Peter Thiel hat immer wieder ein feines Gespür für den richtigen Moment und die richtigen Persönlichkeiten. Seine finanzstrategischen Investitionen brachten ihm ein Milliardenvermögen ein, er schmiedete Koalitionen in der Tech-Industrie des Silicon Valley oder mit politischen Führungspersönlichkeiten. Zudem registriert Thiel immer wieder geistesgeschichtliche Verschiebungen und liegt dabei nicht immer falsch. So wittert er apokalyptische Luft, wenn der Klimakollaps die Gemüter erregt, künstliche Intelligenz menschliches Handeln ersetzt und die geopolitische Lage das Ende der Welt herbeizuführen scheint. Der Antichrist und das "apokalyptische Monster" bedrohen die Welt. Diese Weltsituation verlangt, biblisch gesprochen, einen Aufhalter (katechon), der den Antichristen besiegt und das Ende der Welt abwendet.
Schon länger beschäftigt Thiel die Figur des Antichristen sowie die apokalyptischen Wehen der Geistesgeschichte. Das sollten auch die Themen eines Seminars in Rom im Frühjahr dieses Jahres sein. Nur geladene Teilnehmer konnten die Thesen Thiels hören und diskutieren, durften jedoch keine Mitschriften oder Aufzeichnungen anfertigen. Nun hat Thiel selbst zusammen mit Sam Wolfe in der US-amerikanischen Zeitschrift First Things einen Einblick in seine Gegenwartsanalyse gegeben. The Pope and the Antichrist verspricht eine spannende Lektüre und sucht erstaunliche Allianzen. Kein geringerer als der Theologe Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. wird bemüht, seiner apokalyptischen Weltdeutung Schützenhilfe zu leisten. Thiel bietet einen Streifzug durch das theologische Schaffen des Ratzinger-Papstes und spürt bei ihm in allen Phasen apokalyptische Fährten auf, die in der Überzeugung münden: "Die Welt geht unter". Gerade die letzten Lebensjahre im Kloster Mater Ecclesiae seien davon geprägt gewesen, in der Endzeit zu leben.
Thiel hat das Gesamtwerk von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. gut durchforstet und hegt eine gewisse Bewunderung für ihn.
Bewunderung für Joseph Ratzinger
Was ist davon zu halten? Es zeigt sich, dass Thiel das Gesamtwerk von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. gut durchforstet hat und eine gewisse Bewunderung für ihn hegt. Ohne große Umschweife kommt er auf die frühe Bonaventura-Studie Ratzingers zu sprechen. Der mittelalterliche General des Franziskanerordens erarbeitet seine Geschichtstheologie in Auseinandersetzung mit Joachim von Fiore. Zentrale Aussage der Bonaventura-Studie sei nach Thiel das Ende der Geschichte. Ratzinger sei nach Thiel überzeugt, selbst wenn er dies auch nicht direkt geschrieben habe, dass dies gerade auch für die Gegenwart gelte. Joachim und Bonaventura regten daher an, sich auf die Kontemplation als den eigentlich geistlichen Wert zurückzuziehen, eine Empfehlung, die Thiel auch bei Ratzinger in einer Radioansprache aus dem Jahr 1969 über die Krisen von Kirche und Gesellschaft ausmacht.
Die 1988 gehaltene Erasmus Lecture, die dann unter dem Titel Schriftauslegung im Widerstreit berühmt geworden ist, ist in Thiels Augen wiederum ein Hilfeschrei, das apokalyptische Ende endlich ernst zu nehmen. Die historisch-kritische Bibelhermeneutik von Martin Dibelius oder die Entmythologisierung à la Rudolf Bultmann sind in der thielschen Ratzinger-Lektüre "Agenten des Antichristen", weil sie "alle apokalyptischen, sakramentalen, mystischen Elemente" mit dem historischen Jesusbild vom Tisch geräumt hätten. So sei es dann auch das Ansinnen von Papst Benedikt XVI. gewesen, an das Kommen des Antichristen zu erinnern, als er 2007 bei den Fastenexerzitien Kardinal Biffi Solowjews Kurze Erzählung vom Antichrist deuten ließ. Es verwundert nicht, dass der Tech-Milliardär die Enzyklika über die Hoffnung Spe salvi ebenfalls apokalyptisch liest.
