Reformation statt Transformation: Warum die Zukunft der evangelischen Kirche mit der Wirklichkeit Gottes beginnen muss

Die pastorale Resignation der evangelischen Kirche ist Ausdruck einer tiefen geistlichen Müdigkeit. Wo Theologie in Ethik aufgeht und die Wirklichkeit Gottes aus dem Blick gerät, droht die Selbstauflösung. Reformation ist möglich – wenn die Kirche die Frage nach Gott wieder ins Zentrum rückt.

Thesentür in Wittenberg
Schlosskirche Wittenberg© Romzig, CC0, via Wikimedia Commons

Es gibt kaum ein missbrauchteres Wort als den evangelischen Slogan "ecclesia semper reformanda". Karl Barth popularisierte ihn. Die Strukturreformtechnokratinnen und -technokraten der kirchlichen Gegenwart reiten ihn zu Tode. Und zwar mit der mehr oder weniger trotzigen Entschlossenheit, so etwas wie Volkskirche nach dem Ende der Volkskirche in die Zukunft zu führen – und sei es über die Köpfe des Kirchenvolkes hinweg.

Wenn das Wort Reformation heute irgendeinen kirchenzukunftseröffnenden Sinn hat, dann besteht er darin, wieder mit dem Anfang anzufangen.

Ich habe es vor einigen Jahren gewagt, in einem kirchenleitenden Brainstorming über die Kirche der Zukunft und die Zukunft der Kirche gewissermaßen als Apero die Frage zu stellen, warum ein Mensch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch Mitglied der evangelischen Kirche sein soll. Es wäre doch sinnvoll, so dachte ich fundamentaltheologisch arglos und durchtrieben zugleich, erst diese Frage und dann erst die andere Frage zu beantworten, warum die evangelische Kirche denn überhaupt noch weiterexistieren soll – in welcher verschlankten, großgemeindeflächenmäßigen und immobilienärmeren organisatorischen Gestalt auch immer. In den Antworten trat unverhohlener Missmut zu Tage. Man müsse doch nicht immer mit dem Anfang anfangen. Darüber habe man schon tausendmal nachgedacht. Das führe nicht weiter.

Sola structura? 

Und genau darin bestand der Irrtum. Es war und ist der Irrtum derjenigen – and I mean no offense! –, die glauben, es könne strukturelle Transformation ohne theologische Reformation geben und es genüge, sola structura zum fünften und letztlich einzigen reformatorischen Sola des 21. Jahrhunderts zu erklären. Wenn das Wort Reformation heute irgendeinen kirchenzukunftseröffnenden Sinn hat, dann besteht er darin, wieder mit dem Anfang anzufangen. Und wenn es aus kirchlicher Sicht einen Anfang gibt, dann ist es die Wirklichkeit Gottes. Nichts und niemand sonst. Sie, die Wirklichkeit Gottes, ist nicht nur die Deko, sondern das A und O allen kirchlichen Daseins und Handelns. Ja, das ist eine Binsenweisheit. Aber es ist eine vergessene oder vielmehr verdrängte Binsenweisheit.

Wer also meint, es führe zumal in zunehmend säkulareren Zeiten und in einem zunehmend postchristlicheren und multireligiöseren Abendland irgendein Weg an der Wirklichkeit Gottes und am Glauben an rettende Transzendenz vorbei in die Zukunft der Kirche, täuscht sich. Denn über kurz oder lang werden sich in der Kirche nur noch Menschen hauptamtlich, nebenamtlich und ehrenamtlich engagieren, die mit diesem Gott und mit Gottes Heiland etwas anfangen können und wollen. Jeder Versuch des selbstsäkularisierungstollen Menschen, die Kirche der Zukunft unwillkürlich oder programmatisch als Probe aufs Exempel zu begreifen, ob es auch ohne Gott oder ob es ohne Gott vielleicht sogar besser, nämlich relevanter und zeitgeistanschlussfähiger geht, wird jämmerlich scheitern.

