VerhandlungsmasseWeiter Wirbel um Segensfeiern

Das Glaubensdikasterium macht einen Brief an die Deutschen von 2024 öffentlich. Das ist kein Zufall, aber auch kein Paukenschlag. Was dahintersteckt und wie es jetzt weitergehen könnte.

Kardinal Marx bei einem Queer-Gottesdienst
© Robert Kiderle/KNA

Soeben hat das vatikanische Glaubensdikasterium einen Brief seines Präfekten Kardinal Fernández aus dem Jahr 2024 ins Internet gestellt. Aufmerksamen Beobachtern fiel das sofort auf, obwohl das Dokument auf der Seite nicht gerade prominent platziert ist. Es ist jenes Schreiben, aus dem COMMUNIO vor einem halben Jahr zitiert hat und in dem der Präfekt Anmerkungen zu einem Entwurf der deutschen Handreichung "Segen gibt der Liebe Kraft" gemacht hat.

Ein Zufall wird es jedoch nicht sein, dass der Brief ausgerechnet jetzt online gestellt wird. Denn diesbezügliche Medienanfragen dürften sich zuletzt gehäuft haben. Die Debatte um die Segnungen von Paaren in "irregulären Situationen" war vor Kurzem wieder aufgeflammt, nachdem Kardinal Reinhard Marx die deutsche Handreichung in einem internen Schreiben seinen Seelsorgern zur Anwendung empfohlen hatte. Das Marx-Schreiben wurde publik – und während eines Pressegesprächs im Rahmen seiner Afrika-Reise wurde Papst Leo XIV. auf den Sachverhalt angesprochen. Leo betonte, die kirchliche Einheit dürfe nicht an Fragen der Sexualmoral festgemacht werden; der Heilige Stuhl habe aber den Deutschen bereits klargemacht, dass man mit "formellen Segnungen" nicht einverstanden sei.

Die deutschen Bischöfe hatten sich für ihre Handreichung auf eine Absprache mit Rom berufen. Tatsächlich war der Wortlaut nach dem jetzt veröffentlichten Fernández-Brief noch einmal verändert worden.

Das teilt nun auch die Deutsche Bischofskonferenz mit. Sprecher Matthias Kopp sagt:

"Der Entwurf wurde nach Eingang des Briefes noch einmal überarbeitet, um den kritischen Anmerkungen Rechnung zu tragen. Er wurde dann nach der Beratung im Ständigen Rat der Deutschen Bischofskonferenz und der Annahme durch die Gemeinsame Konferenz am 23. April 2025 veröffentlicht. Der Brief von Kardinal Fernández hatte also als Referenzdokument einen anderen Text als den im April 2025."

Das stimmt zwar. Doch eine hochrangige Quelle aus dem Umfeld des Glaubensdiskasteriums hatte schon damals gegenüber COMMUNIO betont, das Dikasterium habe "keiner der beiden Fassungen der Handreichung zugestimmt". Die Aussage des damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Georg Bätzing, der zufolge alles "in Absprache" mit dem Glaubensdikasterium geschehen sei, habe "nur formale Bedeutung, da die Antwort des Dikasteriums offenbar nicht berücksichtigt wurde". Und gegenüber dem amerikanischen Portal "The Pillar" hatte Fernández damals geäußert, das Glaubensdikasterium habe "nichts gebilligt".

Indem das Schreiben jetzt auf der Internetseite des Dikasteriums veröffentlicht wird, macht der Vatikan nochmals deutlich: Erlaubt sind spontane Segnungen. Segensfeiern mit Gebet, Gesang und Bibellesungen, eigene Gottesdienste also, soll es laut Vatikan nicht geben.

Kein Machtwort

Papst Leo hat den Konflikt mit Deutschland von seinem Vorgänger, Papst Franziskus, geerbt. Der deutsche Synodale Weg hatte über Jahre hinweg immer wieder zu Spannungen mit der römischen Zentrale geführt. Dabei vermied es Franziskus jedoch stets, bis zum Äußersten zu gehen und etwa den Prozess durch ein päpstliches "Machtwort" zu stoppen.

Ein solches Machtwort dürfte auch von Papst Leo XIV. nicht zu erwarten sein, der bislang sehr behutsam und kontrolliert vorgegangen ist. Vieles spricht dafür, dass er den Zwist um die Segensfeiern nicht eskalieren lassen möchte. In der westlichen Öffentlichkeit gibt es bislang kaum Kritik am Papst. Seine Positionierung als Fürsprecher für den Frieden hat ihm zuletzt im Gegenteil viele Sympathien beschert. Bei einem allzu harten Vorgehen in der Sache könnte dem Pontifex aber zumindest im Westen Homosexuellen- oder Queerfeindlichkeit vorgeworfen werden.

Allerdings hätte er die Möglichkeit, die deutschen Bischöfe ganz ohne öffentliche Intervention zum Einlenken zu bringen – also dazu, nicht weiter zu versuchen, das offiziell zu regeln, was nach dem Willen des Vatikans formlos und "spontan" bleiben soll. Die deutschen Kirchenleute wollen nämlich etwas vom Papst: die Erlaubnis für ein neues deutschlandweites Kirchengremium, die sogenannte Synodalkonferenz. Der entsprechende Antrag liegt gerade im Vatikan zur Prüfung – und die Deutschen wollen im Herbst starten.

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