Christliche Hoffnung ruht nicht auf der Maximierung des halbwegs Möglichen, sondern auf Gottes Tat, die das Unmögliche gewirkt hat.

Berührt es nicht sonderbar zu hören, "es reicht, zu lieben"? Ein schrecklich-schöner Satz, den Slavoj Žižek mit dem Schwert einer kalten Liebe in uns treibt: atheistisch-geschärft fährt es durch unsere Sentimentalitäten, ja, durch Christus selbst. Nur lässt sich Žižek dabei nicht bestimmen – er zeigt sich stets anders, schon wieder verwandelt, und hat recht eigentlich "sein Sach' auf nichts gestellt" (Goethe); so muss er sich nicht festlegen und behält doch sein Recht als Prophet. Dadurch aber verfinstert sich bloß die Diskussion, um die es hier geht.

Denn genauer besehen stellt Žižek, wenn er von der Gewalt der Nächstenliebe schreibt, die Grundfrage nach dem Wesen des christlichen Glaubens, wie sie sich im Verhältnis von Gottes‑ und Nächstenliebe entscheidet. Ja, ist nicht gerade die Liebe zum Nächsten – dieses womöglich alltägliche, oft unscheinbare, gleichwohl prüfbare Sich-Zuwenden zum anderen – das eine, dabei völlig hinreichende Kriterium dessen, dass wir Gott lieben? Maßgeblich ist "die Liebe zu den Brüdern" als Zeichen unserer Gottesliebe (1 Joh 3,14); mehr noch, sie ist ihr eigener Vollzug, denn "jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und kennt Gott. Der Nichtliebende kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe" (1Joh 4,7f). Hans Urs von Balthasar formuliert es so:

"Im Strömen der Liebe vom Ich zum Du erkennt das Ich, dass es nicht selbst der Quell der Liebe ist, dass sie von weiterher kommt, aus einer ewigen Quelle, und – weil er als Liebender erst ganz in seinen Akt getreten ist – dass er selbst, so verflüssigt, nicht aus sich selber beginnt, sondern gleichfalls von weiterher stammt: 'aus Gott geboren' ist" (Klarstellungen, Einsiedeln 22008, 46).

Im Akt also erkennt der Liebende Gott. Die "berüchtigten Gottesbeweise" (Žižek) verblassen. Stattdessen verweist das "Ich glaube", wie Žižek – ganz mit der Tradition – festhält, auf die Bereitschaft des Gläubigen, "das in einem solchen Glauben implizierte existenzielle Engagement vollständig auf sich zu nehmen." Solcher Glaube ist Hingabe, weil er am Vorrecht der Liebe teilhat; nicht besitzergreifend, sondern sich übersteigend in Zuwendung, die vom Eigenen lässt und zum Anderen überfließt. So strömt der Glaubende mit Gott, dass sich die "transzendentale" Liebe in der "kategorialen" verwirklicht und vollendet.

 Die Liebe genügt

Das ist, im strengen Sinne, die "Sache" des Glaubens, man wird schon zustimmen müssen. Auch noch den nächsten Schritt wird man bejahen können, wenn der ursprünglich christliche Gedanke bei Žižek ins Überchristlich-Allgemeinmenschliche hinübergleitet. Er wird in den "Spuren liebender Solidarität" erkannt, "die noch überall um uns herum vorhanden sind". Nur bleibt die Entscheidungsfrage, ob Christus der unverrückbare Urgrund dieses Gedankens oder lediglich sein zufälliger Entdecker und Anreger ist.

Bei Žižek fungiert Christus als "verschwindender Mittler". Žižek greift hier auf einen Ausdruck des marxistischen Philosophen Fredric Jameson zurück. Christus sei weder "weder Subjekt noch Objekt der Liebe", sondern "die Liebe selbst". Nur durch Christus als "verschwindenden Mittler" könne der Nächste "unmittelbar, ohne Vermittlung" geliebt werden. Dann aber droht – sobald die Liebesgemeinschaft steht – Christus gerade als Mittler zu verschwinden und als „Urgrund“ hinter dem Ereignis der Liebe zurückzutreten. Übrig bliebe ein Christus, der die Liebe "entdeckt" und ausgelöst hat, während die Wahrheit der Liebe fortan selbst "rückwirkend" alles bestimmt – und den Mittler auslöscht.

