Der Philosoph Alexander Grau legt seine Karten gleich im Vorwort auf den Tisch: Mit der Zukunft des Protestantismus sei weder eine Institution noch eine Amtskirche oder Glaubensgemeinschaft gemeint, „sondern eine religiöse Überzeugung, eine Denkfigur, ein intellektueller Weltzugang“. Von der Zukunftsfähigkeit dieser inneren geistigen Haltung zeigt er sich „zutiefst überzeugt, da sie letztlich im Einzelnen und seiner Sehnsucht nach Freiheit, Selbstbestimmung und Individualität“ wurzele. Dieser These dient zum einen ein Durchgang durch die Geschichte der protestantische Theologie von der Aufklärung über Ernst Troeltsch, Karl Barth und Rudolf Bultmann bis zu Dorothee Sölle, zum anderen eine nachdrückliche Verortung des „protestantischen Prinzips“ in Gesellschaft und Denken der Gegenwart.
Graus Urteile über die Positionen der protestantischen Theologie der letzten Jahrhunderte sind durchweg pointiert und von der Überzeugung geleitet, der Protestantismus sei im Vergleich zum Katholizismus mit seinem höheren Stellenwert von Überlieferung, offizieller Lehre, Institution und Tradition in der Lage, sich Strömungen des Zeitgeistes, intellektuellen Entwicklungen und kulturellen Trends anzupassen und diese nachhaltig zu prägen. Dem heutigen Protestantismus jedoch wirft Grau vor, seine eigentliche Substanz zugunsten einer bloßen Ethisierung, Politisierung oder Spiritualisierung aufzugeben. Demgegenüber prognostiziert er eine Zukunft dort, „wo Menschen die Freiheit lieben, wo sie auf sich selbst vertrauen, auf ihre Unabhängigkeit und Eigenständigkeit“, und plädiert für die Verbindung von Religion und Bildung im Sinn der Reformation.
Als kritisch-polemische Einrede gegen Defizite gerade im deutschen Protestantismus der Gegenwart hat dieser gut geschriebene Essay durchaus seine Meriten, genauso in seinem entschiedenen Eintreten für die moderne Weltlichkeit der Welt, der sich Christentum und Theologie nicht durch Flucht in falsche Auswege entziehen darf. Allerdings kommt dabei der kirchlich-gemeindlich organisierte Protestantismus mit seinen Leistungen und Chancen wohl ebenso zu kurz wie die nach wie vor vorhandene gesellschaftliche Bedeutung seines kulturellen Erbes. Ulrich Ruh