Wissenschaftlerinnen der Universität Paderborn haben ihre Untersuchung zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn vorgestellt. Demnach hat es zwischen 1941 und 2002, der Amtszeit der Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt, 210 Beschuldigte und 489 Betroffene gegeben. Damit sind die Zahlen in etwa doppelt so hoch wie die, die 2018 in der MHG-Studie für das Erzbistum ermittelt wurden (111 Beschuldigte und 197 Betroffene).
Im Vorfeld der Studien-Veröffentlichung hatte es erneut schwere Vorwürfe gegen den 2002 verstorbenen Degenhardt gegeben. Dieser soll selbst Missbrauchstäter gewesen sein. Die Betroffenenvertretung des Erzbistums Paderborn gehe entsprechenden Hinweisen nach, sagte deren Sprecher Reinhold Harnisch der „Katholischen Nachrichten-Agentur“ (KNA). Die Anschuldigungen des Betroffenen schätze man als glaubwürdig ein.
Im Oktober des vergangenen Jahres hatte das Erzbistum ebenfalls Vorwürfe gegen die Kardinäle Jaeger und Degenhardt veröffentlicht – aus Transparenzgründen. Der neu hervorgebrachte Tatvorwurf sei bekannt, so der Interventionsbeauftragte in der Erzdiözese, Thomas Wendland. „Nach bisheriger Einschätzung der Meldung bezieht sich diese Meldung auf einen der bekannten Tatvorwürfe aus der Studie von Feige & Graf.“ Bei den Untersuchungen der Kanzlei Feige & Graf, die diese im Auftrag der (Erz-)Bistümer Münster, Essen und Köln durchgeführt hatte, wurden die Vorwürfe als „weder glaubhaft noch plausibel“ eingestuft. Gespräche mit dem Betroffenen sollen folgen. Auch die Untersuchungen der Interventionsstelle hätten zu den Vorwürfen gegen Jaeger und Degenhardt keine belastbaren Ergebnisse geliefert, so Wendland.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt nun die Studie. Die Kirchenhistorikerinnen Nicole Priesching und Christine Hartig, die über sechs Jahre lang entsprechende Akten untersucht und Zeitzeugen interviewt hatten, attestierten den beiden Erzbischöfen allerdings fehlerhaftes Verhalten im Umgang mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs. Sie hätten vertuscht, Täter geschützt und sich nicht um die Betroffenen gekümmert.
Der jetzige Erzbischof von Paderborn, Udo Markus Bentz, bat die Betroffenen nach der Vorstellung der Studie um Verzeihung. „Leid wurde verursacht. Der Umgang damit durch die Verantwortlichen hat das Leid verschlimmert.“ Es gehe nicht nur um individuelles Fehlverhalten einzelner Täter, sondern auch um institutionelles Versagen, betonte Bentz, der der Erzdiözese seit 2024 vorsteht.
Harnisch erklärte, die Studie habe ihm und den anderen Betroffenen ein Stück Würde wiedergegeben. Er sei froh, dass sich bereits einen Tag nach der Veröffentlichung drei weitere Betroffene gemeldet hätten. Das mache ihm Hoffnung.
Die Präsentation der Studienergebnisse ist nur ein Teil der universitären Untersuchung. Für 2027 ist eine weitere Studie angekündigt, die die Amtszeit des noch lebenden früheren Erzbischofs Hans-Josef Becker (2002 bis 2022) untersuchen soll.