Žižek schreibt es selbst:

"Innerhalb dieses neuen ideologischen Raums gerät der Vermittler aus dem Blick."

Genau an dieser Schwelle entscheidet sich, ob im Vollzug der Liebe Gott erkannt wird, weil der Liebende "aus Gott geboren" ist – oder ob die Liebe als solche ausreicht und Christus nur noch ihr erster, wenn auch eminenter Anreger bleibt: "Bei Jesus muss man nicht glauben, es reicht, zu lieben", zitiert Žižek den italienischen Bischof und Theologen Raffaele Nogaro.

Liebe ohne Gott

Welche Verwechslung der Liebe ist dieser zweite Weg, den Žižek einschlägt! Welche Liebe nämlich ist es, zu der der Mensch fähig ist, auf deren Grund sich die "neue Ordnung" etabliert, sodass "der Vermittler aus dem Blick" gerät? Sicherlich nicht die Liebe Gottes – die Liebe, die Gott ist –, wohl eher ein übergreifender Allgemeinbegriff, ein Übersummarium des Humanen. Doch wie sollte der Mensch diesen auf Gott hin übertragen? Hieße nicht das, Gott Gewalt antun?

Gewalt, zu der Žižek gern greift. Er bedient sich dabei einer eigentümlich ironischen Strategie, wenn er das christliche Paradox als nackten Widerspruch beim Wort nimmt: Das menschliche Dasein ist von Anfang an durch einen dunklen und schrecklichen, traumatischen Bruch geprägt, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. Und ungläubig wäre es, die Gegensätze der Welt, die Unvollkommenheit des Menschen in einen größeren, nur vorläufig verborgenen Sinnzusammenhang, unterwegs zur Fülle, einzufügen. Nein, die Synthese des Alls ist nicht vollzogen.

Christus wiederum – hier führt Žižek sein Schwert – lasse im Schrei der Gottverlassenheit erkennen, dass es keinen letzten Halt gibt; niemand kommt "über den Horizont", um uns zu retten, weil Gott tot ist. Stattdessen gelte es, den menschlichen Abgrund in seiner eigenen Mitte zu attackieren, bar jeder metaphysischen Rückversicherung, das heißt ohne die Annahme eines verborgenen großen Plans, ohne unsichtbare Vorsehung, ohne höhere Harmonie, die am Ende schon alles gut macht;1 ohne "den großen Anderen", der garantiert, dass die Rechnung aufgeht.

Der verschwindende Mittler

Und doch bleibt das Christusereignis für Žižek nicht nur im Abgrund stehen, sondern hebt aus der Leerstelle des Todes Gottes heraus eine neue symbolische Ordnung aus der Taufe; ein Ereignis als engagierter Eingriff, das rückwärts wirkend, "Vergangenheit und Gegenwart neu bestimmt". Konkret: Der Schrei des Gottverlassenen und der Bruch am Kreuz entlarven "den großen Anderen" als leer, sodass eben dadurch Raum für den "Geist" frei wird – "Geist", den Žižek als kollektiv-militantes Subjekt, als revolutionär-organisierendes Prinzip des Kollektivs versteht.

Christus als "verschwindender Mittler" zündet die Formation einer egalitären Gemeinschaft an, in der Liebe "kalt, nicht sentimental" als Praxis der Sache gelebt wird; und der Friede des Herrn – "ein schlichter Gruß unter Genossen" – erscheint als soziale Weise des Mit‑Anderen‑Seins im Hier und Jetzt, "keine innere Haltung und kein fernes Ziel". Sobald diese neue Ordnung steht, „gerät der Vermittler aus dem Blick“.

