One of a kind: Ein Nachruf auf Jörg Splett

Man ist versucht zu sagen, mit dem Offenbacher Philosophen Jörg Splett starb am 29. September 2026 im Alter von 90 Jahren der letzte seiner Art. Allerdings wäre das in seinem Fall nicht weiter verwunderlich: Er war der Einzige seiner Art.

Prof. Jörg Splett (+2026)
© Universität Augsburg / Satzinger-Viel

Wenige waren so belesen, wie er. Die Bücherlast seiner Offenbacher Wohnung machte den nachträglichen Einbau eines Eisenträgers notwendig. Jörg Splett hatte zu einer Zeit, wo das eigentlich schon nicht mehr ging, in Philosophie, Theologie und schöner Literatur vielleicht nicht alles, aber so gut wie alles gelesen. Schopenhauer hielt die Philosophiegeschichte für eine Geschichte der Irrtümer, für Splett war sie eine der Einsichten. "Ganz falsch", pflegte er zu sagen, "kann es gar nicht geben. Alles, was man überhaupt versteht, versteht man, insofern etwas Wahres daran ist."

Seine Vorlesungen waren ein großes Gespräch mit unzähligen Zeugen der menschheitlichen Denkgeschichte unterschiedlichster Provenienz. Diese Verbundenheit machte Splett methodisch so variabel wie kaum einen. Er war Transzendentalphilosoph, Phänomenologe, Hermeneutiker, Dialogiker und Metaphysiker in einer Person, ohne dass ihn dies zum Eklektiker gemacht hätte. Denn all diese Herangehensweisen hingen in einer schwingenden Mitte zusammen: dem Miteinander von Personen unter dem Anspruch des Guten als primärem Gegenstand wie primärer Methode der Philosophie.

Das Ideal liebenden Miteinanders

Innerster Nukleus solchen nachdenkenden Miteinanders war für ihn die Ehe mit seiner Frau Ingrid. Die Meditation der Gemeinsamkeit betitelte Anthropologie der Ehe, die wir beiden verdanken, übertrifft an Tiefe und Weite vieles, was philosophisch (und vermutlich auch theologisch) zur Ehe versucht wurde. Splett wusste, wie es in der Welt zwischen Menschen zugeht, und doch wollte er das Ideal liebenden Miteinanders denken. Denn nur, wer das Ideal kenne, könne immerhin darauf zielen. Dass er sich selbst, das Ideal so gut kennend, als so schlechten Schützen empfand, war vielleicht sein größter Schmerz. Wie viele Philosophen gab es, die so schonungslos beidem ins Auge sehen konnten, dem Anspruch des Ideals und der Realität des eigenen Ungenügens?

Man sollte sich hüten, Splett für einen Krypto-Theologen zu halten. Sein Weg bestand darin, dort, wo die Vernunft nicht weiter weiß, "aufzuhören" – im Doppelsinn als ein Aufhorchen auf eine mögliche Antwort, die von anderswoher zu erwarten so wenig ein Verrat an der Philosophie ist, dass man mit guten Gründen in diesem Aufhören ihre Vollendung sehen könnte.

Dass er es konnte, hatte damit zu tun, dass er in der Philosophie an die Grenze stieß, nicht beantworten zu können, wie das schlechthin Gute sich zu unserer Schuld stellt. An dieser Grenze hatte er in der Begegnung mit Jesus Christus seine Antwort darin gefunden, dass das Festhalten an der radikalen Berufung zum Guten nicht mit Verzweiflung oder Selbstbetrug bezahlt werden muss, weil das Gute nicht bloß Berufung, sondern zugleich verwandelnde Vergebung ist. Und wenn manche seiner Jesuiten-Kollegen bald bewundernd, bald belächelnd zu Protokoll gaben, er sei jesuitischer als sie alle, dann darf man das auch so lesen, dass er in einem überkorporalen Sinne sich wenig so wünschte, wie zur "Gesellschaft Jesu" zu gehören.

Dass ihm die Uni-Augsburg 2014 die Ehrenpromotion der Theologie verlieh, gereicht nicht weniger ihr als ihm zur Ehre. Und doch sollte man sich hüten, Splett für einen Krypto-Theologen zu halten. Wenige Philosophen haben so transparent gemacht, wie sie mit den Grenzen der Philosophie umgehen. Sein Weg bestand darin, dort, wo die Vernunft nicht weiter weiß, "aufzuhören" – im Doppelsinn als ein die eigenen Bemühungen lassendes Aufhorchen auf eine mögliche Antwort, die von anderswoher zu erwarten so wenig ein Verrat an der Philosophie ist, dass man mit guten Gründen in diesem Aufhören ihre Vollendung sehen könnte.

Höchstens Bob Dylan tourt in ähnlicher Unermüdlichkeit …

Welcher Philosoph (oder Theologe) hatte einen solchen Sinn für Interpersonalität in all ihren Dimensionen und Faltenwürfen? Welcher Philosoph, der die Existenz in ihrer ganzen Dramatik zu denken bereit war, konnte dabei so komisch sein? Und ob jemals jemand so unermüdlich gelehrt hat? Noch mit über 80 unterrichtete er gleichzeitig an seiner Alma Mater in Frankfurt St. Georgen, der Hochschule für Philosophie in München, in Berlin und zeitweilig Aachen. Hinzu kamen an die 100 Veranstaltungen in der Erwachsenenbildung pro Jahr. (Höchstens Bob Dylan tourt mit der gleichen stoischen Unermüdlichkeit.).

Man musste ihm die Theodizeefrage nicht erst nahebringen, sein ganzes Leben war diese Frage und der Versuch einer Antwort.

