Künstliche Intelligenz und Transhumanismus: Säkulare Heilsfigur?

Die Debatte um KI braucht einen Perspektivwechsel. Denn entscheidend ist nicht die Frage, welche letzte exklusive Fähigkeit wir für den Menschen noch reservieren können – sondern eine andere.

Porträt von Bischof Franz-Josef Overbeck
© Nicole Cronauge | Bistum Essen

Künstliche Intelligenz begegnet uns zunehmend in einer „Sprache der Intentionalität“. Ein System analysiert eine Aufgabe, entwirft einen Plan, verwirft einen ungeeigneten Weg, korrigiert Fehler und erklärt schließlich, weshalb es zu einem bestimmten Ergebnis gelangt ist. Wir sagen dann, das System „verfolge“ ein Ziel, es „entscheide“ sich für einen Weg oder es „erkenne“, dass sein bisheriger Versuch gescheitert ist.

Diese Sprache beschreibt zunächst beobachtbares Verhalten. Das System handelt so, als ob es eigene Absichten hätte. Eine solche Als-ob-Intentionalität kann außerordentlich überzeugend sein. Sie beweist jedoch nicht, dass das System aus einer eigenen Perspektive etwas meint, Gründe als Gründe versteht oder für sein Handeln einstehen kann. Technische Zielgerichtetheit und personale Intentionalität sind deshalb zu unterscheiden.

Mit dieser Unterscheidung ist die anthropologische Frage allerdings nicht erledigt. Denn auch die Absichten eines anderen Menschen sind uns nicht unmittelbar zugänglich. Wir erschließen sie aus seiner Sprache, seinem Verhalten und seiner Fähigkeit, auf Fragen und Einwände zu antworten. Wenn technische Systeme eben diese Zeichen immer überzeugender hervorbringen, verändert sich unsere Praxis der Zuschreibung. Wir reagieren auf sie, als begegnete uns ein verstehendes und handelndes Gegenüber, ohne sicher sagen zu können, ob dieser Darstellung eine eigene innere Perspektive entspricht.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, ob eine Maschine tatsächlich Intentionalität besitzt. Zu fragen ist ebenso, was mit unserem Verständnis von Person, Beziehung und Verantwortung geschieht, wenn Intentionalität technisch so überzeugend simuliert werden kann, dass sie im alltäglichen Umgang sozial wirksam wird. Wer handelt dann? Wer trägt Verantwortung? Und woran erkennen wir ein Gegenüber, das nicht nur Antworten erzeugt, sondern für seine Antworten einstehen kann?

Noch weiter führt das Bild einer Künstlichen Intelligenz, die nicht nur Aufgaben selbstständig bearbeitet, sondern ihre eigenen Fähigkeiten fortlaufend verbessert. In dieser Vorstellung verdichtet sich ein transhumanistisches Heilsversprechen: Intelligenz erkennt ihre Grenzen, überwindet sie aus eigener Kraft und steigert sich in einem prinzipiell offenen Prozess immer weiter. Die Maschine erscheint als ein Wesen, das seine Bedingungen nicht hinnehmen muss, sondern sich selbst zum Gegenstand seiner Vervollkommnung macht.

Ob gegenwärtige Systeme sich in diesem starken Sinne tatsächlich selbst optimieren, muss nüchtern geprüft werden. Als kulturelles Bild ist die sich selbst verbessernde KI jedoch bereits wirksam. Bemerkenswert ist dabei eine doppelte Bewegung: Zunächst entwirft der Mensch die Maschine nach einem bestimmten Verständnis von Intelligenz. Anschließend wird diese Maschine zum Vorbild einer möglichen Zukunft des Menschen. Aus der Frage, wie menschenähnlich eine Maschine werden kann, entsteht so die andere Frage, wie sehr der Mensch einer sich fortwährend optimierenden Maschine ähnlich werden soll.

