Kann der schismatische Akt geheilt werden?Ein Gespräch mit Kardinal Kurt Koch über die Bischofsweihen der Piusbrüder

Mit den unerlaubten Bischofsweihen der Piusbruderschaft hat der Konflikt um das Zweite Vatikanische Konzil eine neue Zuspitzung erfahren. Im Zentrum steht das Verständnis von Tradition, der Autorität des Papstes und der Einheit der Kirche. Im Podcast-Gespräch mit Jan-Heiner Tück ordnet Kardinal Kurt Koch die theologischen und kirchenpolitischen Folgen des Vorgangs ein.

Kardinal Kurt Koch
© Kathpress/Henning Klingen

Jan-Heiner Tück: Herr Kardinal Koch, wie stufen Sie die unerlaubten Bischofsweihen, die gestern in Écône im Wallis vorgenommen wurden, als Theologe und Bischof ein, der aus der Schweiz stammt und selbst lange in der Schweiz gewirkt hat?

Kardinal Kurt Koch: Die Priesterbruderschaft St. Pius X. hat dieses Ereignis als einen historischen Akt qualifiziert. Das würde ich auch so sehen, allerdings in einem ganz anderen Sinn. Denn wenn wir in die Geschichte der Kirche schauen, hat es nach verschiedenen Konzilien immer wieder Spaltungen gegeben: schon in den frühen Konzilien nach Ephesus 431, nach Chalkedon 451, dann im 19. Jahrhundert nach dem Ersten Vatikanischen Konzil und jetzt wieder nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Es geht immer um dasselbe: Man wirft der Kirche vor, sie habe die Tradition verraten und etwas Neues eingeführt, das es in der Tradition gar nie gegeben habe. Und das scheint das Grundproblem zu sein, wie man der Tradition treu und zugleich offen sein kann für neue Herausforderungen. Wenn wir in die Geschichte schauen, sehen wir allerdings, dass diese Probleme im Laufe der Geschichte gelöst werden konnten. Wenn das schismatische Ereignis so nah ist wie jetzt, kann man offenbar auf keine Lösung hoffen. Aber ich hoffe, dass es in Zukunft andere Wege geben wird.

Tück: Bevor wir auf das Problem des Traditionsbegriffs näher eingehen, vielleicht noch kurz ein Blick auf die unmittelbare Vorgeschichte. Papst Leo hat ja am 30. Juni, unmittelbar vor dem Datum der angekündigten Weihen, noch ein Mahnschreiben an den Generaloberen der Piusbruderschaft, Davide Pagliarani, gerichtet. Darin hat er zum einen "die Liebe zur Liturgie, den Einsatz in der Priesterausbildung, den apostolischen Eifer und das Streben nach Treue zur Tradition" ausdrücklich gewürdigt. Zum anderen hat er an die Verantwortlichen der Piusbruderschaft appelliert: "Kehrt um!" Das Zerreißen des nahtlosen Gewandes Christi sei eine schwere Sünde. Wie beurteilen Sie dieses persönliche Schreiben von Papst Leo, und heißen Sie es gut, dass er sich selbst erst so spät in die Geschichte eingeschaltet hat?

Koch: Ich vermute, dass er das unbedingt am Fest von St. Peter und Paul, also der Säulen der römischen Kirche, sagen wollte. Aber es war wahrscheinlich zu spät, weil die Vorbereitungen für die Bischofsweihen schon alle getroffen waren, die Leute waren schon angereist. Aber dass der Papst das noch einmal gesagt hat, das finde ich gut, auch dass er auf das Positive der Bruderschaft aufmerksam macht, das für ihn wichtig ist. Und dass er gleichsam auf der Grundlage dieser Anerkennung des Positiven den Schritt der Weihen ohne Mandat erst recht in Frage gestellt und davor gewarnt hat, das finde ich positiv.

Das sind Fragmente der Tradition, aber nicht die ganze Tradition – im Unterschied zum Zweiten Vatikanischen Konzil, das ja auf die ganze Tradition zurückblickt und immer wieder auch in die Väterzeit zurückblickt, die Heilige Schrift, die Väter, die Geschichte zitiert.