Die Rede vom Weltuntergang und vom Antichrist versetzen den Menschen in Ohnmacht und in Verunsicherung. Wer ist es, der dann noch retten kann? Den Ausweg bietet in den thielschen Szenerien eine kleine Gruppe von Tech-Potentaten, die das Überleben der Welt durch den Finanzethos sichern.
War nun der Theologe und Kardinal Ratzinger sowie Papst Benedikt XVI. der einsame apokalyptische Rufer in der Wüste? Ist sein Rücktritt der Anfang vom Ende, sind seine Worte des Antichristen als Papa emeritus so zu verstehen, wie Thiel sie auffasst? Der Theologenpapst weiß um den eschatologischen Vorbehalt, der es verbietet, detaillierte Aussagen darüber zu machen, was über das menschliche Wissen-Können hinausgeht. Nicht so Peter Thiel. Er nimmt die Fährte der solowjewschen Kurze Erzählung vom Antichrist auf und identifiziert assoziativ aufgrund biographischer Stationen Ratzingers in Tübingen den Antichristen mit Hans Küng. Sein Projekt Weltethos, das für Frieden unter den Religionen und Kulturen wirbt, ist für Thiel die Haltung des Antichristen. Der größte Clou von Küng: Mit Frieden und Sicherheit unter den Religionen schwindet die Erwartung des Antichristen und vom Ende der Welt. Anstelle des apokalyptischen Pathos tritt das Weltethos.
Wider das Projekt Weltethos
"Feinde wie Küng", wie es im Aufsatz heißt, versinnbildlichen all das, wogegen Peter Thiel seine apokalyptischen Allianzen schmiedet. Aber ist Thiel hier so weit von dem entfernt, was er Küng vorwirft? "Frieden und Sicherheit" verspreche das küngsche Projekt des Antichristen und möchte wohl die Menschen von der Weltangst befreien – ist das eine Anspielung auf das Werk Ludus de Antichristo um 1160, das mit "Frieden und Sicherheit" den Antichristen und seine Mitstreiter tarnt? "Diese Welt ist alles, was wir haben" – interpretiert Thiel – "und es liegt an uns, sie zu retten: Kein Überleben ohne Weltethos". Kein geringeres Anliegen verfolgt jedoch Thiel selbst mit seiner endzeitlichen Rhetorik. Die Rede vom Weltuntergang und vom Antichrist versetzen den Menschen in Ohnmacht und in Verunsicherung. Wer ist es, der dann noch retten kann? Den Ausweg bietet in den thielschen Szenerien eine kleine Gruppe von Tech-Potentaten, die das Überleben der Welt durch den Finanzethos sichern. Letztlich ist es jedoch genau das, was er Küng vorwirft, nur in anderen Kleidern gewandet.
