Faszination GnosisEine bleibende Herausforderung für das Christentum

Lehrer des geistlichen Lebens: Im 2. Jahrhundert sah sich die Kirche von einer Bewegung herausgefordert, mit der auch heute spirituell Suchende sympathisieren. Findet der Mensch Erlösung, wenn er zur inneren Erkenntnis (Gnosis) seines wahren göttlichen Wesens gelangt?

© Katharina Preissinger

Noch vor den großen christologischen Auseinandersetzungen des 4. Jahrhunderts sah sich der christliche Glaube mit einer religiösen Bewegung konfrontiert, die mit dem Wort "Gnosis" bezeichnet wird. Das griechische Wort bedeutet "Erkenntnis". Der Kerngedanke dieser Bewegung lautet: Erlösung geschieht durch Erkenntnis, durch eine innere Erfahrung der verborgenen göttlichen Wirklichkeit.

Die Kirchengeschichtsschreibung spricht vom 2. Jahrhundert als der "Epoche der Gnosis" (Norbert Brox). Rückblickend sehen einige Historiker in dieser Bewegung eine der größten Gefahren für den noch jungen christlichen Glauben. Der damalige Bischof der christlichen Gemeinde in Lyon, Irenäus (ca. 140–200), hat ein umfangreiches Werk verfasst mit dem Titel: "Überführung und Widerlegung der fälschlich sogenannten Erkenntnis (Gnosis)". Das gewöhnlich mit dem Titel "Gegen die Häresien"bezeichnete und in der Zeit zwischen 180 und 185 n. Chr. entstandene Werk befasst sich fast ausschließlich mit der Widerlegung gnostischer Häresien.

Die Art und Weise, wie sich der Bischof mit der Gnosis auseinandersetzt, zeigt allerdings, dass es sich hierbei um eine religiöse Bewegung handelte, die dem christlichen Glauben sehr nahestand. Besonders auf gebildete Christen, die nach einem tieferen Verständnis ihres Glaubens suchten und sich mit den einfachen Formen der in den christlichen Gemeinden praktizierten Frömmigkeit nicht zufriedengaben, übte die Gnosis eine starke Anziehungskraft aus.

Lassen sich "wahre" und "falsche" (Gottes-)Erkenntnis überhaupt fein säuberlich voneinander unterscheiden?

Während die ältere Forschung in der Gnosis eine weitgehend eigenständige und einheitliche spätantike Religion sah, betont die jüngere Forschung die Vielfalt dieser Bewegung und ihre fließenden Übergänge zu einer sich erst allmählich herausbildenden christlichen Orthodoxie.

Theologen wie Klemens von Alexandrien (ca. 140/150–220) und Origenes (ca. 185–253) haben allerdings davor gewarnt, in der Auseinandersetzung mit der Gnosis über das Ziel hinauszuschießen; die beiden alexandrinischen Theologen sprechen von einer wahren, christlichen Gnosis, in Abgrenzung von einer fälschlicherweise so genannten Gnosis. Worin genau liegt der Unterschied? Lassen sich "wahre" und "falsche" (Gottes-)Erkenntnis überhaupt fein säuberlich voneinander unterscheiden? Ein Blick in die frühen Auseinandersetzungen lohnt sich, denn das dort verhandelte Thema hat nichts von seiner Aktualität verloren.

Die Geheimnisse des Himmelreiches erkennen

Spielt nicht im Alten wie im Neuen Testament Erkenntnis eine bedeutende Rolle? Gibt es nicht unter Juden wie Christen (zu) viele, die "sehen, jedoch nicht erkennen", wie bereits der Prophet Jesaja beklagt? Ein Wort, das Jesus im Gespräch mit den Jüngern wiederholt und somit ausdrücklich bestätigt, dass "die zahlreichen Volksscharen" (óchloi polloí) nicht in der Lage sind, seine Lehre zu verstehen, während dem auserwählten Kreis der Jünger sehr wohl wahre Erkenntnis zuteilwird:

"Euch [den Jüngern] ist es gegeben, zu erkennen (gnōnai – "Gnosis") die Geheimnisse (mystéria) des Himmelreiches, jenen [den Volksscharen] ist es nicht gegeben" (Mt 13,11).