Jörg Splett wurde 1936 in Magdeburg geboren. Mit achteinhalb Jahren ging es auf die Flucht. Als ältester von damals fünf Kindern kämpfte er um das Überleben seines elfmonatigen Bruders Jan, indem er in den Taschen von gestorbenen Soldaten nach Brot suchte. Es half nichts, der Kleine starb. Der Pfarrer eines naheliegenden Friedhofs verweigerte seine Beerdigung, da das Kind noch nicht getauft sei. Gemeinsam mit seiner Mutter grub der 9-jährige Jörg im gefrorenen Wegesrand ein Loch als Grab für seinen kleinen Bruder. – Damit war die Kindheit vorbei, und seitdem war für Jörg Splett die Sinnfrage unausweichlich und lebensnotwendig.

Man musste ihm die Theodizeefrage nicht erst nahebringen, sein ganzes Leben war diese Frage und der Versuch einer Antwort. Die Antwort, die er vertrat, war keine Verteidigung Gottes, sondern eine Verteidigung des Vertrauens darauf, dass Gott rechtfertigen kann, was er zulässt – und dies so, dass diese Rechtfertigung der Vollkommenheit seiner Liebe entspricht. Jeden menschlichen Versuch, an Gottes statt eine umfassende Erklärung für das Leid und das Böse in der Welt vorzulegen, hat er als ungenügend und im letzten zynisch verworfen. Die Frage sei mit menschlichen Mitteln so unlösbar, dass er weniger als eine göttliche Antwort nicht zu akzeptieren bereit sei.

Was von Jörg Splett bleiben wird

Was wird von seinem Denken bleiben? Als sein Schüler möchte man meinen: hoffentlich alles. So viele seiner Sichtachsen wurden so vielen Menschen nicht bloß zur Denk-, sondern zur Lebenshilfe. Es ist hier nicht der Raum, Spletts Denken zu entfalten. In nuce lässt es sich vielleicht auf die folgenden Prinzipien verdichten:

Das Gewissen ist der innerste Ort allen Wissens und Denkens. Was vor ihm nicht besteht, hat keinen Bestand.

Ursprünglicher als die Theorie ist die Praxis, aber sie bedarf immer schon der Theorie. Dabei ist Theorie selbst wiederum eine Praxis, und steht als solche unter dem Anruf des Guten.

Das Gute aber ist die Güte. Und diese Güte ist uns immer schon zuvorgekommen, indem sie uns nicht bloß Sein und Leben gönnt, sondern selbst zu gönnen wie sie. Wenn dies aber das Wesensgesetz der Wirklichkeit ist, dann ist unser Wesen nicht, wie auch noch das klassische christliche Denken meinte, zuallererst Streben nach einem erfüllenden Gut, sondern Antwort auf eine uns immer schon zuvorgekommene Güte. Diese Antwort findet ihre letzte Gestalt im Sterben.

Splett hat nicht bloß der Medizin, sondern auch dem breiten Traditionsstrom des Christentums vorgehalten, im Tod den Feind zu sehen. Es war ihm eine seiner wichtigsten Denkberufungen, in ihm den Bruder freizulegen – dankbar, dass er sich dabei immerhin auf den heiligen Franziskus berufen konnte.

Die Frage nach dem Tod

2019 wurde eine demenzielle Erkrankung manifest, die ihn bald verstummen ließ. Er hat sichtbar darunter gelitten. Und doch hatte er sich und uns in seinem Denken auf solche Enteignung vorbereitet. Immer wieder hatte er vertreten, dass unsere Vollendung über die Möglichkeiten unserer eigenen Hingabe hinausgeht: "Denn solange wir uns geben, haben wir noch die Hand unterm Tablett. Wir müssen uns genommen werden." – Aber trotz allem Schrecken: "Wäre Sterben nicht im Letzten eine Seligkeit, wie kämen dann die Franzosen darauf vom kleinen Tod zu sprechen?" Letztlich sei die Frage nach dem Tod keine, die sich bloß theoretisch beantworten ließe. Gerade hier komme es im Denken nach Sichtung aller Gründe und Gegengründe auf die freie Stellungnahme an. Für ihn bestand sie im Vertrauen, dass das Schwinden all dessen, was es gibt, gar nichts anderes sein kann, als die Begegnung mit dem, der alles gibt.

Es ist gut, ihn dort zu wissen, wo seine große Lebensfrage endlich die Antwort erhalten wird, die er von niemand anderem als der Liebe selbst akzeptieren wollte. 

Aber wissen wir das? Was das Wissen anging, war Splett nicht bereit, die Bornierung dieses Begriffes auf die exakten Wissenschaften mitzumachen. Beweisbarkeit könne jedenfalls kein Kriterium für Wissen sein. Ein Unschuldiger, der das Pech habe, seine Unschuld nicht beweisen zu können, wisse darum nicht weniger um sie. Wo immer wir mit Personen zu tun bekommen, werde die handelsübliche gnoseologische Hierarchie, nach der Kontrolle besser als Vertrauen und Wissen größer als Glaube sei, korrigiert. "Das Wohlwollen eines anderen, weiß ich nur, indem ich ihm glaube." Und was sollte sich mehr zu wissen lohnen als Wohlwollen? – "Deshalb hört auch im Himmel der Glaube nicht auf. Denn dort ist es so schön, das ist kaum zu glauben."

Es ist gut, ihn dort zu wissen, wo seine große Lebensfrage endlich die Antwort erhalten wird, die er von niemand anderem als der Liebe selbst akzeptieren wollte. Der Denker ist nicht mehr unter uns, sein Denken aber wirkt weiter und wird auch künftig unzähligen Schülerinnen und Schüler helfen, sich in Leben wie Denken darin festzumachen, dass Gott die Liebe ist.

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