„Nun danket all und bringet Ehr, ihr Menschen in der Welt“: Nicht nur bei Dankgottesdiensten, sondern auch bei vielen Anlässen wird dieses Lied (GL 403/KG 518) gerne gesungen. Inbrünstig stimmen viele Sängerinnen und Sänger ein, wenn auf dem Liedanzeiger „Lobet den Herren, alle, die ihn ehren“ angezeigt wird (GL 81/KG 674). Besinnlicher dagegen klingen die Choräle „Ich steh an deiner Krippe hier“ (GL 256/KG 333) oder „O Haupt voll Blut und Wunden“ (GL 289/KG 389).
Was diese bekannten, beliebten und gerne gesungenen Lieder gemeinsam haben? Ihr Text stammt aus der Feder des evangelisch-lutherischen Theologen Paul Gerhardt. Er ist vor 350 Jahren gestorben – ein Grund, neu auf sein Leben zu schauen und zu fragen, warum seine Lieder auch heute noch so beliebt sind.
Lebensstationen als Pfarrer
Paul Gerhardt wurde am 22. März 1607 in Gräfenhainichen im heutigen Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt geboren. Die Familie war nicht im Übermaß reich, aber Pauls Vater Christian übte immerhin das Amt des dritten Bürgermeisters in Gräfenhainichen aus. So konnte der Sohn zunächst die Stadtschule besuchen, bevor er nach Grimma wechselte, um dort seine Schulbildung fortzusetzen. 1628 kam Gerhardt an die Universität Wittenberg, wo er sich für das Fach Theologie einschrieb. Nebenbei unterrichtete er als Hauslehrer bei einem Archidiakon der Wittenberger Stadtkirche. Nach dem Ende des Studiums ging Gerhardt 1643 nach Berlin, wo er wiederum als Hauslehrer bei einer angesehenen Familie wirkte. In einem Gesangbuch, das von einem Berliner Kantor 1647 herausgegeben wurde, fanden sich bereits 18 Lieder von Paul Gerhardt; in einer weiteren Auflage sechs Jahre später waren es schon 82.
Am 18. November 1651 wurde Gerhardt in der Berliner Nikolaikirche ordiniert und trat anschließend eine Pfarrstelle in Mittenwalde an. Zu dieser Zeit entstanden unter anderem die beiden Lieder „O Haupt voll Blut und Wunden“ und „Ich steh an deiner Krippe hier“. Trotz seiner vielen Verpflichtungen als Pfarrer war Gerhardt also auch weiterhin als Lieddichter tätig. 1655 heiratete er Anna Maria; dem Paar wurden fünf Kinder geschenkt, wobei nur der Sohn Paul Friedrich überlebte. Bereits 1657 kam Gerhardt ein zweites Mal nach Berlin – dieses Mal als Diakon an der dortigen Nikolaikirche. Infolge von konfessionellen Spannungen verlor er dieses Amt aber bereits gut zehn Jahre später wieder und ging in seinen letzten Lebensjahren als Pfarrer nach Lübben in der Niederlausitz. Dort übernahm er die seelsorglichen Aufgaben bis zu seinem Tod am 27. Mai 1676. Er wurde in der Kirche, die heute seinen Namen trägt, im Chorraum beigesetzt.
Den Tod ständig vor Augen
Um das Wirken Gerhardts als Dichter von Liedtexten zu verstehen, gilt es, sich des Kontextes zu vergewissern, in dem der Theologe aufgewachsen ist und sein Leben verbrachte. Im Jahr 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, dessen Auswirkungen viele Länder Europas bis ins Jahr 1648 geißelten. Dazu kamen immer wieder Pestepidemien, die viele Tote einforderten. Die Menschen hatten den Tod ständig vor Augen – so lässt sich die Epoche, in der Paul Gerhardt lebte, wohl am ehesten charakterisieren. Mit dem Dreißigjährigen Krieg waren die Menschen mit einem der besonders zerstörerischen Konflikte der europäischen Geschichte konfrontiert. Ausgelöst durch religiöse Spannungen kam es schnell zu einem Machtkampf zwischen den europäischen Großmächten. Auf der Strecke blieb die Bevölkerung, die mit Hungersnöten und Seuchen, mit wirtschaftlichen Verwüstungen und massiven Verlusten zu kämpfen hatte.