Geht es nicht gerade in der christlichen Mystik um diese tiefere Form der Erkenntnis, um – wie Jesus sagt – ein "Hören und Verstehen" (Mt 13,23), wenn der Glaube nicht an der Oberfläche bleiben und bei nächster Gelegenheit ausgerissen werden oder verdorren soll (vgl. Mt 13,18–23)?

Mosaik eines Fuchses

Einfache Gläubige, so Irenäus, lassen sich von den Gnostikern leicht in die Irre führen, weil diese die gleichen Begriffe verwenden "wie wir". Sie berufen sich auf die wahren Worte der Bibel, legen sie jedoch falsch aus (haer. I,1: Vorrede). Sie reißen die Worte der Heiligen Schrift aus ihrem Zusammenhang und kombinieren sie unter Berufung auf eine ihnen zuteilgewordene "besonderen Erkenntnis" (Gnosis) so, dass die biblische Wahrheit entstellt wird.

"Dabei setzen sie sich über die Ordnung und den Zusammenhang der Schriften hinweg und zerlegen […] die Glieder der Wahrheit. Sie versetzen und verformen (die biblischen Texte), machen etwas ganz anderes daraus und täuschen viele damit, wie sie die angepassten Herrenworte mit Phantasie falsch zusammenstellen. Das ist so, wie wenn man das schöne (Mosaik-)Bild eines Königs vor sich hat, von einem tüchtigen Künstler sorgfältig aus wertvollen Steinchen ausgeführt, und es kommt einer, der die Umrisse der Menschengestalt zerstört und die Steinchen durcheinanderwirft und umändert und die Gestalt von einem Hund oder Fuchs daraus macht, noch dazu in schlechter Ausführung, und dann erklärt und behauptet, das sei das besagte schöne Bild des Königs, das der tüchtige Künstler ausgeführt hat, und dazu auf die Steinchen zeigt, die von dem ersten Künstler gekonnt zum Bild des Königs zusammengesetzt gewesen waren, vom zweiten aber in übler Weise zur Hundsgestalt durcheinandergeworfen wurden. Und mit seinem Gebilde von Steinchen betrügt er die weniger Erfahrenen, die keinen Begriff von einer königlichen Gestalt haben, und redet ihnen ein, die stinkende Figur des Fuchses sei das schöne Bild des Königs" (haer. I,8,1).

Vergöttlichung und Gottesschau

Vergöttlichung und Gottesschau sind zentrale Begriffe christlicher Mystik. Die sechste Seligpreisung der Bergpredigt: "Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen" (Mt 5,8) wurde zu einem Schlüsseltext in der Geschichte der Mystik, vor allem der östlichen, aber auch der abendländischen.

Man gewinnt den Eindruck, dass es sich bei der erlösenden Gottesschau der Gnostiker um eine von esoterischem Wissen begleitete kognitive Technik handelt, die den gewöhnlichen Gläubigen verschlossen bleibt.

Soweit aus den Quellen ersichtlich, werden jedoch Vergöttlichung und Gottesschau in der Gnosis und der sich davon abgrenzenden orthodoxen christlichen Theologie unterschiedlich verstanden. Beide stimmen darin überein, dass der Mensch in gewisser Weise bereits in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft anfänglich Gott schauen kann. In den verschiedenen Richtungen der Gnosis scheint jedoch die Gottesschau und die damit einhergehende Selbsterkenntnis weitgehend losgelöst von einem sich über einen längeren Zeitraum hin erstreckenden Reifungs- und Transformationsprozess dessen, dem diese Schau zuteilwird, verstanden worden zu sein.

Man gewinnt den Eindruck, dass es sich bei der erlösenden Gottesschau der Gnostiker um eine von esoterischem Wissen begleitete kognitive Technik handelt, die den gewöhnlichen Gläubigen verschlossen bleibt. Irenäus leugnet nicht, dass die Gottesschau zum Wesen des christlichen Glaubens gehört und jedem Christen eine solche Schau bereits anfänglich in diesem Leben möglich ist: "Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen ist die Schau Gottes (visio Dei)" [haer. IV,20,7].