Der Versuch einer Kirche ohne Vertikalspannung

Frank Zelinsky, der Rektor des Pastoralkollegs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, brachte es im Korrespondenzblatt des bayerischen Pfarrerinnen- und Pfarrervereins unlängst auf den Punkt: "Wenn wir in der jetzigen Situation nicht auch eine Frage Gottes an uns erkennen, verstehen wir sie nicht in der Tiefe." Und genau diese Frage Gottes an uns ist die Gretchenfrage der Kirche und die Gretchenfrage der Theologie. Es ist die Frage Gottes, wie wir es mit ihm halten. Es ist die Frage, die Gott dem ersten Menschen stellte: "Adam, wo bist du? Bist du dort, wo ich dich hingestellt habe? Oder bist du auf Abwege geraten?"

Jede Transformation der evangelischen Kirche zur vertikalspannungsfreien politischen oder moralischen Bekenntniskirche wird mit ihrer Selbstauslöschung enden.

Kein Mensch braucht eine hyperpolitische und eine hypermoralische Kirche ohne Vertikalspannung. Und jede Transformation der evangelischen Kirche zur vertikalspannungsfreien politischen oder moralischen Bekenntniskirche wird mit ihrer Selbstauslöschung enden. Man könnte es auch apokalyptischer sagen. Eine Kirche, die Dogmatik in Ethik auflöst, Ludwig Feuerbachs Ansinnen vollendet, Theologie rückstandfrei in Anthropologie zu übersetzen, und auch die letzten Reste von Metaphysik in Diesseitsgestaltung und Diesseitsvertröstung pumpt, wird nicht in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts gelangen. Sollte sich die Kirche als moral- und politprophetisches Titänchen des Anthropozän neu zu erfinden suchen, das jeden reflexartig als "Rechts" diskreditiert, der an Gott als handlungsmächtigen Akteur glaubt, wird sie wie weiland die Titanic am Eisberg ihres erkalteten, gottesvergessenen Glaubens zerschellen.

Die pastorale Resignation ist eine geistliche Müdigkeit

Zu den tabuisiertesten Gedanken einer linksliberaltheologischen evangelischen Gegenwart gehört die Vorstellung, es könne sich bei der derzeitigen Kirchenkrise womöglich um Gottes Gericht an einer Kirche handeln, die Gottes Kirche nicht mehr ist. Ich glaube allerdings, dass niemand, der das Wort Reformation wirklich ernstnimmt und der gegenwärtigen Krise der Kirche wirklich auf den Grund zu gehen sucht, an diesem Gedanken vorbeikommt.

Und ich weiß natürlich, wie unbeliebt ich mich im Kreis meiner Brüder und Schwestern im Herrn mache, wenn ich ihnen unterstelle, dass sie genau diesen Gedanken meiden wie der Teufel das Weihwasser. Ich weiß, was sie von mir halten, wenn ich ihre Transformationserschöpfung als spirituelle Erschöpfung ausgezehrter und aufgezehrter Arbeiter im Weinberg des Herrn dekonstruiere, die vergessen haben, wo die eigentlichen Quellen sind, aus denen sie schöpfen könnten. Aber ich fürchte, dass ich mich nicht täusche, so traurig es auch ist. Die pastorale Resignation unserer Zeit ist eine tiefe geistliche Müdigkeit, die in einer abgründigen, nicht etwa materiellen, sondern spirituellen Ressourcenarmut gründet.

Ich habe sieben Jahre lang Theologie studiert. Und es war mir möglich, dieses Studium ohne die geringste spirituelle Wegzehrung zu absolvieren, die im übrigen auch von den meisten meiner akademischen Lehrer nicht zu bekommen war. Vielleicht auch deshalb, weil ich nie im Traum daran gedacht, geschweige denn den Mut gehabt hätte, mich in einem Seminar mit der Frage zu melden: "Herr Professor, was glauben Sie eigentlich?"