Damit berühren sich die Fragen nach Künstlicher Intelligenz und Transhumanismus. Intentionalität, Freiheit und personale Verantwortung stehen ebenso zur Debatte wie das Verständnis menschlicher Vollendung. Ist der vollendete Mensch derjenige, der immer weitere Bedingungen seiner Existenz verfügbar macht und seine Fähigkeiten fortwährend steigert? Oder verfehlt dieses Bild etwas, das zum Menschsein wesentlich gehört: Leiblichkeit und Verletzlichkeit, das Angewiesensein auf andere und die Erfahrung, sich das eigene Leben nicht selbst gegeben zu haben? Und worin unterscheidet sich technische Selbstvervollkommnung von jener Verwandlung des Menschen, die der christliche Glaube Heil und Erlösung nennt?

Operative Eigenständigkeit und moralische Autonomie

Diese Fragen sollten nicht zuerst an spekulativen Zukunftsszenarien entschieden werden. Bereits heutige Systeme geben Anlass, genauer zwischen selbstständiger technischer Leistung, personaler Intentionalität und menschlicher Verantwortung zu unterscheiden.

Mit entsprechenden Werkzeugen ausgestattete Sprachmodelle können Aufträge in Teilaufgaben zerlegen, Programme ausführen und ihr Vorgehen anhand der Ergebnisse verändern. Zwischen Zielvorgabe und Ergebnis liegt ein Raum operativer Eigenständigkeit. Das System wählt Schritte, prüft Resultate und ändert sein Vorgehen. Es bestimmt damit in erheblichem Maße die Mittel, begründet aber nicht als verantwortliches Subjekt, warum das gesetzte Ziel gelten soll. Operative Eigenständigkeit und moralische Autonomie sind deshalb zu unterscheiden. Macht jene das System bereits zu jemandem, der „handelt“? Oder sehen wir nicht vielmehr eine technisch erzeugte Form von Zweckmäßigkeit, die den Vollzug personaler Intentionalität überzeugend nachbildet, ohne aber selbst Trägerin eines Willens zu sein?

An dieser Stelle gewinnt die Als-ob-Intentionalität ihre fundamentaltheologische Schärfe. Der christliche Glaube versteht den Menschen nicht nur als ein Wesen, das Zwecke verfolgt. Er versteht ihn als ein Wesen, das angesprochen werden kann und zu antworten vermag. Der Mensch kann versprechen und widerrufen, schuldig werden und um Vergebung bitten, Verantwortung übernehmen und Rechenschaft geben.

Genau diese Struktur kann ein KI-System sprachlich darstellen. Es kann Gründe nennen, Zweifel formulieren, Zustimmung ausdrücken und sogar ein Bekenntnis verfassen. Damit entsteht eine fundamentale Frage: Wodurch unterscheidet sich die Antwort einer Person von einer Antwort, die sämtliche sprachlichen Kennzeichen des Verstehens trägt, ohne dass wir ihr ein verstehendes Subjekt sicher zuordnen können? Genügt es, auf ein Inneres zu verweisen, das der Maschine fehlt? Ein solcher Hinweis bliebe unbefriedigend. Denn auch beim anderen Menschen begegnet uns Intentionalität nur vermittelt – in Sprache, Leiblichkeit und gemeinsamem Handeln.

Modell einer Deutung des Menschen

Die theologische Antwort kann deshalb nicht in der Behauptung eines unsichtbaren Restes bestehen, den Technik niemals erreichen werde. Person ist der ganze Mensch – mit seiner leiblichen Geschichte, in seinen Beziehungen und als jemand, der angesprochen ist, auch dort, wo ihm eine ausdrückliche Antwort nicht möglich ist. Theologisch gesprochen: Der Mensch ist Person, weil Gott ihn beim Namen ruft und um seiner selbst willen will. Seine Würde beruht nicht darauf, dass er jederzeit eine entsprechende Leistung zeigen kann. Ein Kind muss sie nicht durch reflektierte Intentionalität erwerben; ein Mensch mit schwerer Demenz verliert sie nicht, wenn er seine Absichten nicht mehr sprachlich darstellen kann.

Damit ist die Leistung der KI weder geleugnet noch das Rätsel möglichen künstlichen Bewusstseins vorschnell entschieden. Aber die Perspektive verschiebt sich. Entscheidend ist nicht, welche letzte exklusive Fähigkeit wir für den Menschen noch reservieren können. Entscheidend ist, dass wir Personsein nicht angemessen verstehen, wenn wir es auf beobachtbare kognitive Funktionen reduzieren.