Er wirft den Gnostikern jedoch vor, dass sie dabei die natürlichen Gesetze des menschlichen Reifungsprozesses aus Ungeduld überspringen und nicht wahrhaben wollen, dass Gott es ist, der die Vergöttlichung des Menschen bewirkt:

"Sie können die Zeit des Wachstums nicht abwarten. […] Sie kennen weder Gott noch sich selbst, sind gierig und undankbar, wollen nicht zuerst das sein, was sie bei ihrer Entstehung waren, nämlich Menschen voller Leidenschaften; vielmehr übertreten sie das Gesetz des Menschengeschlechts und wollen, noch bevor sie Menschen werden, schon dem Schöpfergott ähnlich sein und keinen Unterschied zwischen dem unerschaffenen Gott und dem jetzt erst gewordenen Menschen anerkennen" (haer. IV,38,4).

Der eigentlich Handelnde auf dem mystischen Weg der Vergöttlichung ist Gott selbst. Er ist es, der den Menschen vergöttlicht. Ihm hat sich der Mensch im Glauben anzuvertrauen:

"Du musst nämlich zuerst einmal die Ordnung des Menschen einhalten, dann (kannst du) an der Herrlichkeit Gottes teilhaben. Denn nicht du machst Gott, sondern Gott macht dich. Wenn du also ein Werk Gottes bist, dann warte auf die Hand deines Künstlers, die alles zum günstigen Zeitpunkt macht […]. Biete ihm dein Herz an, sensibel und nachgiebig, und bewahre die Gestalt, in der der Künstler dich gestaltet hat; hab Feuchtigkeit in dir, um nicht zu verhärten und die Spuren seiner Finger zu verlieren" (haer. IV,39,2).

Das wahre Selbst

Nach Lehre der Gnostiker ist das wahre Selbst des Menschen göttlich. Es hat sich mit dem Leib vermischt und bedarf der Befreiung. Gelangt der Mensch, sei es mit oder ohne eine Erlösergestalt, zur Erkenntnis seines wahren göttlichen Wesens, wird er aus seiner Unwissenheit erlöst. In diesem Sinne sind Selbsterkenntnis, Gotteserkenntnis und Erlösung identisch.

Der Gnosis scheint eine schmerzliche Erfahrung von Spaltung und Entfremdung zugrunde zu liegen.

Man kann das Anliegen der Gnosis als eine Reaktion auf die Krise des antiken Kosmotheismus verstehen. Im antiken Kosmotheismus war das Göttliche Teil der alltäglichen Lebenswelt. Mit der platonischen, jüdischen und christlichen Kritik an den vielen Göttern und ihren Mythen rückte der eine Gott in die Ferne — er wurde unsichtbar, bildlich nicht darstellbar (Bilderverbot!), unaussprechbar und un(be)greifbar. Mit der Gnosis kommt es zu einem radikalen Umschlag. Das Göttliche, das in der äußerlich sichtbaren Welt verschwunden war, wird in das Innere des Menschen verlegt und mit seinem wahren Selbst identifiziert. Zwar bleibt dieses wahre, göttliche Selbst den meisten Menschen verborgen, doch der Gnostiker vermag es zu erkennen, wenn er auf dem Weg der inneren Einkehr zur Erleuchtung gelangt.

Überwindung von Männlich und Weiblich

Der Gnosis scheint eine schmerzliche Erfahrung von Spaltung und Entfremdung zugrunde zu liegen. Sie versucht, diese durch Erkenntnis und damit einhergehende Praktiken zu überwinden. Zu den Entfremdungserfahrungen gehört auch die Dualität von Männlich und Weiblich. Seine wahre Identität und damit seine Erlösung findet der Mensch nur in der Überschreitung dieser Dualität. Männliche und weibliche Identität sind etwas Äußerliches, die wahre Identität des Menschen liegt jenseits ("trans") des äußerlich Sichtbaren. Im gnostisch inspirierten Thomas-Evangelium heißt es:

"Jesus sprach zu ihnen [den Jüngern]: ‚Wenn ihr die zwei zu einem macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere, – und zwar damit ihr das Männliche und das Weibliche zu einem einzigen macht, auf dass das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich sein wird […], dann werdet ihr eingehen in [das Königreich] […] Jesus sprach: ‚Siehe, ich werde sie [Maria] ziehen, auf dass ich sie männlich mache, damit auch sie ein lebendiger, euch gleichender, männlicher Geist werde.‘ (Ich sage euch aber): ‚Jede Frau, die sich männlich macht, wird eingehen in das Königreich der Himmel]" (Logion 22 und 114; zit. nach: Jens Schröter / Jürgen K. Zangenberg [Hg.], Texte zur Umwelt des Neuen Testament, Tübingen 32013, 749; 751).

Spätantikes und modernes Lebensgefühl

Der Philosoph Hans Jonas (1903–1993) sah in der spätantiken Gnosis ein Lebensgefühl der Einsamkeit und Verlorenheit, das starke Analogien zum Geist der Moderne mit ihrem Streben nach vollkommener Freiheit und Unabhängigkeit von allen Normen und gesellschaftlichen Konventionen aufweist. Zu den Praktiken der Befreiung konnten sowohl strenge Askese als auch ihr Gegenteil, eine libertinistische sexuelle Praxis, gehören. Irenäus behauptet, dass einige der Gnostiker "heimlich Frauen schänden, nachdem sie ihnen Unterricht in ihrer Lehre gegeben haben" (haer. I,6,3). Auch Bernard McGinn sieht Affinitäten im Lebensgefühl der antiken Gnosis und der zeitgenössischen Moderne:

"Es scheint, dass sich die gnostischen Mythen in den letzten Jahrzehnten in manchen intellektuellen Kreisen einer ähnlichen Beliebtheit erfreuen wie damals im 2. Jahrhundert. […] Die Gnostiker als Vertreter eines liberalen, protofeministischen und demokratischen Christentums avancieren zu den wahren, wenn auch unterlegenen Helden und Heldinnen des frühen Christentums" (McGinn, Die Mystik im Abendland. Bd. 1: Ursprünge, Freiburg i. Br. 1994, 139).

Für viele spirituell Suchende der Spätantike war dieses Modell ein faszinierender Weg, der nach vielen Seiten hin anschlussfähig war: zur platonischen Philosophie ebenso wie zur christlichen Religion; die Gnosis konnte sich im Rahmen der Entfaltung ihrer komplexen Lehrsysteme mit Motiven der antiken Mythen, der Kosmo- und Anthropogenese, ebenso wie mit pythagoräischer und jüdischer Zahlenmystik anreichern und die Methode einer allegorischen Schriftauslegung praktizieren, die sowohl in der antiken Mythenauslegung als auch, in abgewandelter Form, in der christlichen Auslegung des Alten Testaments Anwendung fand.

Wie immer man den Ursprung der zahlreichen gnostischen Strömungen der Spätantike bestimmen mag, die orthodoxe "kirchliche" Mystik entwickelte sich im 2. und 3. Jahrhundert in kritischer Auseinandersetzung mit dieser ihr bedrohlich erscheinenden Bewegung.

In der Forschung ist nach wie vor umstritten, ob die Gnosis von ihrem Ursprung her eine nichtchristliche religiöse Bewegung war, die sich "parasitär" zentraler christlicher Motive bediente, oder ob sie innerhalb der christlichen Religion entstanden ist, im Rahmen einer existenziellen und spekulativen Aneignung ihrer zentralen Gehalte, wozu die neuere Forschung tendiert. Die Kirchenväter verstanden sie als eine christliche Häresie und waren alarmiert, als sie sahen, dass viele Christen und christliche Gemeinden von dieser Erlösungslehre in ihren Bann geschlagen wurden. Irenäus von Lyon war einer der wenigen Bischöfe, der diese Gefahr erkannte und ihr entgegentrat.