Joseph Ratzinger stand dem Projekt Weltethos kritisch gegenüber, hier versteht Thiel ihn vollkommen richtig. Auch teilte er gänzlich die Kritik des Philosophen Robert Spaemann an ihrem Tübinger Kollegen, mit dem der Tech-Milliardär Thiel gegen Küngs "weichgespültem Christentum" aufwartet, das zur Endzeitvergessenheit führt. Ratzinger würde jedoch ein Veto einlegen und vor einer Vereinfachung warnen. In seinem Aufsatz Dialektik der Säkularisierung, im Gespräch mit Jürgen Habermas 2005 vorgetragen, kommt er kurz auf Küngs Anliegen zu sprechen und findet gar zustimmende Worte. Das gerechte Zusammenleben der Völker bedarf eines echten kulturellen Dialogs, der die Religionen nicht ausschließt. Die eigentliche Gefährdung der Menschheit macht Ratzinger in einer technischen Entwicklung aus, die Peter Thiel mit tatkräftigen Investitionen vorantreibt. Es sind die Bedrohung der Atomwaffen und die Versuchung der steten Selbstoptimierung des Menschen, die ihn letztlich zu zerstören drohen. Ratzinger sieht nicht schwarz oder weiß, sondern wägt ab und vermag das Gute selbst dort zu sehen sowie zu akzeptieren, wo er aus seinen Überzeugungen nicht voll und ganz dahinter steht. Hier steht Ratzinger gegen Thiel und erinnert mit seiner Warnung daran, dass ein ungehemmter technischer Fortschritt die Menschheit gefährden kann, wenn er nicht von einem Ethos der Verantwortung begleitet ist. Man möchte dem Silicon-Valley und ihren Finanziers zurufen: Hört den Mahner in der Wüste! Ratzinger weist in seinen Schriften anders als Thiel auf den hin, der der Weg eines glückenden Lebens ist.
Apokalyptisches Hoffen spekuliert nicht über Zeiten und Personen quasi als Roadmap der Endzeit, sondern weiß um die rettende und richtende Tat Gottes.
Peter Thiel ist zuzustimmen, dass es ein waches Sensorium für die apokalyptische Stimmung in der Welt braucht: "nichts dauert ewig, denn diese Welt hat einen Anfang und ein Ende". Reflektiert und kritisch darüber nachzudenken, das ist die Aufgabe der Theologie. Doch der apokalyptische Kampf wird nicht zwischen Ratzinger und Küng ausgetragen, sondern betrifft in einer spirituellen Lesart jeden Einzelnen. Augustinus, der Ratzinger noch mehr als Bonaventura geprägt hat, schildert in seinem monumentalen Werk De civitate Dei, dass das stete Ringen zwischen Eigenliebe und Gottesliebe die apokalyptische Entscheidung ist. Die Gottesliebe, die in Jesus Christus Mensch geworden ist, ist das Zentrum des Denkens des Ratzinger-Papstes. Darum schreibt er in seiner Enzyklika Spe salvi über die Hoffnung: "Erlöst wird der Mensch durch die Liebe." Es ist nicht der technische Fortschritt, dem sich Thiel verpflichtet fühlt, sondern diese einfache Grundbestimmung des Menschen, in Beziehung zu leben und eine Beziehung zu Gott zu haben.
Biblische Apokalyptik: Keine Roadmap der Endzeit
Doch was meint Apokalyptik nun konkret? Ist es der grauenvolle Weltuntergang am Ende der Zeit? Wovon sprechen die biblischen Bilder der Vernichtung und des Zornes Gottes? Apokalyptik verkündet nicht das Ende der Zeit, sondern macht deutlich: Wir leben in den Zeiten des Endes. Das ist keine Zeit der Traurigkeit oder der Angst. Im Gegenteil: Apokalyptische Zeit ist die hoffnungsvolle Haltung, dass die Geschichte sich nicht selbst vollendet und erlöst, sondern dass Gott in seiner Barmherzigkeit alles zum Guten und zur Fülle führt. Apokalyptisches Hoffen spekuliert nicht über Zeiten und Personen quasi als Roadmap der Endzeit, sondern weiß um die rettende und richtende Tat Gottes. Ratzinger ist von der Überzeugung getragen, dass die apokalyptischen Worte und Bilder, wie er im zweiten Band seiner Jesus-Trilogie schreibt, eine "personalistische Mitte [haben]: In ihr Zentrum rückt die Person Jesu selbst, die die gelebte Gegenwart und die geheimnisvolle Zukunft ineinander verknüpft. Das eigentliche ,Ereignis‘ ist die Person, in der im Vergehen der Zeit wirklich Gegenwart bleibt. In dieser Person ist das Künftige da. Die Zukunft wird uns letztlich in keine andere Situation stellen, als sie im Begegnen mit Jesus schon gegeben ist."
