Vor der Landtagswahl in Sachsen-AnhaltWenn der Vermittler selbst polarisiert

Gesellschaftlichen Dialog ins Rollen zu bringen, ist grundsätzlich eine gute Idee. Warum eine Initiative der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland nun trotzdem nach hinten losgeht.

Benjamin Lassiwe
Benjamin Lassiwe, ständiger Mitarbeiter der Herder Korrespondenz© Ralf Zöllner

Die Kachel sorgte im Internet für Aufsehen. Mit dem Portrait der früheren Russland-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz und dem Zitat „Friedensreiter braucht das Land“ warb die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland für ihr Projekt „Friedensreiter“. Dahinter verbirgt sich eine Initiative des pazifistisch geprägten Landesbischofs Friedrich Kramer: Vor der Landtagswahl im September will man Menschen qualifizieren, die die unterschiedlichen politischen Lager miteinander in Kontakt bringen.

„Unter dem Stichwort „Polarisierung“ wird heute diskutiert, wie weit sich gesellschaftliche Interessensgruppen voneinander entfernt haben“, heißt es in einem Flyer. „Auf der einen Seite die gesichert rechtsextremen Kräfte auf der anderen Seite das demokratische Spektrum.“ Diese Lager „ringen nicht miteinander, sie sprechen nur übereinander - das muss sich ändern.“ Wer in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Zukunft der liberalen Demokratie eingreifen wolle, müsse verfeindete Lager miteinander in Kontakt bringen, müsse Haltungssicherheit mit Handlungsklugheit verbinden, „sachlich diskutieren in streng reglementierten Foren, Kontakte pflegen und Debatten führen, ohne kontroverse Überzeugungen über Sinn und Form der Demokratie auszusparen“.

Im Prinzip ist das eine richtig gute Idee. Gerade vor einer Landtagswahl, in der erstmals in Deutschland eine rechtsextreme Partei vor der absoluten Mehrheit stehen könnte, ist es wichtig, den Dialog in der Gesellschaft neu ins Rollen zu bringen. Und wer könnte das besser als die Kirchen? Politisch überparteiliche Organisationen, die gerade in Ostdeutschland immer noch auf die Erfahrungen der friedlichen Revolution in der DDR setzen können, die man bis heute mit „Runden Tischen“ verbindet, und einem anderen, von Nächstenliebe und Respekt vor den Mitmenschen geprägten Umgang untereinander. Oder?

Die Social-Media-Kachel der Mitteldeutschen Kirche macht in diesem Zusammenhang allerdings nachdenklich. Denn wer als neutraler Vermittler auftreten will, als jemand, der Gespräche in Gang bringen und den Dialog fördern will, muss auch darauf achten, wie er selbst nach außen auftritt. Es hilft nur sehr bedingt, da mit einer im politischen Diskurs eindeutig positionierten und selbst stark polarisierenden Publizistin zu werben. Denn Gabriele Krone-Schmalz wird vielfach eine bedenkliche Nähe zu Russland nachgesagt. Und immer wieder tritt sie auch im Umfeld der Parteigründerin Sahra Wagenknecht auf.

Natürlich, auch der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer hat sich in der Vergangenheit als EKD-Friedensbeauftragter eindeutig positioniert: Die Debatte über Krieg und Frieden wollte er in die Mitte der Gesellschaft holen. Waffenlieferungen an die Ukraine lehnte Kramer stets ab. In der Kirche tritt er als radikaler Pazifist auf, der immer wieder auch für Gespräche mit Russland eintritt, und die Friedensdenkschrift der EKD scharf kritisiert hat.

Zusammengenommen hat das das Potenzial, die Gesprächsinitiative der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in Frage zu stellen. Denn das bisherige Auftreten Kramers und das Posting mit Krone-Schmalz zeugen nicht nur von einer inhaltlichen Nähe. Sie positionieren auch die mitteldeutsche Kirche. Doch wer als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz agieren will, kann nicht einfach so den Freistoß selbst schießen. Wer das Spiel zweier Mannschaften leiten will, sollte in diesem Moment neutral sein, auch wenn er selbst ganz sicher irgendwo anders Mitglied eines Sportvereins ist.

Will die Kirche den gesellschaftlichen Dialog in Gang bringen und Polarisierungen abbauen, sollte sie zugleich vermeiden, in den großen, aktuell diskutierten politischen Fragen selbst zu polarisieren. Doch das tut das Posting mit dem Konterfei von Krone-Schmalz und das tun die Äußerungen Kramers. Und das schadet am Ende der natürlich mit dem Landesbischof und der Landeskirche verbundenen Friedensreiter-Initiative der EKM. 
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