Orthodoxe Reaktionen

Wie immer man den Ursprung der zahlreichen gnostischen Strömungen der Spätantike bestimmen mag, die orthodoxe "kirchliche" Mystik entwickelte sich im 2. und 3. Jahrhundert in kritischer Auseinandersetzung mit dieser ihr bedrohlich erscheinenden Bewegung. Dabei entwickelte sie Kriterien und Konzepte, die in der weiteren Geschichte christlicher Theologie und Mystik grundlegende Bedeutung gewannen.

An erster Stelle sei das Schriftverständnis genannt. Irenäus zeigt, dass einzelne Texte und Motive der Heiligen Schrift nur angemessen verstanden werden, wenn sie im Lichte des Glaubensbekenntnisses, der Offenbarung als ganzer, der regula fidei gelesen werden. Nur wenn dies geschieht, lässt die Schrift "durch die Vielstimmigkeit der Ausdrucksweisen eine wohlklingende Harmonie (unam consonantem melodiam) unter uns ertönen" (haer. II,2,28,3).

Den Gnostikern wirft er ein fragmentiertes und dekontextualisiertes Schriftverständnis vor. Sie "sammeln Ausdrücke und Namen, wie sie verstreut vorkommen, und ersetzen, wie gesagt, deren eigentliche Bedeutung durch einen fremden Sinn, den sie sich aus ihren eigentümlichen Grundideen gebildet haben" (haer I,9,4). Die einzelnen Mosaiksteinchen stammen zwar aus der Bibel, werden jedoch falsch zusammengesetzt, sodass an die Stelle eines Königs das Bild eines hässlichen Fuchses entsteht, der die Weinberge verwüstet (vgl. Hld 2,15). Wer jedoch mit dem christlichen Glauben vertraut ist, erkennt die Täuschung. "Er stellt jedes Wort wieder an seinen richtigen Platz, passt es in den Leib der Wahrheit ein und stellt so ihre Erfindung bloß und beweist, dass sie unhaltbar ist" (haer. I,9,4).

Irenäus weist darauf hin, dass es im christlichen Glauben nicht um die Verwerfung der in sich bösen, sondern um die Vollendung der von ihrem Ursprung her guten, wenngleich durch die Sünde gestörten, göttlichen Schöpfung geht.

Eine weitere wichtige Herausforderung, die sich den Theologen der nachfolgenden Generation stellte, war die Klärung grundlegender Begriffe der sich herausbildenden christlichen Mystik wie Gottesschau und Vergöttlichung sowie die Bestimmung des Verhältnisses von (platonischer) Theorie ("contemplatio Dei" – "Gottesschau") und (christlicher) Praxis ("Nächstenliebe"). Bereits Irenäus weist darauf hin, dass es im christlichen Glauben nicht um die Verwerfung der in sich bösen, sondern um die Vollendung der von ihrem Ursprung her guten, wenngleich durch die Sünde gestörten, göttlichen Schöpfung geht.

In der Auseinandersetzung mit der Gnosis argumentierte Irenäus auch mit dem sogenannten Altersbeweis. Das Original stellt der kirchliche Glaube dar, die Gnostik hingegen ist aufgrund zweifelhafter Privatoffenbarungen später hinzugekommen. In der Orientierung am kirchlichen Amt, das sich in kontinuierlicher Abfolge — der Apostolischen Sukzession — mit den Aposteln als den ersten und glaubwürdigen Zeugen der Offenbarung verbunden weiß, findet der Christ ein glaubwürdiges Zeugnis der Wahrheit: "Die wahre Erkenntnis (Gnosis: agnitio vera) ist die Lehre der Apostel und das Lehrgebäude der Kirche seit alters her auf dem ganzen Erdkreis; das unterscheidende Kennzeichen des Leibes Christi liegt in den Abfolgen (successiones) der Bischöfe, denen jene [die Apostel] die jeweilige Ortskirche übertragen haben" (haer. IV,33,8).

Christliche Mystik, recht verstanden, führt nicht aus der kirchlichen Gemeinschaft hinaus in einen esoterischen Kreis spirituell "Hochbegabter", sondern tiefer in den biblisch bezeugten Glauben und die durch Christus vermittelte Gemeinschaft der Gläubigen hinein.

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