Žižek greift einen Gedanken des französischen Philosophen Jean-Pierre Dupuy auf, wenn er schreibt, das Christusereignis wirke "retroaktiv": Wie die Scheidung eine "Ehe" als nie wirklich existent ausweist, "entscheidet" das Christusereignis nachträglich, was unsere Geschichte gewesen ist; deshalb kann Žižek Raffaele Nogaros Zuspitzung noch einmal zuspitzen: "Bei Jesus muss man nicht glauben, es reicht, zu lieben" – die Wahrheit zeigt sich nicht als objektive Faktizität, sondern als Praxis, die ihre Gründe im Vollzug erzeugt und erst hinterher ausstellt. In diesem Horizont ist "Christus" für Žižek der Name eines Setzungsakts, der den Abgrund nicht auffüllt, sondern produktiv macht: als Katalysator einer Liebe, die Bindungen und Herkunft löst, den Nächsten "unmittelbar" liebt – und den Mittler, sobald das Kollektiv trägt, verschwinden lässt.

Gott handelt zuerst

Einspruch ist also nötig. Denn Slavoj Žižek verfehlt – bewusst freilich – das Christliche am Paradox, indem er die Offenheit unserer Gegensätze auf Gott hin in eine immanente Logik der Negativität übersetzt, in welcher der Widerspruch Gott selbst eingeprägt wird. Christlich, vor Gottes Angesicht, nicht in einem imaginären Ohne-Gott, aber besteht das Paradox nicht primär im Befund der weltlichen Antinomien. Vielmehr erweisen sich diese als im Gegenüber von Schöpfer und Geschöpf selbst angelegt. Darum zielt die Grundfrage im Herz des Paradoxen nicht auf die Kunst der Ausdauer ohne "den großen Anderen", nicht auf eine postfaktische Synthetisierung, sondern fragt:

"Welche Verwandtschaft gäbe es zwischen dem Geist Gottes und den Kreaturen? Zwischen dem, der schafft und denen die geschaffen sind?" (Athanasius, Ep. Serap. I, 24).2

An dieser Grenze der Nicht-Synthetisierbarkeit bleibt nicht allein ein sich Abfinden mit dem Absurden. Stattdessen ist es, unverhofft, die Dynamik des Mysteriums selbst, die den Menschen in das Innerste des Mysteriums hinein verwandelt, die Gegensätze aufsprengt.

Die Antwort des Glaubens ist kein dialektischer Lernschritt, der nun ein (neuplatonisches) System zur Anwendung brächte – "wir haben zu Gott keinerlei natürliche Verbindung" (Clemens, Strom. II, 16, 74, 1) –, sondern uns übersteigendes Ereignis: Gott handelt zuerst und stiftet in der Menschwerdung die Vereinigung, die wir uns nicht geben können. "Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde" – darin besteht das Paradox des Glaubens: nicht in einer ewigen Negativität, die wir produktiv wenden, sondern in der uns allein greifbaren Rückseite einer unverfügbaren Fülle, die uns vorauskommt und trägt.

Von hier aus klärt sich die Ethik dahin, dass nicht ein übergreifender Allgemeinbegriff "Liebe" als analogatum princeps erscheint, sondern allein die singuläre, unvermutbare, von Gott her gesetzte Liebe Maß und Ermöglichung jeder Liebe ist:

"Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt hätten, sondern dass er uns geliebt hat" (1 Joh 4,10).

Das heißt, Nächstenliebe ist Antwortgeschehen – sie bleibt innerlich vom Ursprung geformt. Lässt man aber jede Bemühung um Gott fallen und wendet sich kurzerhand dem einzig-praktischen, irdisch-weltveränderndem Handeln zu, dann hat man auch die geistliche Synthese hinter sich gelassen – und die Theologie geht in der Ethik auf. Dann wird der Mittler zum bloßen Anreger, während ein allgemeiner Begriff von "Liebe" fortan "rückwirkend" alles bestimmt.