Mittlerweile ist eine Generation von Pfarrerinnen und Pfarrern in Amt und Würden, die den lebendigen Beweis des erfolgreichen Marschs der erwähnten linksliberalen Theologie durch die Institutionen von Kirche und Universität darstellt. Ja, es gibt auch andere, die mit der selbstsäkularisierten empirischen Kirche ringen und kämpfen und inmitten dieser Kirche nach frischen Ausdrucksformen von Kirche suchen. Aber der sogenannte Mainstream fasst das Wort Mission nicht einmal mit spitzen Fingern an. Kirchenentwicklung? Ja, bitte! Mission? Bitte nicht!

Eine neue Generation 

Interessanterweise beginnt sich bei den Jüngeren das Blatt zu wenden. Ich beobachte das an meinen Studierenden. Sie identifizieren sich eher nicht mehr so sehr mit dem ökosozialistischen Projekt derjenigen, die sich "Evangelische Jugend" nennen. Und das ist nicht verwunderlich. Denn wer hätte in Zeiten wie diesen Lust, ein sinkendes Schiff zu betreten, dessen Bordkapelle seit Jahren im hohen oder nonchalanten, als pfiffige Zeitgemäßheit getarnten Ton das Lied "Ferner, mein Gott, von dir" zum Besten gibt? Dass die Kirche keine Boombranche ist, schreckt wahrscheinlich tatsächlich nur diejenigen nicht, die auch im Verfallsstadium der Kirche noch die Kirche Jesu Christi erkennen. Die anderen studieren instinktiv Soziale Arbeit oder anderes. Vielleicht auch deshalb, weil sie der eigenen Erzählung der Großen Transformation der Kirche nicht mehr so recht glauben und sich daher in anderen Berufen materiell gesicherter und womöglich auch weltanschaulich besser aufgehoben wähnen.

Ob sie wissen, dass ihr kirchlicher Weg in den kommenden Jahren einer Wüstenwanderung gleichen wird?

Es gibt sie also, wenn auch weiß Gott nicht in großen Zahlen. Es gibt sie, die Frommen und Gottesfürchtigen, die nicht in Freikirchen abwandern, sondern in der Volkskirche den einzigen Ort des Berufschristseins sehen, der für sie in Frage kommt. Ob sie wissen, dass ihr kirchlicher Weg in den kommenden Jahren einer Wüstenwanderung gleichen wird? Vielleicht wissen sie es tatsächlich. Und vielleicht ziehen sie diese Wanderung einsamer gottessehnsüchtiger Ruferinnen und Rufer in der Wüste den Fleischtöpfen Ägyptens und Kanaans, also der Versuchung der Selbstpolitisierung, Selbstsäkularisierung und Selbstbanalisierung und des Vorliebnehmens mit einer kirchlichen Sozialmanager- oder interreligiösen Moderatorenexistenz vor.

Vielleicht ist eine Wanderung im dürren Land, dem ein kircheverlassender Gott den Rücken gekehrt hat, um die Spreu dem Untergang zu überlassen, attraktiver als eine Wanderung in den Niederungen des geistlichen Niedergangs. Und vielleicht ist sie das auch deshalb, weil die künftigen Hirtinnen und Hirten der Kirche nicht müde werden, in diesem Land die Spur eines Gottes zu sehen, der sozusagen schmollt, aber sich von echten Reformatorinnen und Reformatoren herbeilocken und herbeiklagen ließe, wenn sie das Zeug hätten, an ihn zu erinnern mit einer echten evangelischen Existenz.

Ich gebe also die Hoffnung einer Reformation der evangelischen Kirche an Haupt und Gliedern nicht auf. Aber diese Reformation wird nur dann eine Reformation und keine Transformation ins Nichts sein, wenn sie mit dem Anfang anfängt: mit der Beantwortung der Gretchenfrage Gottes an uns – und sei diese Antwort noch so tastend und stammelnd.

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