Das Leben von Paul Gerhardt war daher stark von den unterschiedlichen Motiven dieser Epoche beeinflusst: Vanitas, Memento mori und Carpe diem lauteten die Stichworte, unter denen ein Mensch sein Leben gestalten sollte. Den Tod ständig vor Augen war man also aufgerufen, aus jedem Tag das Beste zu machen, weil jeder Tag der letzte sein könnte. Diese Gedanken haben auch Eingang in die Liedtexte von Paul Gerhardt gefunden. Man müsste besser sagen: Ohne diesen Kontext, in dem Gerhardt lebte, sind seine Lieder nur schwer verständlich.
Mitten im Leid Gott loben
Gerhardt war aber niemand, dessen Poesie aus den Erfahrungen der erlebten Wirklichkeit nur negativ beeinflusst wurde. Vielmehr macht es den Anschein, dass gerade die Vergänglichkeit der Welt zu einem verstärkten Gotteslob aufforderte. Auch mitten im Leid muss man Gott loben und ihm die Ehre erweisen. Das scheint ein Leitmotiv in Gerhardts Wirken gewesen zu sein. So ist 1647, während seiner ersten Berliner Zeit, die vor allem von der Erfahrung der Pest geprägt war, sein Lied „Nun danket all und bringet Ehr“ entstanden. Mitten im Leid, inmitten eines Kontextes, der von Krankheit und Tod geprägt war, ruft Gerhardt die Menschen auf: „Ermuntert euch und singt mit Schall / Gott, unserm höchsten Gut, / der seine Wunder überall / und große Dinge tut“ (GL 403,2/KG 518,2). Die so leidgeplagte Wirklichkeit lenkt den Blick der Beterinnen und Beter hin zu einer anderen Wirklichkeit: zu einem glaubenden Vertrauen, dass Gott auch inmitten der größten Not gegenwärtig ist und gerade dort seine Macht erweisen will. Das ist für Gerhardt wohl der Grund, warum man auch im Angesicht des Todes Gott loben kann.
Ganz ähnlich verhält es sich mit einem anderen bekannten Lied: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud / in dieser lieben Sommerzeit / an deines Gottes Gaben“ (vgl. verschiedene GL-Eigenteile). Auch hier fällt die Diskrepanz ins Auge: Einerseits die Zerstörungen durch den Dreißigjährigen Krieg, die dem Lieddichter ständig vor Augen standen. Und andererseits aber der Aufruf, die Schönheit dieser Welt zu genießen, die Augen zu öffnen für die liebliche Sommerzeit, die mit so vielen Kleinigkeiten das Menschenherz erfreuen kann. Doch im Blick auf die kleinen Freuden des Lebens schwingt auch die Sehnsucht nach einer anderen Welt mit: „O wär ich da! O stünd ich schon, / ach sü.er Gott, vor deinem Thron / und trüge meine Palmen“. Die Sehnsucht nach dem Jenseits bleibt auch in den Texten Paul Gerhardts nicht verborgen. Sie bildet vielmehr den Kontrast zur gegenwärtigen erfahrenen Welt: „Doch gleichwohl will ich, weil ich noch / hier trage dieses Leibes Joch, / auch nicht gar stille schweigen“. Die Welt mit all ihrer Grausamkeit, wie sie Gerhardt erfährt, wird in seinen Liedern nicht ausgeblendet. Aber sie wird transformiert, sie verändert sich, wenn man sie mit den Augen des Glaubens betrachtet. Denn der gläubige Mensch weiß, dass dieses Leben ein Ziel kennt und dass das ganze Leben von Gott geführt wird. „Befiehl dem Herrn deinen Weg, vertrau ihm – er wird es fügen“ – der Vers aus Psalm 37,5 bildet den roten Faden für das Lied „Befiehl du deine Wege“ (GL 418) aus der Feder Gerhardts. Vielleicht lässt sich das als Grundtenor aller Lieder ausmachen, die er gedichtet hat: Angesichts der Herausforderungen dieser Welt nicht verzagen, sondern den Blick immer wieder auf Gott lenken, der den Menschen nahegekommen ist, um ihnen neue Hoffnung, neue Zuversicht, neue Perspektiven zu schenken. „Ich lag in tiefster Todesnacht, / du warest meine Sonne, / die Sonne, die mir zugebracht / Licht, Leben, Freud und Wonne“ (GL 256,3/KG 333,3) – wer sich auf Gott ausrichtet, der findet alles, was er zu einem erfüllten Leben braucht.