Geschenkte Liebe, wahre Hoffnung

Der Mensch wird diese Liebe nun selbst leisten – unempfangen, immerhin aber aufgedeckt. L'homme est condamné à être libre – Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt (Jean-Paul Sartre). Wenn aber die Freiheit ausschließlich die unsere ist, dann hängt auch das Heil der anderen nicht mehr am göttlichen Erbarmen, sondern am Erfolg der menschlichen Bemühungen. Žižeks Zuversicht würde hinzufügen: Täten nur alle das ihnen Erreichbare, so ließe sich die Welt schon auf ein erträgliches Maß bringen. Freilich eine Sisyphus-Arbeit (und sind sie, die Toten, vergessen?)

Wie anders steht es da mit dem Christentum!

"Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen." (1Kor 15,19).

Mehr als dieses Leben hoffen wir. Christliche Hoffnung ruht nicht auf der Maximierung des halbwegs Möglichen, sondern auf Gottes Tat, die das Unmögliche gewirkt hat: Auferstehung und neue Schöpfung (vgl. 1 Petr 1,3f; 2 Kor 4,18).

Wie viel mehr gilt für die Liebe, dass sie der vorgängigen Tat Gottes entspringt, an der sie Maß und Möglichkeit empfängt.3 Zwischenmenschliche Liebe erhält ihr Richtmaß ganz von der einmaligen Liebe Gottes zu uns her, die nicht nur das Motiv, sondern ihr ermöglichender Wesensgrund ist.

"Darin haben wir die Liebe erkannt, dass jener sein Leben für uns dahingegeben hat; so müssen auch wir unser Leben für die Brüder dahingeben" (1 Jo 3,16).

Die allgemeinmenschliche Konsequenz, die Liebe zum Nächsten, ist so an keiner Stelle von ihrer einmaligen Begründung in Gott abzulösen. Diese Anerkennung des Zuerst der Liebe Gottes – er erwählt, er befreit, er begnadet – vor der unsern heißt Glaube.

So ergibt sich auch, dass die Liebe "geboten" wird – nicht aus der "harten Arbeit", "voller Hingabe" für die "egalitäre Gemeinschaft von Genossen", wie Žižek meint, sondern aus der geschenkten Erfahrung der Liebe von innen her, die ihrem Wesen nach sich weiter mitteilen wird.

"Liebe wächst durch Liebe. Sie ist 'göttlich', weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint, uns in diesem Einungsprozess zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet und uns eins werden lässt, so dass am Ende 'Gott alles in allem' ist" (Benedikt XVI., Enzyklika "Deus caritas est", 18).

Diese Liebe ist nicht quantitativ begrenzt. In Christus liebt sie ihren Nächsten – ohne Konkurrenz. Die Liebe zu Christus als erstes Gebot aber wird sie davor schützen, die Liebe zur Strategie einer "Sache" zu machen; sie wird sie davor schützen, ihren Genossen zu verraten, weil nur die Liebe zählt: "Wer sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, ist ein Lügner" (1 Joh 4,20).

Lichter

Das Christentum ist kein rechter Gesprächspartner für Žižek – es wird seinem System kein System entgegenstellen, dem er einen post-kontingenten (Soft-)Faschismus vorwerfen kann (das wäre eine Analogie, die so weit geht, sich ihrer Ordnung sicher genug zu sein); im letzten ist das Licht der Hoffnung der Christen noch Nacht.

"Trotzdem unterscheidet ihre Finsternis besser als jedes Licht. Sie hält mich fern von allen Lichtern, die ihr nicht befreundet wären, von allen falschen Lichtern, und das in voller Klarheit." (Lubac, Glaubensparadoxe, Einsiedeln 42026, 97)4

Der Christ wird den trotzig-stolzen Sisyphus der nicht in die "Falle einer höheren Macht" geriet, die einen Sinn garantiert, vom Weinberg des Herrn aus fröhlich grüßen.

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