Europa ist ein Kontinent der großen Möglichkeiten. Aber auch der verpassten Chancen: politisch, wirtschaftlich, technologisch – und kirchlich. Nach wie vor hat Europa auf der katholischen Weltbühne großes Gewicht, nicht nur wegen Rom. Aber oft wird Europa – wie von Papst Franziskus – als eine alte Großmutter gesehen: liebenswürdig, aber ein wenig müde, mit viel Lebenserfahrung, aber ohne allzu viele Aussichten auf eine vitale Zukunft.
Stimmt dieser Eindruck? Wer beim europäischen Symposion vom 14. bis 17. September 2026 im oberösterreichischen Wels dabei war, konnte ins Nachdenken kommen. Wieder einmal hat Klara Csiszar, Pastoraltheologin aus Linz, die Initiative ergriffen – als Teil einer europäischen Theologiegruppe, die eng mit dem römischen Synodensekretariat kooperiert. Wieder einmal war der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) nur willens und in der Lage, eine Schirmherrschaft zu übernehmen – obwohl sich Europa weit schwerer als andere Kontinente tut, auf kirchlicher Ebene zusammenzufinden. Wieder einmal war der Erzbischof von Belgrad und Vizepräsident der CCEE, Kardinal Ladislav Nemet, der wichtigste Motivator auf bischöflicher Seite – nicht zuletzt mit seinem Plädoyer, bei allen Unterschieden zum Staat Demokratie auch in der Kirche keinesfalls schlechtzureden, sondern mit dem Glaubenssinn des Gottesvolkes zu entwickeln.
Skepsis auf allen Seiten
Österreich hat eine lange Tradition als Brückenbauer zwischen Ost und West, Nord und Süd. Der Wiener Kardinal Franz König (1905–2004) hat Maßstäbe gesetzt. Jetzt gibt es eine neue Bewährungsprobe. 2023 hatte es in Prag eine europäische Kontinentalversammlung zur Vorbereitung der Weltsynode im Oktober 2023 und 2024 gegeben. Zwar ist es der bis heute aktiven Theologiegruppe gelungen, eine Erzählung zu formulieren, die selbst in Brüssel Aufmerksamkeit erregt hat, weil Prozesse der Verständigung sichtbar geworden sind. Aber unverkennbar waren die Spannungen. Viele im Osten schauten sehr skeptisch bis offen ablehnend auf die in ihren Augen allzu liberalen Entwicklungen in den Kirchen Westeuropas, besonders auf den Synodalen Weg in Deutschland. Viele im Westen fühlten sich missverstanden und fragten, warum sich die osteuropäischen Kirchen so sehr auf konservative Lebenskulturen einlassen, die sie für authentisch katholisch halten.
Im Sommer 2024 hatte Linz schon einmal erkannt, was die Stunde geschlagen hat, und eine europäische Vorbereitungskonferenz für die letzte Generalversammlung der Weltbischofsynode organisiert. Hier war der Ton schon ein anderer als noch im Vorjahr in Prag. Auf der Weltsynode war bereits 2023 deutlich geworden, dass in Deutschland keine anderen Probleme als jene diskutiert werden, von denen alle Erdteile durchgeschüttelt werden: Machtmissbrauch, überhöhte Priesterbilder, mangelnde Frauenrechte, exkludierende Sexualethik. Vor allem aber war durch viele persönliche Begegnungen deutlich geworden, dass „die Anderen“ ihrerseits Menschen sind, die den Namen Christi tragen und das Beste nicht nur für ihre Kirche wollen, sondern auch für die Welt, in der sie leben.
Synodalität gehört zur Verfassung der katholischen Kirche
Das jetzige Treffen stand in der Tradition dieser Zusammenkunft. Aber der kirchliche „Sitz im Leben“ hat sich geändert. Die Weltsynode hat ein Schlussdokument verfasst, das Papst Franziskus zu seinem eigenen Wort erklärt hat. Es gibt einen Fahrplan für Nationen und Kontinente bis zu einer Weltkirchenversammlung 2028 in Rom. Zwar ist deren rechtlicher Status und genaues Format noch nicht völlig geklärt. Aber klar ist der Impetus: Synodalität gehört zur Verfassung der katholischen Kirche (vgl. „Papa Leone. Leo XIV. und die Zukunft des Papstamts", HK Spezial 1/2026, 61-63). Wie sie – jeweils vor Ort – am besten auszugestalten ist, bleibt allerdings eine offene Frage.
Was kann die katholische Kirche in Europa aufnehmen, was kann sie einbringen (vgl. HK, Mai 2025, 24–27)? Die Zusammenkunft im Bildungszentrum Schloss Puchberg der Katholischen Universität Linz hat eine Wegmarke gesetzt. Synodal vorgegeben ist der Ansatz bei der Taufwürde, bei der Erneuerung sowohl der Mentalitäten als auch der Strukturen, nicht zuletzt bei der Suche nach einer katholischen Balance zwischen der Vielfalt der Berufungen und der Leitungsaufgabe des bischöflichen Amtes. Klar ist die Orientierung der internen Debatten auf die Sendung der Kirche: liturgisch, kerygmatisch, diakonisch. Typisch ist die Methode des „Gespräches im Geist“, die das Hinhören privilegiert, den Rekurs auf Erfahrungen, die Suche nach Konsensen, weniger die Argumentation, das Pro et Contra, die problembewusste Lösung.