Das Wissen um die Rettung in Jesus Christus nimmt die Angst vor dem Ende. Ratzinger vertritt eine präsentische Eschatologie. Die Person Jesus von Nazareth schenkt in den Zeiten der Trübsal Zuversicht und lädt zum Glauben ein. Es ist verständlich, wenn Thiel in den Kategorien des Kosmos und der Algorithmen denkt und aus natürlichen Erscheinungen Fakten ableitet. Ratzinger denkt in der Logik des Personalen, das auf das Wort Gottes ausgerichtet ist und Gemeinschaft mit ihm sucht. Apokalyptik ist nicht Hellseherei, die mit panischem Schrecken unhintergehbar Besitz ergreift; ebenso wenig erlaubt sie Schlussfolgerungen aus geschichtlichen Umständen. Mit einem Wort aus der Eschatologie von Ratzinger ist sie die "Sehnsucht, dass er [Gott] seinen verborgenen Glanz offenbare". Sie ist die Begegnung mit der rettenden Liebe Gottes, der auf den Menschen in seiner Zeit zugeht. Liturgie und die Feier der Sakramente, insbesondere der Eucharistie, öffnen die Gegenwart auf den kommenden Gott sowie sein Heil und lassen den Menschen damit an seiner Erlösungstat teilhaben.
Peter Thiel und Joseph Ratzinger denken beide apokalyptisch. Der eine malt sich den Weltuntergang aus, der andere spricht von der großen Hoffnung der Rettung durch das Gericht hindurch.
Ratzinger zeigt, dass es ein Wachen auf das apokalyptische Ereignis braucht, das jedoch die Offenbarung des Heils in Jesus Christus ist. Apokalyptik ist Aufdeckung, ja Öffentlichkeit dessen, was kommen wird. Spe salvi von Papst Benedikt XVI. kommt daher auf das Gericht zu sprechen, das in Jesus Christus das gesamte Weltgeschehen aufdeckt. Gericht als Apokalypse ist, wie es der Papst in der Enzyklika schreibt, "In-die-Wahrheit-Kommen". Alles Bangen, Warten und Hoffen ist gefüllt mit und in der Person Jesu Christi, er ist die Fülle der Zeit. Gerade das ist bei Thiel und seiner Lesart der Apokalyptik die entscheidende Leerstelle.
Thiel liegt richtig mit der Einschätzung, dass Ratzinger von Beginn seines theologischen Wirkens bis zuletzt die Fragen des Endes durchdacht hat. Ebenso wenig falsch ist die Feststellung, dass die Geschichtstheologie des Bonaventura Ratzinger einen Schlüssel zur Geschichtsdeutung gegeben hat. In der Beschäftigung mit dem apokalyptischen Meister des Mittelalters Joachim von Fiore kommt Bonaventura zu einem Verständnis der Geschichte, das den Theologenpapst bis zu seinen letzten Worten auf dem Sterbebett – der eigentlichen apokalyptischen Stunde – begleitet hat. Geschichte lässt sich nur verstehen, wenn "Christus die Mitte der Geschichte" ist. In ihm kommt alles zusammen und von ihm geht alles aus. Kontemplation, die Bonaventura und Ratzinger als Lebenshaltung der Endzeit verstehen, schenkt kein esoterisches Wissen über Zeit und Stunde, sondern offenbart eine mystische Erfahrung der Christusbeziehung.
Das Geheimnis der Apokalyptik ist nicht ein Rätsel der Geschichte, sondern die Person Jesus Christus, in dem der universale Heilswille Gottes für die ganze Schöpfung erfahrbar wird. Peter Thiel und Joseph Ratzinger denken beide apokalyptisch. Der eine malt sich den Weltuntergang aus, der andere spricht von der großen Hoffnung der Rettung durch das Gericht hindurch.