Tück: Interessant ist bei den Zeremonien in Écône gestern gewesen, dass das fehlende päpstliche Mandat kompensiert werden musste durch eine Begründung, warum diese Weihen bei aller "kindlichen Ergebung gegenüber dem Papst" jetzt doch gegen dessen Willen vorgenommen werden. Auch der Generalobere Pagliarani hat in seiner Predigt ausführlich begründet, warum die Piusbruderschaft diesen Akt gesetzt hat. Wie beurteilen Sie diese Selbstrechtfertigung?

"Es geht in Richtung einer Selbstermächtigung"

Koch: Es geht in die Richtung einer Selbstermächtigung für die Weihen, weil sie die Erlaubnis nicht erhalten haben. Und da erinnere ich mich an den Begriff der Selbstermächtigung in ganz anderen Zusammenhängen, nämlich eher auf progressiver Seite von Gruppierungen, die sagen: Wir müssen selber alles in die Hand nehmen und uns selber ermächtigen, das zu tun, was die Kirchenleitung eben nicht will und verbietet. Und da zeigt sich einmal mehr, wie Traditionalisten und Progressisten manchmal im selben Spital krank sein können, wenn auch in extrem anderen Abteilungen.

Tück: Die Extreme berühren sich. Würden Sie sagen, dass die Traditionalisten hier insofern typisch modern sind, als sie sich von der päpstlichen Autorität emanzipieren, die sie ja eigentlich stärken und schützen wollen?

Koch: Ich bin inhaltlich mit dieser Einschätzung einverstanden, hoffe aber nicht, dass der Begriff des Modernen nur negativ gesehen wird. Das Moderne hat auch positive Konnotationen. Aber es geht natürlich schon in diese Richtung. Ich würde eher von Selbstwidersprüchen reden: dass man auf der einen Seite die Autorität des Papstes mit wunderschönen Worten beschwört, aber dann im Entscheidenden eigene Wege geht. Das macht auf mich den Eindruck einer abstrakten Anerkennung des petrinischen Primats und nicht der konkreten Anerkennung des jetzt bestehenden Papstes und aller Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Da sehe ich einfach einen Bruch.

Tück: Das leitende Narrativ ist, dass man dem Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, dem Papst, "in kindlicher Ergebenheit" folgen wolle. Zugleich sagt man aber, dass der Papst von Beratern umgeben sei, die modernistischen Irrtümern aufsitzen würden. Sind die Berater von Papst Leo XIV. das Problem?

Koch: Ich denke, wenn das so wäre, wenn der Papst von solchen Modernisten umgeben wäre und man die Liebe zum Papst zum Ausdruck bringen wollte, dann müsste man die umgekehrte Konsequenz ziehen, nämlich ein gutes Beispiel dafür geben, wie man in Treue zur Tradition der Kirche zum petrinischen Primat steht, und hätte wirklich auf den Papst als den amtlichen Hüter der Tradition hören müssen. Das scheint mir ein fundamentaler Widerspruch zu sein, den ich nicht auflösen kann.

Tück: Kommen wir vielleicht jetzt noch einmal auf die Frage nach dem Traditionsbegriff zurück. Papst Johannes Paul II. hat 1988, nachdem Erzbischof Marcel Lefebvre ohne Erlaubnis des Papstes die Weihen vorgenommen hatte, unmittelbar reagiert und in seinem Schreiben Ecclesia Dei von einem unvollständigen und zugleich widersprüchlichen Traditionsbegriff bei Lefebvre gesprochen. Unvollständig und widersprüchlich: Was hat der Papst damit gemeint, und trifft das heute noch genauso zu?

Koch: Unvollständig wahrscheinlich auch deshalb, weil sie nicht die ganze Tradition der 2000 Jahre im Blick haben und dann auch mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die gute Tradition eigentlich schon für abgebrochen erklären. Insofern sind das Fragmente der Tradition, aber nicht die ganze Tradition – im Unterschied zum Zweiten Vatikanischen Konzil, das ja auf die ganze Tradition zurückblickt und immer wieder auch in die Väterzeit zurückblickt, die Heilige Schrift, die Väter, die Geschichte zitiert. Insofern hat das Zweite Vatikanische Konzil einen umfassenden Traditionsbegriff. Bei den Lefebvrianern halte ich den für sehr fragmentiert. Papst Benedikt XVI. selbst hat davon gesprochen, dass sie die Tradition mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einfrieren. Dass der Traditionsbegriff der Traditionalisten auch in sich widersprüchlich ist, zeigt sich daran, dass in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils neben der Heiligen Schrift Papst Pius XII. die am meisten zitierte Referenz ist. Von einem Vergessen seiner Lehre kann da nicht die Rede sein. Und das wird eigentlich auch nicht angenommen, sondern es wird angenommen, dass mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein Bruch entstanden ist, der mit der Tradition nicht mehr vermittelt werden kann. Das widerspricht aber voll und ganz den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst.