Das Treffen war nicht nur sehr gut besucht, es war überbucht. 31 Länder waren vertreten. Bischöfe saßen in bunter Mischung nach Sprachgruppen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch) im großen Saal an diesmal nicht runden, sondern eckigen Tischen. Aus Deutschland waren der Vorsitzende der Bischofskonferenz (DBK), Heiner Wilmer, der Vorsitzende der Glaubenskommission, Franz-Josef Overbeck, und Passaus Bischof Stefan Oster dabei. Die Generalsekretärin der DBK, Beate Gilles, war wie schon in Prag und in Linz vor Ort, ebenso wichtige Mitarbeitende aus dem Bonner Sekretariat. Seitens des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) hat auch Vizepräsidentin Claudia Nothelle eine aktive Rolle beim Treffen übernommen.
Grundsätzliche Klärungen
Vom ersten bis zum letzten Tag ging es um die Frage, was die katholische Kirche in die Gesellschaft Europas und in die Weltkirche einbringen kann. Der Fokus des Treffens lag weniger auf Umsetzungsprozessen: Dafür sind die Ausgangspunkte, die Geschwindigkeiten, auch die Ziele zu unterschiedlich. Eine europäische Zentralsteuerung anzustreben wäre nicht nur illusorisch, sondern auch kontraproduktiv. Aber eine bessere wechselseitige Information tut not. Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen hätte hier eine wichtige Aufgabe.
In Wels blieb es bei der Klärung von Grundsätzen – nicht nur, weil die Konkretisierungen kontrovers werden, sondern auch, weil die Synodalität ein Prozess ist, der immer auf den Anfang zurückkommen muss: Es nehmen immer neue Menschen teil. Es geht immer wieder erst um Wahrnehmung, bevor es um Unterscheidung und Umsetzung geht. Der Machtmissbrauch durch Geistliche kam zwar zur Sprache. Aber die meisten verwiesen auf Herausforderungen von außen: die Säkularisierung, die Veränderung der Lebensverhältnisse im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung, nicht zuletzt auf den Krieg gegen die Ukraine, der ins Herz Europas zielt.
Wichtige Stimmen kamen zu Gehör, um die Lage einzuordnen und den Weg voranzubringen: Natalie Becquart, die Nummer Zwei des Synodensekretariates, Paul M. Zulehner, führender Pastoraltheologe mit langen Erfahrungen im Ost-West-Transit, Tomáš Halík, der so etwas wie der katholische Spiritual Europas geworden ist, Gabriele Cakl-Eder, die den Blick für die Buntheit der Bilder Europas weitete, nicht zuletzt Christoph Theobald aus Paris, der eine synodale Ekklesiologie der Taufe entwickelte, und Myriam Wijlens, Kirchenrechtlerin in Erfurt, die zeigte, welche Potenziale das Kirchenrecht bietet, wenn es mit Kenntnis, Klugheit und Courage angewendet wird.
Wo Einheit und Vielfalt eng aufeinander bezogen sind
Gibt es einen charakteristischen Beitrag der katholischen Kirche für die Gesellschaft und für die weltweite Synodalentwicklung?
Europa ist ein Kontinent, in dem Einheit und Vielfalt so eng aufeinander bezogen sind wie an kaum einem anderen Ort auf der Welt. Ohne Einheit und Vielfalt zu vermitteln, wird es den Kontinent zerreißen – und die Kirche auch. Aber welche Vielfalt bereichert? Und welche Einheit stiftet Zusammenhalt? Wenn die Kirche ein produktiver Faktor in Europa sein will, darf sie sich nicht durch Unterschiede in der Individual-, besonders der Sexualethik auseinandertreiben lassen.
Europa ist der Kontinent, in dem das Verhältnis von Glauben und Vernunft aufgebaut, verraten und wiederentdeckt worden ist. Tomáš Halík hatte Recht, als er in Wels betonte, Europa sei nicht länger der Lehrer der Welt. Aber in einer Zeit, da Religionen ideologisch verfälscht und Ideologien religiös überhöht werden, ist die Kritik der Religion durch die Vernunft weltweit wichtiger denn je – so wie es allerdings auch weltweit niemals wichtiger war, nachzuweisen, dass der Glaube zu denken gibt.
Europa ist ein Kontinent, der anderen Erdteilen und auch sich selbst viele Wunden zugefügt hat – nicht zuletzt solche, die scheinbar der Glaube gefordert hat. Nur wenn diese Wunden nicht verleugnet, sondern aufgedeckt werden, können sie verarztet werden. Dieser Einsatz verlangt jene Mischung aus Empathie und Kompetenz, die zu verbinden eine entscheidende Aufgabe der Kirche sein sollte: in Europa und weltweit. Klara Csiszar hat in ihrem Schluss-Statement daran erinnert: Die innere Reform der katholischen Kirche beginnt in der Umkehr der Herzen und endet nicht in der Erneuerung der Strukturen, sondern in einer neuen Weise diakonischer Mission. Dazu braucht es eine gute Organisation, auch auf der europäischen Ebene. Es braucht eine weltweite Vernetzung – nicht ohne, nicht gegen, sondern mit Europa.