Hier liegt die innere Verbindung zum Transhumanismus. Die sich optimierende KI ist nicht nur ein mögliches technisches Gegenüber des Menschen. Sie wird zum Modell einer bestimmten Deutung des Menschen. Wenn Intentionalität als programmierbare Zielverfolgung, Lernen als fortlaufende Anpassung und Vollendung als Steigerung von Leistungsfähigkeit verstanden werden, erscheint auch der Mensch als ein System, dessen gegebene Ausstattung vorläufig ist und dessen Zukunft in immer besseren Versionen seiner selbst besteht.

Die Als-ob-Intentionalität der Maschine schlägt dann in ein Als-ob des Menschen um: Der Mensch beginnt, sich so zu verstehen, als sei auch seine eigene Subjektivität vollständig nach dem Modell eines optimierbaren Systems zu begreifen. Was nicht verfügbar ist – Leiblichkeit, Herkunft, Abhängigkeit, Verletzlichkeit und schließlich Sterblichkeit –, erscheint unter diesem Blick vor allem als technisches Defizit. Aus einem Instrument zur Erweiterung menschlicher Möglichkeiten wird so eine Anthropologie. Und aus der Selbstoptimierung der Maschine wird eine säkulare Heilsfigur.

Vollendung als Optimierung?

Das wirft eine zweite fundamentaltheologische Frage auf: Ist Freiheit dort am größten, wo ein Wesen über möglichst viele Bedingungen seiner Existenz selbst verfügt? Oder gehört zur menschlichen Freiheit gerade, dass sie nicht bei sich selbst beginnt? Menschliche Freiheit ist eine verdankte Freiheit. Sie verwirklicht sich nicht dadurch, dass sie jede Voraussetzung beseitigt, sondern indem sie sich zu dem Gegebenen verhält, es annimmt, gestaltet und, wo es Menschen verletzt, verändert.

Damit ist keine Romantisierung von Grenzen verbunden. Krankheit darf geheilt, Leiden gelindert und menschliches Können erweitert werden. Schöpfungstheologie erklärt das Vorgefundene nicht schon deshalb für gut, weil es vorgefunden wird. Sie widerspricht aber der Vorstellung, der Mensch werde erst in dem Maße frei, in dem er sich selbst zum vollständig verfügbaren Material macht. Denn dann droht das Subjekt der Optimierung selbst zu ihrem Objekt zu werden.

Deshalb ist die Frage nach dem besseren Menschen stets auch eine Machtfrage. Wer bestimmt, welche Eigenschaften verbessert werden sollen? Wer kann sich die Verbesserung leisten? Und wie frei ist derjenige, der sie ablehnt? Technische Optionen können in soziale Erwartungen umschlagen. Dann gilt der nicht optimierte Mensch als vermeidbar begrenzt und womöglich als selbst verantwortlich für seine geringere Leistungsfähigkeit. Eine solche Logik gefährdet zuerst diejenigen, deren Leben schon heute unter dem Vorzeichen von Abhängigkeit, Behinderung oder mangelnder Nützlichkeit beurteilt wird. Die von der Internationalen Theologischen Kommission im Dokument „Quo vadis, humanitas?“  hervorgehobene Option für die Armen wird so zu einem Prüfstein technischer Entwicklung.

Wo transhumanistisches Denken Vollendung als Optimierung begreift, setzt es auf eine Steigerung, die der Mensch technisch hervorbringt. Die christliche Hoffnung richtet sich auf eine Verwandlung, die er empfängt und frei beantwortet. Ihr Maß ist nicht maximale Leistungsfähigkeit, sondern die Vollendung in der Liebe. Darum bedeutet Gnade keine Fremdbestimmung. Sie befreit den Menschen von dem Zwang, sich selbst hervorbringen und den Wert seines Lebens durch die eigene Vervollkommnung rechtfertigen zu müssen. Die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ bringt diesen Unterschied prägnant auf den Punkt: „Was den Menschen rettet, ist nicht gesteigerte Selbstständigkeit, sondern eine Beziehung, die befreit, eine Gemeinschaft, die verwandelt“ (Nr. 128).

 

Anzeige: Fundamental Things. Über Vernunft, Moral und Empathie – Was es bedeutet, Mensch zu sein. Von Joachim Bauer
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