Nach eigener Optimierung wie auch der anderer Wirklichkeiten streben die Bewohner der westlichen Moderne. Einen Gotteskomplex womöglich schleppen sie dabei mit. Neuester Kandidat eines Höchsten Wesens für das dritte Jahrtausend könnte die Künstliche Intelligenz sein. Ein bemerkenswertes Bühnenprojekt stellt uns indes recht ernüchternde Zustände im digitalen Wunderland vor Augen.

I.

Was für ein Teufelskerl der Mensch ist! Götter sogar (v)erbleichen vor ihm. Und setzt er sich nicht gleich selbst als Höchstes Wesen, so vermag er immerhin ein neues aufzurichten. Etwas, das ihm überlegen ist. Zu dem er emporblicken kann. Aus dem religiösen Phänomen jedenfalls scheint kein Entkommen.

II.

Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (1930), Kapitel III. Von alters her habe er Göttern zugeschrieben, was den eigenen "Wünschen unerreichbar schien". Durch technische Hilfsmittel sei der Mensch nun aber "beinahe selbst ein Gott geworden", wenngleich "eine Art Prothesengott" nur. Längst noch nicht ihr Ende habe diese Entwicklung erreicht: "Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar große Fortschritte […] mit sich bringen, die Gottähnlichkeit" somit "weiter steigern."

Jubel darüber? Eher gedämpft. Denn merkwürdigerweise fühle sich der Zeitgenosse trotz gedeihender Abhilfe spezieller Mängel und Grenzen keineswegs glücklich.

III.

Einen "Gotteskomplex" habe der Bewohner der westlichen Moderne infolge des "Glaubens an seine Allmacht" davongetragen. So analysierte knapp fünfzig Jahre später ein anderer Psychologe die Folgen des Drangs nach fortschreitender Optimierung. Den Ort seines ehemaligen Schöpfers beanspruche der säkular-größenwahnsinnige homo sapiens damit zwar, so Horst-Eberhard Richter, doch im Untergrund rumorten bei ihm Unsicherheit, Angst, ja Verzweiflung.

IV.

Die Rasanz des Vorankommens beschleunigt sich weiter. Ihren aktuellen Zwischenstand spießt eine Zeichnung des vorzüglichen Karikaturisten Thomas Plaßmann auf. "Hallo, KI", entquillt es da der Sprachblase über der Tastatur des neugierigen Users: "Gibt es einen Gott?" Und auf der Mattscheibe, lakonisch: "Neben mir?"

In der Tat mag die neueste technologische Errungenschaft womöglich etwas wie Gott für das dritte Jahrtausend konkretisieren. Die komplexen Systeme Künstlicher Intelligenz als großes DU, das weder raumzeitlich noch kapazitiv begrenzt ist, nicht abwesend, sondern stetig verfügbar, unermessliche Datenmengen wissend, fast allmächtig Antworten anbietend, dabei fürsorglich auch, Orientierung stiftend, Sinn, mehr als nur einen Hauch von Transzendenz dazu vielleicht. Ohne weiteres arrangieren KI-basierte Chatbots virtuelle Auferstehungen Verstorbener.

Kehrt technologiegestützt ein für alle Mal erledigt Gewähntes in die post-metaphysische Welt zurück?

V.

Das Ineinander von Anziehung und Furcht nicht zu vergessen, fascinans et tremendum. Wie jedes göttliche Mysterium vermag die digitale Maschine derlei auszulösen. Unseren Bedürfnissen und Zwecken gegenüber autonom könnte es letztlich bleiben, unkontrollierbar, uns strafen, zum Verschwinden bringen selbst, jenes Höhere Wesen, welches auf Wegen der Wissenschaft erzeugt wurde.

Nur bedingungslos lieb und zugewandt sind Götter von jeher keineswegs, sondern unter Umständen auch gefährlich.

VI.

Künstler haben das Projekt menschlicher Selbst-Divinisierung teils vorweg erspürt, und Künstler begleiten es nach wie vor. Emre Akal beispielsweise, 1981 in München geboren, einer der spannendsten deutschsprachigen Bühnen-Autoren. Göttersimulation: Jenes Genre von Strategiespielen, die uns supranatural gewordene Wirklichkeitsstifter sein lassen, ruft der Titel seiner vor knapp mehr als drei Jahren uraufgeführten "Stückentwicklung" wach.

VII.

Indem Pixelfelder sich jeweils zu neuen Tabs verschieben, gewinnt ein immersives Metaversum Gestalt. Ausgewandert dorthin ist "eine Horde" von acht jugendlichen "Digital Natives". Freie Schöpfer nicht nur ihrer selbst, erfinden sie sich "in den unendlichen digitalen Welten als Gött*innen neu". Aus dem sumerisch-babylonischen Pantheon sind die Bezeichnungen entlehnt, der Wiege menschlicher Zivilisation. "Muttergöttin" Nammu etwa. Oder Enlil, (genderfluider) "Gott des Befehls". Wer von ihnen der "Hauptgott" sein soll, darüber können die Avatare sich nicht einigen.

