Die Gottesfrage ist nicht erledigtKardinal Kasper über Herausforderungen der Theologie

In Wien sprach Kardinal Walter Kasper mit COMMUNIO-Schriftleiter Jan-Heiner Tück über religiöse Indifferenz, Wahrheit, Synodalität, das Konzil und die Aufgaben der Theologie.

Jan-Heiner Tück und Walter Kasper
© Mirjam Schilling

Kardinal Walter Kasper hat der Diagnose widersprochen, durch die wachsende religiöse Indifferenz habe sich die Gottesfrage erledigt. Auch wenn viele Menschen in Europa nicht mehr ausdrücklich nach Gott fragten, bleibe die Sehnsucht nach einer anderen Welt lebendig: nach Gerechtigkeit, Frieden und Menschlichkeit. "So schnell ist die Kirche nicht am Ende. Der Glaube ist nicht am Ende", sagte Kasper bei einem Gespräch an der Universität Wien. Er verwies dabei auf seine Erfahrungen in Rom und auf ein neues Interesse vieler junger Menschen an religiösen Fragen.

Anlass des Gesprächs war Kaspers Wien-Aufenthalt zur Präsentation seines neuen Buches "Jesus Christus auf der Spur", das im Dialog mit dem Wiener Dogmatiker und COMMUNIO-Schriftleiter Jan-Heiner Tück entstanden ist. Nach der Buchvorstellung in der Buchhandlung Herder am Vorabend diskutierten Kasper und Tück an der Universität Wien unter dem Titel "Erneuerung aus dem Ursprung. Herausforderungen postkonziliarer Theologie" über die Aufgaben der Theologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Gerechtigkeit und Wahrheit

Wer Gerechtigkeit universal denke, dürfe nicht nur die Lebenden im Blick haben, sondern auch die Toten, Ermordeten und Entrechteten, so Kasper. Ohne den "Gedanken Gottes" sei eine solche universale "Gerechtigkeit für alle" nicht denkbar. Erlösung dürfe nicht auf individuelle Sündenvergebung verengt werden; sie umfasse die Solidarität mit den Opfern der Geschichte und den Einsatz für eine friedlichere Welt. "Jesus Christus ist gekommen, um Frieden zu schaffen", sagte Kasper.

Der Friedensgedanke führte Kasper auch zu der Frage, wie Wahrheit in einer religiös pluralen Welt bezeugt werden kann, ohne sie anderen "um die Ohren zu schlagen". Frieden entstehe nicht durch Preisgabe des christlichen Bekenntnisses, aber auch nicht durch Überlegenheitsgesten. Wahrheit müsse bezeugt, angeboten und gelebt werden, so der emeritierte Kurienkardinal und Mitherausgeber von COMMUNIO.

Am Bekenntnis zu Jesus Christus als maßgeblicher Offenbarung Gottes hielt Kasper fest; zugleich warnte er vor jeder Form christlicher Selbstüberhebung.

"Wir erkennen ihn ja eigentlich auch nur in Fragmenten", sagte Kasper mit Blick auf Christus. Mit Paulus könne man sagen: "Flickwerk ist unser Erkennen." Am Bekenntnis zu Jesus Christus als maßgeblicher Offenbarung Gottes hielt Kasper fest; zugleich warnte er vor jeder Form christlicher Selbstüberhebung. Christen verfügten nicht einfach über die Wahrheit.

Gerade deshalb könnten Christen von anderen Religionen und Kulturen lernen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe hier eine Wende eingeleitet: Die anderen hätten nicht "gar nichts", sondern "Teile der Wahrheit des Ganzen". Christen müssten bereit sein, "auch von denen, die anders denken", Richtiges zu übernehmen. Diese Offenheit bedeute jedoch keinen pluralistischen Relativismus. Die eine Wahrheit bleibe Gott selbst; sie übersteige aber das menschliche Begreifen. "Wir haben das noch nicht zu Ende gedacht und werden es auch bis zum letzten Tag der Welt nicht zu Ende gedacht haben."

Universale Heilshoffnung

Mit Nachdruck sprach Kasper von der universalen Heilshoffnung. Hoffnung sei kein Wissen, sondern ein "Weg ins Offene". Gerade deshalb dürfe die Kirche nicht über das endgültige Heil oder Unheil konkreter Menschen verfügen. Sie habe viele Menschen heiliggesprochen, aber nie von einem einzelnen Menschen erklärt, er sei definitiv verloren.

Auch bei schwersten Verbrechern liege das letzte Urteil bei Gott. "Gott hat Wege zu Menschen, von denen wir nicht wissen", sagte Kasper. Diese Zurückhaltung verband der Kardinal mit der kirchlichen Ablehnung der Todesstrafe: Dem Menschen müsse bis zuletzt die Möglichkeit zur Umkehr offenbleiben.

Synodalität

Die von Papst Franziskus angestoßene Synodalität würdigte Kasper als wichtigen Lernweg der Kirche. Anfangs sei er skeptisch gewesen. Inzwischen habe er aber erfahren, dass gemeinsames Hören, offene Rede und geistliche Unterscheidung weiterführen können. Alle Getauften hätten Anteil am Glaubenssinn der Kirche und sollten gehört werden.

Für den Synodalen Weg in Deutschland mahnte Kasper einen "vernünftigen Ausgleich" mit Rom an.

Zugleich warnte Kasper davor, Synodalität parlamentarisch zu verstehen. Es gehe nicht einfach um Mehrheiten, sondern um Beratung, Unterscheidung und kirchliche Entscheidung. Der Bischof müsse hören, aber auch die anderen müssten die Stimme des Bischofs hören. Für den Synodalen Weg in Deutschland mahnte Kasper einen "vernünftigen Ausgleich" mit Rom an. Die katholische Kirche in Deutschland dürfe nicht meinen, der Weltkirche den Weg vorschreiben zu können.

Relevante Theologie

Kasper verband seine konzilstheologischen Überlegungen mit Kritik an einer zu stark spezialisierten akademischen Theologie. Einzelstudien seien notwendig, müssten aber "in ein Gesamtes" gestellt werden. Eine Theologie, die nur noch für andere Fachleute schreibe, verliere ihre öffentliche und kirchliche Bedeutung.

Theologie müsse zeigen, was der christliche Glaube mit den Grundfragen des Menschen zu tun habe.

"Ich kann nicht über Gott reden, wenn ich nicht sage, was es für mich bedeutet", sagte Kasper. Zu Theologie gehöre "nicht nur der Verstand, sondern irgendwie auch das Herz". Sie müsse zeigen, was der christliche Glaube mit den Grundfragen des Menschen zu tun habe.

Kasper verteidigte die Präsenz der Theologie an staatlichen Universitäten. Dort werde sie wissenschaftlich herausgefordert und könne zugleich zum öffentlichen Nachdenken über Grundwerte beitragen. Theologie sei nicht "ein Plaisir für sich selber", sondern "ein Dienst an der Gesellschaft".

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