Religionsfreiheit als Grundbedingung für den missionarischen Auftrag der Kirche

Tück: Papst Benedikt hat ja in seiner Weihnachtsansprache von 2005 versucht, diesen Hermeneutiken des Bruchs sowohl auf traditionalistischer wie auch auf progressiver Seite eine "Hermeneutik der Reform" entgegenzustellen. Würden Sie dieses Instrument, eine Hermeneutik der Reform, die Treue zur Überlieferung mit zeitgerechter Fortschreibung verbindet und über die Sie 2012 selber ein Buch geschrieben haben, auch heute für die Konzilsinterpretation für den geeigneten Schlüssel halten?

Koch: Im Jahr 2005 hatte es für sinnvoll gehalten, dass Papst Benedikt XVI. die erste Weihnachtsansprache an die Römische Kurie diesem Thema, dem Zweiten Vatikanischen Konzil, gewidmet hat und gegenüber der Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruchs, aber auch gegenüber der Hermeneutik einer reinen Kontinuität, wie die Piusbruderschaft sie vertritt, gesagt hat: Beide sind eigentlich absurd. Es geht um eine Hermeneutik der Reform, die besagt, dass das Zweite Vatikanische Konzil in einer grundlegenden Kontinuität zur Tradition steht, aber neue Herausforderungen der Zeit wahrgenommen hat. Das ist eine Kombination von Treue zur Tradition und Offenheit für die Gegenwart und für die Zukunft. Und das ist, glaube ich, eine wirklich sinnvolle Hermeneutik. Papst Benedikt hat das damals gerade am Thema der Religionsfreiheit konkretisiert und gezeigt, dass die Erklärung Dignitatis Humanae kein Bruch mit der Tradition ist, sondern eigentlich auf die gesamte Tradition der früheren Christenheit zurückweist. Ich verstehe eigentlich nicht, warum die Piusbruderschaft für diesen Weg, den Papst Benedikt gewiesen hat, nicht offen sein kann.

Tück: Die Kirchenväter betonen in der Tat, dass der Glaube ein Akt der Freiheit ist. Aber die Theologen der Piusbruderschaft zitieren Lehraussagen der Päpste Gregor XVI. und Pius IX., die – wie der Syllabus errorum – den Liberalismus scharf verurteilen, und sagen: Die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit, die Dignitatis Humanae auf dem Zweiten Vaticanum vollzogen hat, steht in eklatantem Widerspruch zu der Lehrtradition der Kirche. Papst Benedikt hingegen hat gesagt: Das, was im 19. Jahrhundert verurteilt wurde, ist nicht deckungsgleich mit dem, was das Konzil anerkannt hat. Können Sie das noch einmal erläutern?

Koch: Das, was im 19. Jahrhundert gesagt worden ist, dass die Wahrheit absolut gilt und nicht relativiert werden kann, das gilt ja auch für die heutige Zeit. Aber das war nicht das Thema der Erklärung Dignitatis Humanae. Hier ging es vielmehr darum, wie sich die Kirche zu der modernen Trennung von Kirche und Staat verhält. Papst Benedikt hat von einer "gesunden Laizität" gesprochen und klar darauf hingewiesen, dass die Religionsfreiheit geradezu die Grundbedingung für den missionarischen Auftrag der Kirche ist, weil die Kirche ihre Sendung ja nur wahrnehmen kann, wenn der Staat die rechtlichen Rahmenbedingungen der Freiheit garantiert. Mir scheint, dass das mit einem weiteren Punkt der Bruderschaft St. Pius X. kollidiert, nämlich mit ihrer Überzeugung, dass eigentlich alle Staaten katholische Staaten sein müssten, die keine andere Freiheit garantieren könnten als die Freiheit der katholischen Kirche. Das ist natürlich jenseits der Realität.