Rezeption der Lieder durch Johann Sebastian Bach
Dass Gerhardts Lieder auch 350 Jahre nach seinem Tod noch zum festen Repertoire in den Gesangbüchern beider großen Konfessionen gehört, mag auch daran liegen, dass er schon sehr früh einen wichtigen Verehrer seiner Liedtexte fand: Kein geringerer als Johann Sebastian Bach (1685–1750) hatte sich daran gemacht, ausgewählte Texte von Gerhardt zu vertonen. Die bekanntesten darunter sind wohl das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ sowie das Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippe hier“. Nachdem das „Gotteslob“ von 1975 dem Lied eine eingängigere Melodie (Wittenberg 1529) zugrunde gelegt hatte, bietet das „Gotteslob“ von 2013 nun die Bach‘sche Melodie aus dem Jahr 1736 an. „O Haupt voll Blut und Wunden“ wurde von Bach sogar in seine Matthäus-Passion aufgenommen, während das aus der Feder Gerhardts stammende Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“ im Weihnachtsoratorium seinen Platz fand. Diese Rezeption der Gerhardt‘schen Dichtungen mag noch einmal in besonderer Weise zur größeren Verbreitung seiner Lieder beigetragen haben. Wenngleich die Randnotiz hinzugefügt werden muss: Die meisten Gerhardt-Lieder wurden nicht von Bach vertont und erfreuen sich dennoch bis heute einer großen Beliebtheit.
Gerhards Lieder als Hoffnungstexte
Das Leben von Paul Gerhardt war ein Leben der Kontraste: die brutalen Erfahrungen von Leid und Krieg, der Tod, der selbst vor den eigenen Kindern keinen Halt machte, Krankheiten, vor denen man sich nur bedingt schützen konnte. Und andererseits das Wirken Gerhardts als Theologe, als Pfarrer, als Verkündiger des Evangeliums. Gerhardt war einer, der Hoffnung machen wollte. Der den Blick immer wieder auf eine andere Welt lenken wollte, um den Menschen im Hier und Heute Mut zu machen. Dieser Kontrast legt sich immer wieder in seine Werke hinein, wie etwa auch im Lied „Nun ruhen alle Wälder“: „Der Leib eilt nun zur Ruhe, / legt ab das Kleid und Schuhe, / das Bild der Sterblichkeit; / die zieh ich aus: Dagegen / wird Christus mir anlegen / den Rock der Ehr und Herrlichkeit“ (GL 101,4). So sind die Liedtexte Gerhardts bis heute Hoffnungstexte. Lieder, die über Konfessionen hinweg verbinden und Mut machen wollen. Lieder, die immer wieder aufrufen, auf Gott zu vertrauen und das eigene Leben vertrauensvoll in seine Hände zu legen. So, wie Gerhardt es in „Wie soll ich dich empfangen“ ausdrückt: „Ich lag in schweren Banden, / du kommst und machst mich los; / ich stand in Spott und Schanden, / du kommst und machst mich groß / und hebst mich hoch zu Ehren / und schenkst mir großes Gut, / das sich nicht lässt verzehren, / wie irdisch Reichtum tut.“
Weitere Informationen zu Leben und Werk Paul Gerhardts sowie zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2026 finden sich auf der Website der Paul-Gerhardt-Gesellschaft: paul-gerhardt-gesellschaft.de.