Die Rolle von Religion in säkularer GesellschaftDie Aufgaben der Theologie

Aktuell kommt es in vielen politischen Diskursen zur Instrumentalisierung von Religion wie zu eigentlich überholt geglaubten Versuchen theologischer Legitimierung von Macht. Das kann die Theologie, die ihre Koordinaten neu bestimmen muss.

Georg Essen, Stefan Orth und Magnus Striet
© Verlag Herder

Aktuell kommt es in vielen politischen Diskursen zur Instrumentalisierung von Religion wie zu eigentlich überholt geglaubten Versuchen theologischer Legitimierung von Macht. Das kann die Theologie, die ihre Koordinaten neu bestimmen muss. Im neuen Band der Edition Herder Korrespondenz mit dem Titel „Was vom Westen bleibt. Theologische Argumente im Streit um die Rolle von Religion in säkularer Gesellschaft“ sprechen der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet und der Berliner Dogmatiker Georg Essen über diese Herausforderung. Wir dokumentieren hier das neunte Kapitel.

Neuntes Kapitel: Die Aufgaben der Theologie

Was bedeutet das für die Aufgabenstellung der Theologie? Wo steht die Theologie?

Striet: Man kann natürlich die Frage stellen, ob nicht die Situation der Theologie in Deutschland schlicht und einfach gesellschaftliche Prozesse widerspiegelt. Wir haben eine akademische Theologie, die am Projekt der liberalen Gesellschaft interessiert ist und Forschungsmethoden anderer, zumal der historisch arbeitenden Kulturwissenschaften integriert hat. Aber dann wird die Frage, was eigentlich gelten soll, unvermeidlich. Denn wenn ich erst einmal historisch rekonstruiert habe, was warum als zu glauben vorgegeben wurde, wird die Frage unausweichlich, warum dies heute noch so sein soll. Von daher kann es nicht verwundern, dass sich Gegenpositionen bilden, die dem damit verbundenen Prozess der Verunsicherung Positionen entgegenhalten, die derzeit als Wahrheit vertreten werden.

Was sind dann aber die wichtigen theologischen Ressourcen angesichts der politischen Verwerfungen und den entsprechenden gesellschaftlichen Debatten? Warum reicht es nicht, sich auf das Feld des Verfassungsrechts oder der Philosophie zu begeben? Was kann man gerade im säkularen Kontext als Theologe beitragen, was andere nicht beitragen können?

Striet: Das ist eine hochspannende Frage. Was ist eigentlich das genuin Theologische? In jedem Fall haben einmal Theologen und Theologinnen eine spezifische analytische Kompetenz mit Blick auf die Tradition. Wenn man sich etwa das Phänomen der Versuchung anschaut, eine autoritäre Führergestalt zu etablieren, lohnt es sich, wenn man bestimmte Staatsrechtsphilosophien wie die von Carl Schmitt kennt, den man ohne das Prinzip des römischen Katholizismus nicht verstehen kann. Prinzipiell könnte das auch die Soziologie oder eine andere Wissenschaft machen, aber es braucht auch den entsprechenden Zugang zum Problem. Das große Problem der Theologie im heutigen säkularen Wissenschaftssystem besteht darin, dass sie sich einerseits konsequent historische Methoden und damit auch eine soziologische Methodik aneignen muss, um wissenschaftsfähig zu sein. Das ist ein Programm, das im 19. Jahrhundert mit dem großen evangelischen Theologen Ernst Troeltsch beginnt. Und der zweite Punkt: Jeder theologisch behauptete Satz muss ein philosophisch denkbarer sein. Damit handele ich mir allerdings die Frage ein, was meine sich radikal philosophisch explizierende Theologie von einer genuinen Philosophie unterscheidet. Da gibt es dann auf der anderen Seite noch das Kriterium, dass die Theologie auf die konfessionellen Überlieferungsströme des Glaubens bezogen ist. Man kann in der Gegenwartstheologie beobachten, dass behauptet wird, die Theologie beruhe auf Offenbarungswissen. Aber die Gegenfrage lautet wieder, woher wir das eigentlich wissen können. Oder es wird die apostolische Sukzession angeführt. Aber damit ist natürlich noch nichts ausgesagt, weil in apostolischen Traditionen unendlich viel tradiert worden ist, von dem wir heute manches auch kritisch sehen.

Essen: Es ist auf der einen Seite sehr wichtig, gerade als Theologin und Theologe interdisziplinär zu arbeiten. Entscheidend ist, dass diese fachlichen Grenzüberschreitungen nicht nur in unseren Köpfen stattfinden, sondern in einem Geflecht von Netzwerken und Diskurszusammenhängen. Aber die Daseinsberechtigung bezieht die Theologie auf der anderen Seite nicht aus ihrer interdisziplinären Rhetorik. Ich kann eine solche Strategie nachvollziehen angesichts des Legitimationsdrucks, der auf unserem Fach lastet. Wir kommen jedoch nicht an der Antwort auf die Frage vorbei, was denn nun das genuin Theologische an der Theologie sei. Und dazu gehört dann auch, dass es Theologie in ihrem Grundvollzug nur als konfessionsgebundene und das heißt: kirchliche Theologie gibt. Unserem Fach fällt nicht nur die Aufgabe zu, die gesellschaftliche Relevanz des Glaubens außen hin aufzuzeigen. Die katholische Theologie steht auch in der Pflicht, religionsintern einen Beitrag zur Selbstaufklärung der Glaubensgemeinschaft zu leisten – unter anderem auch durch unseren Bildungsauftrag im Rahmen des theologischen Studiums. Auch wenn die Theologie damit in einen Spagat hineinrutscht, darf sie von dieser Aufgabe nicht lassen. Der Streit um die Kirchlichkeit der Theologie ist hiervon ausgehend erst noch offensiv zu führen. Wir sehen insbesondere seit mehreren Jahrzehnten, vorangetrieben im Pontifikat von Johannes Paul II., den Versuch, die Freiheit der Theologie zu beschränken. Das ist hoch problematisch. Dennoch ist die Kirchlichkeit der Theologie bleibend zentral, weil sie sonst, als katholische jedenfalls, aufhören würde, Theologie zu sein.

Striet: Da gibt es keine Differenz zwischen uns. Ich habe nur vorsichtig formuliert. Ich habe von der Bezogenheit auf konfessionelle Überlieferungsströme gesprochen, um das Hilfskonstrukt der Kirchlichkeit der Theologie zu vermeiden. Es können nicht nur die Theologien von Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. sein, die den normativen Maßstab für die Kirchlichkeit von Theologie bilden. Und sofort geht es wieder um die Frage nach den Maßstäben … Aber natürlich bin ich vollkommen einverstanden damit, dass die Theologie es nicht aufgeben sollte, sich als kirchliche Wissenschaft zu verstehen, weil sie sonst ununterscheidbar von den Kulturwissenschaften würde. Dann würde sie nur etwas verdoppeln und wir hätten keinen eigenständigen Beitrag mehr zu leisten. Die methodische Herausforderung ist, gleichzeitig eine hermeneutische und eine kritische Funktion auszuüben – und dann die intern notwendigerweise aufbrechenden Konflikte unter Theologen und Theologinnen auszuhalten.

Magnus Striet und Georg Essen: Was vom Westen bleibt. Theologische Argumente im Streit um Religion in säkularer Gesellschaft. Edition Herder Korrespondenz, Freiburg 2026, 112 S., 19,00 €.

 

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