Das Ungeheurliche, was da geschehen ist, war ja einer der Auslöser für Nostra Aetate, der Schock der Schoah hat den Anstoß gegeben, neu zu überlegen, wie das Verhältnis ist. Die Piusbruderschaft scheint das nicht mitmachen zu können

Tück: Gehen wir noch zu Themen über, die Ihr Dikasterium für die Förderung der Einheit der Christen direkt betreffen. Zu den Streitpunkten und Lehrdifferenzen gehört die ökumenische Öffnung des Konzils. Diese wird von den Piusbrüdern als "falscher Indifferentismus" abgelehnt, sie fordern nach wie vor, dass alle Nichtkatholiken und Nichtchristen in den Schoß der einzig wahren Kirche zurückkehren mögen, um gerettet zu werden. Warum ist diese Forderung, die an das Dogma des Unionskonzils von Florenz 1442 anschließt – extra ecclesiam nulla salus – unter modernen Bedingungen schwierig geworden?

Koch: Ich glaube, sogar unter theologischen Bedingungen ist es schwierig, weil diese Formel extra ecclesiam nulla salus selbstverständlich für den Katholiken gilt, der von der Überzeugung ausgeht, dass die katholische Kirche den Weg ins ewige Heil weist. Aber wir haben schon in der Heiligen Schrift und dann auch in der Tradition die Grundüberzeugung, dass Gott das Heil aller Menschen will (vgl. 1 Tim 2,4) und dass er dann auch andere Wege findet, wie Menschen ins Heil kommen können, die mit dem Evangelium Jesu Christi nie in Einklang gekommen sind. Wenn hier die Piusbruderschaft dann quasi alle in die Hölle schickt, die nicht in der katholischen Kirche sind, dann weiß ich nicht, wie diese Grundüberzeugung der Heiligen Schrift, dass alle Menschen von Gott gerettet werden wollen, überhaupt noch gerechtfertigt werden kann. Und die Gefahr ist natürlich schon, dass hier das theologische Urteil über dem letzten Gerichtswillen Gottes steht. Und das halte ich theologisch für sehr problematisch.

Tück: Dem entspricht, dass Marcel Lefebvre in einer Predigt einmal gesagt hat: "Protestanten können nicht in den Himmel kommen!" Er überspringt hier den eschatologischen Vorbehalt und nimmt das Urteil Gottes vorweg. Vielleicht werfen wir auch noch einen Blick auf die Erklärung Nostra Aetate, die ja in Artikel 4 ein neues Kapitel im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum aufgeschlagen hat. Für die Piusbruderschaft ist ganz klar – in ihrer Glaubenserklärung hat sie es noch einmal betont –, dass der alte Bund erloschen ist. In der Schrift "Die Zeitbomben des Konzils" von Franz Schmidtberger steht sogar, dass die Juden, auch die heutigen, so lange mitschuldig sind am Gottesmord, als sie sich nicht zu Jesus als dem Messias Israels bekennen. Was halten Sie von dieser Theologie des Judentums?

Koch: Dahinter steht, glaube ich, eine inkongruente Verhältnisbestimmung schon von Altem und Neuem Testament, als habe das Neue Testament gleichsam das Alte Testament überwunden. Demgegenüber geht die katholische Kirche von einer grundlegenden Einheit der beiden Testamente aus und ist auch der Überzeugung, dass es letztlich nur ein Heiliges Buch gibt und nicht zwei verschiedene Bücher, sondern eine Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk Israel und in der Offenbarung Jesu von Nazareth. Ich halte die Vision der Piusbruderschaft aber auch für anachronistisch angesichts der Schoah. Das Ungeheurliche, was da geschehen ist, war ja einer der Auslöser für Nostra Aetate, der Schock der Schoah hat den Anstoß gegeben, neu zu überlegen, wie das Verhältnis ist. Die Piusbruderschaft scheint das nicht mitmachen zu können. Sie weist dabei auch auf ein Grundproblem von Nostra Aetate und der folgenden Geschichte hin: die Grundfrage nämlich, wie die Aussage von der bleibenden Gültigkeit des Bundes Gottes mit Israel, die wir anerkennen, mit der Aussage des Neuen Testaments, dass mit Jesus Christus etwas Neues in die Geschichte eingetreten ist, so miteinander versöhnt werden kann, dass sie weder Juden noch Christen verletzen – diese Frage scheint mir theologisch noch nicht ganz gelöst zu sein.

