Dichte an sozialen Erfahrungen. Die Peergroup wirkt als natürlicher Motor von Bildungs- und Entwicklungsprozessen, besonders mit Blick auf Resilienz, Empathie, Adaptivität und kommunikative Kompetenz. Damit ist sie ein eigenständiger Bildungs- und Entwicklungsraum, der in der Qualitätsdebatte bislang oft unterrepräsentiert ist, in einer zunehmend institutionalisierten Kindheit aber Platz in der Kita braucht.

Was ist eine Peergroup?

„Peergroup“ meint das freiwillige, selbstgestaltete Miteinander von Kindern in Freundschaften, Spiel- oder Aufgabenpartnerschaften. Diese Beziehungen können kurzzeitig oder langfristig, altershomogen oder -übergreifend sein. Entscheidend ist, dass die Kinder sie selbst wählen. Sie gestalten ihre Beziehungen eigenständig, setzen Regeln und schaffen damit ihre ersten sozialen Räume.

Welche Konsequenzen hat das für die pädagogische Praxis?

Wenn Peergroups als Bildungs- und Entwicklungsräume für Zukunftskompetenzen ernst genommen werden und sich diese besonders im Alltag der Kinder entfalten, steht die Kita vor der Aufgabe, sich konzeptionell weiterzuentwickeln. Pädagogische Qualität und Professionalität zeigen sich dann vor allem darin, alltagsnahe Räume und Zeit für KindKind-Interaktionen zu schaffen, in denen Kinder eigenständig handeln, ihre Beziehungen zueinander gestalten und soziale sowie emotionale Kompetenzen entwickeln können. Kindliche Entwicklung findet nicht isoliert in der Einrichtung statt, sondern ist eingebettet in familiäre Lebenswelten und sozialräumliche Zusammenhänge. Das macht eine stärkere Vernetzung der Kita mit Familien und Akteur:innen im Sozialraum notwendig, um unterschiedliche Perspektiven aufzugreifen und Bildungsprozesse gemeinsam zu unterstützen. Zugleich erfordert die Begleitung komplexer sozialer Lernprozesse in Peergroups vielfältige Fachkompetenzen. Multiprofessionelle und diverse Teams aufzubauen, wird zur zentralen Voraussetzung, um Kinder angemessen zu begleiten und zu fördern.

Wie verändert das die Rolle der Fachkräfte?

Ihre Rolle verschiebt sich von aktiver Gestaltung der Fachkraft-Kind-Interaktion als Lernsituation hin zur Ermöglichung von Freiräumen für Peerbeziehungen im Alltag. Fachkräfte schaffen Rahmenbedingungen, in denen Kinder eigenständig handeln können, beobachten feinfühlig aus der Distanz und bleiben verlässlich ansprechbar. Betreuung, Pflege und Beziehungsgestaltung werden dabei als Bildungsarbeit verstanden. Das bedeutet auch, Verantwortung bewusst zu teilen: Nicht jede Situation muss angeleitet, moderiert oder pädagogisch „bearbeitet“ werden. Kinder können und wollen vieles selbst regeln – wenn sie sichere Rahmenbedingungen haben. Diese Haltung wirkt entlastend, weil sie den Druck reduziert, ständig Angebote machen oder Aktivität zeigen zu müssen. Freiraum für Kinder ist kein Leerlauf, sondern bedeutsame Lernzeit.

Wie lässt sich diese konzeptionelle Weiterentwicklung den Eltern vermitteln und welche Unterstützung braucht sie?

Damit Eltern nachvollziehen können, dass Bildung nicht nur dort stattfindet, wo pädagogische Angebote sichtbar sind, braucht es eine klare, fachlich fundierte Kommunikation. Kita-Personal muss erklären können, warum Freiräume als Qualitätsmerkmal für kindliche Entwicklung wertgeschätzt werden. Träger und Politik sind gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Beziehungspflege und soziale Bildungsprozesse in der Peergroup abbilden – etwa in Bildungsplänen, Raumkonzepten und gesetzlichen Vorgaben.

In welchen Situationen kann Peergroup-Interaktion besonders gut gefördert werden?

Solche Interaktion entsteht primär im Alltag: beim freien Spiel, gemeinsamen Essen, An- und Ausziehen, draußen auf dem Außengelände oder in Übergangssituationen. Entscheidend ist, dass Räume sowohl Begegnung als auch Rückzug ermöglichen und Materialien so vorbereitet sind, dass Kinder eigenständig handeln können. Wenn Kinder Zeit haben, nicht ständig unterbrochen werden und sich sicher fühlen, entstehen Beziehungen fast von selbst.

Kernaussagen des Diskurspapiers

Kinder brauchen Kinder: Die Peergroup ist der zentrale Bildungs- und Entwicklungsraum der Kindheit. Da Kindheit zunehmend institutionalisiert stattfindet, ist die Kita einer der bedeutsamsten Orte, an denen Kinderbegegnungen intensiv möglich sind.

Freiraum ist Lernzeit: Zukunftskompetenzen entwickeln sich im alltäglichen Miteinander der Kinder.

Kita-Personal sichert Bildungsräume: Pädagogische Professionalität zeigt sich im Ermöglichen, in feinfühliger Begleitung, Betreuung, Beobachtung und Pflege.

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