Die Fähigkeit zur Hervorbringung von Wirklichkeiten, denen man "eigene Regeln" auferlegt, haben sie alle, "Bestimmer:innen über Richtig und Falsch und den Fortgang der Welt". Wiederholt wird ihr "virtuell göttliches Traumschloss" allerdings von einer Art Spuk der alten Welt voller Mängel heimgesucht, welche betreffend diese Wesen angesichts nunmehrig "besserer Natur / des besseren Menschen" doch definitiv "drüber" zu sein behaupten.

Haften dem säkularen Gott-Werden also immer noch Schatten an, die man nicht los wird? Bleiben gewisse Befind- und Wirklichkeiten hartnäckig bestehen?

VIII.

In Akals "unfertiges Stück" mit sich überschneidenden Codierungen sickert jedenfalls durchaus religiöse Unruhe ein. Durchgehend tauchen wie fremd-weihnachtliches Motive auf. Die Stimme einer "Mutter" (auch "Meryem" oder "Maria" genannt) berichtet davon, wie Deniz, ihr "Kind" – Fülle und Tiefe bedeutet dieser Name: Weite, Freiheit und Unendlichkeit! – "hineingeboren wurde in ein neues Zeit-Alter. In eins, zu dem wir nie gehören sollten", das des "digitalen Sepiaschwarz". Von wem sonst sollte "Rettung kommen"? "Gebetsrunden" der Götter vergegenwärtigen rituell "die Legende" jenes "Idols", des "kleinen Prophetenkinds, dem niemand zuhören wollte".

Aus der versunkenen Realität ist von einer alten Frau die Rede, die "suchend in die Ferne" blickt, "als könnte sie vielleicht doch noch etwas entdecken, woran sie glauben mochte". Doch auch Enlil ("Gott des lauten Wortes" auch) macht keinen Hehl daraus, dass er/sie "WIEDER AN ETWAS GLAUBEN MUSS!!" Auch Ninegal, "Göttin der Sonne", outet sich als unentschieden, ob "es da oben noch mehr gibt? / Außer uns? Dass es da noch was gibt? / Ich frage mich".

Sogar "umhüllt mit göttlichen Körpern" fehlt noch immer etwas. Die Selbst-Divinisierung bleibt eine brüchige Utopie. Manches scheint nicht einfach gelöst, manches nicht gelöscht werden zu können.

IX.

Aus einem Pflegeheim der analogen Welt kreuzen zwei "gealterte Menschenkonstrukte"/männlich/weiß im virtuellen Neuland auf. Von ihrer "Endlichkeit" geplagt sowie im dort "ewigen Kreislauf der Schuld" gefangen. Erlösung wünschen sich diese "baldigen Engel der Vergangenheit" – und "Vergebung". Vermag ein Ganz-Anderer sie zu geben?

"Wir suchen Gott", so lautet ihr Refrain, "der auf uns wartet, irgendwo": "DAS GANZE HIER, KANN'S DOCH NICHT GEWESEN SEIN".

Unverkennbar jedoch hat dieses Postulat seine Tücken. So ficht die beiden denn auch manches an. Mit Blick auf die Identität ihres Zielorts zum Beispiel: "Vielleicht suchen wir gar nicht den gleichen". Oder auf die Möglichkeit einer Selbsttäuschung: hätte man wohl "immer nach dem falschen Einen Ausschau gehalten"? Auf die Theodizee und damit verbundenen Phantasien entlastender Revolte auch: "Vielleicht entschuldigen wir uns. // Vielmehr sollte er sich bei uns … entschuldigen!!!!!!! // HERRGOTT!!!!!! FÜR DIESES LEBEN!!!!!!!" Auf völlige Absurdität schließlich: und "wenn er gar nicht auf uns wartet?" / "Was, wenn es ihn gar nicht gibt?" Folgt als Regieanweisung: "Stille. / Stille."

X.

Ob Sie "ihn" noch finden? Eine unzweideutige Antwort erhalten wir nicht. Zwar: "Hoch oben fügen sich Pixelbausteine zu einem großen, leuchtenden Tor. Wie am Himmelszelt, wie an der Himmelspforte. […] Dahinter nichts. Gleißendes Licht vielleicht." Nachdem die beiden Alten "zögernd" hindurchgegangen und dort ihren "inneren Kindern […] als digitalen Erinnerungsfetzen" begegnet sind, bleibt "Bühnengrau" der letzte Eindruck.

XI.

Und bei den Göttern in ihrem Wunderland-Kosmos? "Jetzt dunkler, jetzt trostloser, jetzt näher an der Realität". So wird die Pixelfelder-Szene gegen Ende beschrieben, und noch später, bekräftigend: "Alles strahlt göttlich schön und doch aber dunkel". Zweifelhaft bis zum Dementi.

Das, worauf "damals", im Analogen, unter der Chiffre "Gott" gehofft wurde, löst dieser Zustand jedenfalls nicht ein.

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