Das Judentum als Mutterboden des Christentums

Tück: Würden Sie denn sagen, dass die mangelnde Bereitschaft, aus Auschwitz – dem Versuch der Nazis, die Juden historisch zu annullieren – theologisch zu lernen, bei den Piusbrüdern zu einer Art theologischer Annullierung des Judentums führt, nämlich dann, wenn sie sagen, dass "der Alte Bund endgültig außer Kraft gesetzt worden" ist?

Koch: Natürlich. Aber der Alte Bund ist ja auch schon im Alten Testament vorhanden. Von daher ist auch zu befürchten, dass bei der Piusbruderschaft markionitische Tendenzen schon eine Rolle spielen. Und das Zweite ist, dass das Judentum der Mutterboden des Christentums ist. Ich weiß nicht, wie man zum Christentum stehen kann, wenn man die eigene Mutter aus der Geschichte verabschiedet. Das geht schon in der Familiengeschichte nicht gut, das geht in der Christentumsgeschichte schon gar nicht gut.

COMMUNIO-Schriftleiter Jan-Heiner Tück im Gespräch mit Kardinal Kurt Koch
COMMUNIO-Schriftleiter Jan-Heiner Tück im Gespräch mit Kardinal Kurt Koch © privat

Tück: Jetzt haben wir gestern in der Fernsehübertragung der Weihen in Écône gesehen, dass die Piusbrüder die ästhetische Formensprache der vorkonziliaren Weiheliturgie sinnenfällig inszeniert haben. Das hat zweifelsohne Anziehungskraft. Wir können seit einiger Zeit beobachten, dass vor allem in den USA, aber auch in Frankreich bei der jüngeren Generation ein wachsendes Interesse für diese traditionalistischen Formen des Christentums da ist. Vor diesem Hintergrund eine vielleicht etwas delikate Frage: Ist das nicht auch ein Anstoß an die katholische Kirche, wie sie momentan dasteht, noch einmal über die Bücher zu gehen, vielleicht das Wahrheitsmoment, das im Traditionalismus enthalten ist, zu würdigen und zum Anlass einer selbstkritischen Besinnung zu nehmen?

Koch: Ja, ich denke, es könnte ein bisschen in die Weise der Selbstgerechtigkeit gehen, wenn man jetzt einfach die Piusbruderschaft verurteilt und sagt, sie ist auf einem Holzweg, ohne zu fragen, ob es dann nicht in der Kirche heute grundlegende Defizite gibt, die durch die Piusbruderschaft aufgewiesen und in Erinnerung gerufen werden. Ich denke erstens an die ungelöste Frage des Verhältnisses der beiden Formen des einen römischen Ritus, wie Papst Benedikt das genannt hat. Er hat ja in seinem Schreiben Summorum pontificum einen Weg gewiesen. Papst Franziskus hat ihn hier radikal gebremst. Ich denke, man muss hier neu überlegen, vor allem auch im Blick auf jene Gläubigen, die sich hingezogen fühlen zu dieser Form der Liturgie, ohne dass sie den ganzen ideologischen Überbau der Piusbruderschaft teilen. Für diese Gläubigen, denke ich, müsste man neue Wege suchen. Ein zweites Problem ist der ekklesiologische Pluralismus, den wir heute in der Ökumene haben, wo eigentlich alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gleichwertig sind, sodass es eigentlich gleichgültig ist, zu welcher Kirche man gehört. Dabei wird die Besonderheit der katholischen Kirche, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil pointiert zum Ausdruck gebracht hat, vergessen. Und drittens gibt es den Religionspluralismus, der die These vertritt, dass eigentlich alle Religionen gleicherweise Wege zu Gott sind – ein Sicht, die heute weit verbreitet ist. Und es wäre gut, die Auseinandersetzungen mit der Piusbruderschaft auch als Gelegenheit zu nehmen, an die eigene Brust zu klopfen und zu überlegen, was hier geändert werden muss. Denn nur so können wir gegenüber der Piusbruderschaft glaubwürdig vertreten, dass diese Übel, die sie benennen, nicht im Konzil enthalten sind, sondern Tendenzen sind, die nach dem Konzil aufgetreten sind.

