Sich von KI nicht kränken lassen: Über das humanistische Plädoyer Rüdiger Safranskis hinaus

Rüdiger Safranski deutet Künstliche Intelligenz als vierte große Kränkung des Menschen und setzt ihr die Selbstachtung des lebendigen Geistes entgegen. Doch der Humanismus greift zu kurz: Erst eine christliche Sicht auf Mensch, Engel und Gott vermag das Verhältnis zur KI neu zu ordnen.

Symbolbild für Künstliche Intelligenz / Menschliches Gehirn in Form von Schaltkreisen
© Foto von Steve A Johnson auf Unsplash

Mit 81 Jahren hat sich Rüdiger Safranski als Philosoph über das Verhältnis von Mensch und KI zu Wort gemeldet. In seinem jüngst erschienen Buch Die Vierte Kränkung verschreibt er gegen die narzisstische Kränkung, welche die immens leistungsstarke Maschinenintelligenz dem menschlichen Selbstbewusstsein zufügt, eine heilsame Philosophie des Geistes in humanistischer Tradition. Das tut gut, reicht aber nicht aus, weil es letztlich bei einem direkten horizontalen Vergleich mit der KI bleibt. Hier erweist sich eine Triangulierung mit dem vertikalen Bereich des Göttlichen als entscheidend.

Sigmund Freud hat bekanntlich vor über 100 Jahren in den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse drei große Kränkungen des Menschen beschrieben: Mit der kopernikanischen Wende steht der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt des Weltalls; mit der darwinistischen Evolutionstheorie kann er keine Sonderstellung in der Schöpfung mehr beanspruchen; mit der psychologischen Forschung Freuds wird ihm zuletzt noch das Privileg des freien Geistes geraubt, weil er nicht "Herr im eigenen Hause" ist, sondern Spielball des Unbewussten. Nun ortet Rüdiger Safranski eine vierte Kränkung: "Das Bewusstsein, das sich souverän dünkt, wird nicht nur bedrängt vom triebhaften Unbewussten, wie bei Freud, sondern vom Nichtbewusstsein der Künstlichen Intelligenz, die menschliche Intelligenzleistungen nachahmt und überbietet." (14) Damit sei ein neues Stadium der prometheischen Scham (Günther Anders) erreicht (103).

Lebendiger Geist bleibt Künstlicher Intelligenz überlegen

Gegen diese Scham und Kränkung bringt Safranski nun den Humanismus als "Selbstbehauptung des menschlichen Geistes gegenüber den intelligenten Maschinen" (8) ins Spiel. Der Mensch brauche sich gar nicht zu schämen und den Vergleich nicht zu scheuen, denn als lebendiger Geist sei er dem toten Geist der KI ohnehin überlegen, so der Grundtenor des Buches. Es gehe darum, sich aus der "Demutsstarre" (54) zu befreien und sich auf den Reichtum des lebendigen menschlichen Geistes zu besinnen. Völlig zurecht betont hier Safranski, dass die KI nur Simulation lebendigen Geistes ist, die kein Innen und Außen hat und daher weder Möglichkeits- noch Wirklichkeitssinn. Sie versteht nicht, fühlt nicht, hat kein Bewusstsein, kein Wollen, keine Freiheit und keine Moral (53-79). Überhaupt ist sie kein Subjekt, auch wenn wir sie zu Unrecht als solches behandeln und damit in moderne Neuauflagen des uralten und längst überwunden geglaubten Animismus verfallen (49).

Der Autor Rüdiger Safranski
Rüdiger Safranski bei der Frankfurter Buchmesse 2015 © Lesekreis, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Für eine erneuerte Selbstachtung des Geistes

Dieses Plädoyer für eine erneuerte "Selbstachtung des lebendigen Geistes" (97), die an die Wiederentdeckung von Begriffen wie Seele, Geist, Freiheit und Transzendenz gebunden ist, schließt mit dem in voller Länge zitierten Zauberlehrling von Goethe. Diese Geschichte sei, so Safranski, "noch einmal gut ausgegangen", weil es "da nicht nur den Lehrling, sondern eben auch noch einen Meister" gab (105). Wer dieser Meister ist oder sein soll, das führt er nicht aus. Die Brücke zum transzendenten Gott ist damit aber wohl gelegt.

Es ist nicht schwer zu sehen wie das Einbeziehen der christlichen Vertikalität hier alles zurechtrücken kann. Es muss nicht gleich Gott sein, den man hier bemüht. Für eine gesunde Triangulierung im Bereich des Geschöpflichen ist es zielführender die Lehre von den Engeln wiederzubeleben.

Überhaupt könnte die Rückbesinnung auf eine christliche Weltanschauung das Verhältnis von Mensch und KI noch einmal in ein anderes und letztlich richtigeres Licht setzen. Solange man nur auf der horizontalen Ebene denkt, kommt man nämlich um die Kränkung als ständige Gefahr nicht umhin. Es ist ja kein Zufall, dass die drei von Freud genannten Kränkungen des Menschen allesamt in der Moderne liegen. Erst wenn der Mensch sich als Mittelpunkt des Universums, als über alle Natur erhabener Geist und als absolut autonomes und souveränes Subjekt versteht, erst dann ist er anfällig für diese Kränkungen. Die narzisstische Selbstüberhöhung des modernen Menschen bereitet den Boden für die schmerzhafte Kränkung. Das gilt natürlich auch für die vierte Kränkung. In seiner Allmachtsphantasie sah sich der Mensch als das leistungsstärkste Wesen, unüberbietbar, ein unangefochtener Herrscher.

Es ist nicht schwer zu sehen wie das Einbeziehen der christlichen Vertikalität hier alles zurechtrücken kann. Es muss nicht gleich Gott sein, den man hier bemüht. Für eine gesunde Triangulierung im Bereich des Geschöpflichen ist es zielführender die Lehre von den Engeln wiederzubeleben: Der mittelalterliche Mensch sah sich ja keineswegs als Mittelpunkt des Universums. Er wusste über sich in der hierarchischen Weltordnung die Engel. Im Unterschied zu ihnen gehörte er dem Wesen nach zum Bereich der Tiere, er war ein animal rationale, Teil der materiellen Wirklichkeit. Das Bewusstsein für die Angefochtenheit seiner Freiheit war lebendig. Gute und böse Geister, Engel und Dämonen, hatten Einfluss auf ihn. Dass sie auch unvergleichlich mächtiger – oder wenn man so will: leistungsstärker – waren als er, lag ebenfalls auf der Hand. Das alles kränkte ihn aber nicht, es demütigte ihn nicht. Aber es machte ihn demütig. Demut aber ist der beste Schutz vor narzisstischen Kränkungen.

Damit ist der humanistische Einspruch gegen die Kränkung durch den Vergleich mit der toten Intelligenz der Maschinen nicht entwertet, aber sehr wohl ergänzt. Aus einer Zweierbeziehung wird eine Dreierbeziehung. Dadurch wird alles ins rechte Licht gerückt. Die mittelalterliche Lehre von den Engeln entpuppt sich damit als hochaktuelle Ressource für "die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz", wie der Untertitel der päpstlichen Enzyklika Magnifica humanitas lautet.

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Sich von KI nicht kränken lassen: Über das humanistische Plädoyer Rüdiger Safranskis hinaus
Rüdiger Safranski

22,00 € (D), 112 S., Hanser Verlag 2026

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