Ich denke, das wird auch bei der Priesterbruderschaft in der Zukunft möglich sein, neue Gespräche aufzunehmen, damit sie den Weg in die katholische Kirche zurückfinden.

Tück: Zumal es ja auch so ist, dass die römischen Dikasterien immer wieder gegen diese Fehlinterpretationen Stellung genommen haben, nehmen wir Dominus Iesus (2000) gegen den Religionspluralismus, aber auch andere Stellungnahmen der Glaubenskongregation, die zu einer richtigen Interpretation der ökumenischen Öffnungsklausel subsistit in (Lumen gentium 8) eingeladen haben. Vielleicht eine letzte Frage: Wenn jetzt gerade auch formell bestätigt worden ist, dass sich die Spender und Empfänger der unerlaubten Bischofsweihe selber exkommuniziert haben, dass damit auch ein Schisma gesetzt wurde – müsste man nicht sagen, wenn jetzt – überspitzt gesagt – eine bischöflich verfasste Parallelkirche am rechten Rande sich zu etablieren beginnt, dass die Agenden dann vom Dikasterium über die Glaubenslehre hinüberwandern ins Dikasterium für die Förderung der Einheit der Christen, sodass hier vielleicht die Auseinandersetzung über die Lehrdifferenzen in einer etwas moderateren, weniger aufgeregten Art und Weise fortgesetzt werden könnte? Was würden Sie zu diesem Vorschlag eines Transfers der Agenden der Piusbruderschaft in Ihr Haus der Ökumene sagen?

Koch: Ich bin nicht so ganz sicher, ob man schon von Schisma reden kann. Auch 1988 hat Papst Johannes Paul II. von einem "schismatischen Akt" gesprochen. Das ist nicht unbedingt deckungsgleich, weil ein schismatischer Akt diejenigen betrifft, die den Akt vollzogen haben, und diejenigen, die ihn an sich vollziehen ließen. Das ist noch nicht das eigentliche Schisma. Und zweitens: Eine Exkommunikation ist eine Beugestrafe, die nicht definitiv sein will, sondern die zur Reue einlädt, dass man den Weg zurückfindet. Insofern würde ich fast meinen, es wäre übereilt, jetzt diesen Transfer schon zu vollziehen. Zweitens würde ich auch fragen, ob der Begriff der Parallelkirche in allen Punkten adäquat ist, weil es ja eigentlich keine parallele Struktur gibt. Die Piusbruderschaft hat ja nur Weihbischöfe, sie nennt keinen Ordinarius; der Ordinarius ist Priester. Und für die Parallelstruktur wäre das Bischofsamt natürlich entscheidend. Das ist für mich nicht ganz verständlich. Es war zunächst Erzbischof Lefebvre, dann war es Erzbischof Fellay, die die Bruderschaft geleitet haben. Jetzt sind sie mit Davide Pagliarani zu einem Priester als Generaloberen der Bruderschaft übergegangen. Und die Bischöfe, die sehen sie eigentlich nur von der Weihevollmacht her, ohne jede Jurisdiktionsvollmacht. Das entspricht aber auch nicht der Tradition der Kirche!

Tück: Aber können Sie Anzeichen einer kritischen Selbstrevision bei den jetzigen Akteuren der Piusbruderschaft erkennen, die eine solche Sanierung des schismatischen Aktes, der jetzt gesetzt wurde, annehmen ließe?

Koch: Momentan sehe ich das tatsächlich nicht, aber das wäre auch viel zu früh. Ich denke, wenn wir auf die Situation der Altkatholiken blicken: Das hat Jahrzehnte gebraucht, bis man neu über diese Situation reden konnte. Und ich denke, das wird auch bei der Priesterbruderschaft St. Pius X., so hoffe ich wenigstens, in der Zukunft möglich sein, neue Gespräche aufzunehmen, damit sie den Weg in die katholische Kirche zurückfinden.

Tück: Also eine Erinnerung an die Geduld als theologische Tugend und ein Setzen auf das Wirken des Heiligen Geistes, der als Meister des Unmöglichen vielleicht ja doch zu Änderungen führen kann, die jetzt noch nicht absehbar sind …

Koch: Verantwortlich sind wir nur für das Mögliche; das Unmögliche ist das Departement des Heiligen Geistes.

Tück: Herr Kardinal Koch, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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