Der zuletzt betrachtete Ps 71 war das Gebet des altgewordenen Königs David. Dem folgt nun mit Ps 72 ein Gebet Davids (V. 20!) für seinen Nachfolger, den Kronprinzen Salomo (V. 1):
1 Von/für Salomo.
Wie David ein Sohn Isais war (V. 20! vgl. 1 Sam 16), so Salomo ein Sohn Davids und sein Nachfolger auf dem Thron (1 Kön 1). Davids Gebet handelt von Salomo oder ist gebetet für Salomo. In Ps 72 richtet sich nur V. 1 (und erneut V. 5) in direkter Rede an Gott. So ist V. 1 die Eingangsbitte, an die sich dann die V. 2-17 als Serie von Wünschen für Salomo anhängen.
Gott, deine Rechtssprüche dem Könige gib, und deine Gerechtigkeit dem Königssohn!
"Deine Gerechtigkeit" ist auch das Stichwort, das Ps 72 mit Ps 71 verbindet (Ps 71,2.15.16.19.24). David bittet Gott, den obersten Richter und König seines Volkes Israel, den Nachfolger Salomo auszustatten mit dem Amt des irdischen Richters, mit Kenntnis des göttlichen Gesetzes, Gerechtigkeitssinn und Weisheit, das göttliche Gesetz gerecht anzuwenden. "Gerechtigkeit" ist das Prinzip, "Recht" sind die konkreten Rechtsnormen. "Recht" bildet den Rahmen in V. 2 und 4:
2 Er urteile für dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden mit Recht!
3 Tragen mögen Berge Frieden für das Volk und Hügel durch Gerechtigkeit.
4 er schaffe Recht den Elenden des Volkes, rette die Kinder des Armen und zermalme den Unterdrücker!
"Er komme herab wie Regen auf das Gras"
König Salomo selbst erbat sich diese Weisheit zu Beginn seines Regierungsantritts, und sie bewährte sich auch sogleich beim "Salomonischen Urteil" in 1 Kön 3. Aufgabe altorientalischer Herrscher war es, den mittellosen Armen, den schutzlosen Witwen und Waisen Recht zu verschaffen gegen die Mächtigen, wie Gott selbst es tut (Ps 68,6). Im Proömium zum altbabylonischen Kodex Hammurapi (18. Jh.), das von König Hammurapis Legitimation durch den Sonnengott Schamasch handelt, heißt es, königliche Gesetzgebung sei dazu da dannum enscham ana la chabalim, "auf dass der Starke den Schwachen nicht schädige" – die Stärke des Rechts gegen das Recht des Stärkeren. In Israel ist Gott der Gesetzgeber und König. Der irdische König hat die Justiz nur zu verwalten. Wenn er das gerecht tut, wird im ganzen Land (V. 2: "Berge und Hügel") durch diese Rechtspflege gesellschaftlicher Frieden herrschen. Wenn der König im Volk für Gerechtigkeit sorgt, wird auch im Kosmos Ordnung herrschen. Der "Mond" rahmt in V. 5 und 7.
5 Sie sollen Ehrfurcht haben vor dir, in Gegenwart der Sonne und angesichts des Mondes Generation um Generationen!
6 Er komme herab wie Regen auf das Gras, wie Schauer, Tropfen auf die Erde!
7 Es sprosse in seinen Tagen der Gerechte und Fülle des Friedens bis der Mond nicht mehr ist.
Die Menschen sollen mit Ehrfurcht aufblicken können zu Gott, weil er den Kosmos stabil hält ("Sonne … und Mond Generation um Generationen") und der König als Gerechtigkeitsverwalter über das Land kommt, so dass der soziale Friede aufblüht und der Gerechte floriert. David selbst hatte einst über die gerechte Herrschaft eines Königs gesagt:
"Wer gerecht über die Menschen herrscht, wer voll Gottesfurcht herrscht, der ist wie das Licht am Morgen, wenn die Sonne aufstrahlt, an einem Morgen ohne Wolken, der nach dem Regen grünes Gras aus der Erde hervorsprießen lässt" (2 Sam 23,3-4).
"Er erbarme sich des Geringen und Armen"
Die dritte Strophe wünscht die universale Ausdehnung dieses Zustands. "Herrschen" ist das erste Wort, "dienen" das letzte. Gerechte Herrschaft führt zum freiwilligen Dienen.
8 Er herrsche von Meer zu Meer und vom Strom bis zum Ende der Erde!
9 Vor ihm sollen sich beugen Wüstenbewohner, und seine Feinde Staub lecken!
10 Die Könige von Tarschisch und den Inseln sollen Tribut entrichten, die Könige von Saba und Seba Abgaben bringen!
11 Huldigen sollen ihm alle Könige, und alle Nationen ihm dienen!
Der König soll auch die Beziehungen zu andern Ländern befrieden, indem er für sie zum Idealkönig wird, zu dem ihre Repräsentanten hinpilgern mit Geschenken, die Meeresbewohner im Westen (Tarschisch ist Tartessos in Spanien), die Wüstenbewohner im Osten und Süden ("Saba" ist im heutigen Jemen, "Seba" in Äthiopien). Von Gottes gerecht regiertem Volk aus soll Frieden, schalom zu allen Nationen gehen, wie es vom Segen Abrahams verheißen worden war (Gen 12,1-3). Da dieser König nur Gottes Sachwalter ist, geht es letztlich um den Dienst der Völker vor Gott.Die Abfolge "gesellschaftliche Gerechtigkeit" (V. 2-4) und "kosmische Ordnung" (V, 3-5) wiederholt sich in den Strophen 4 und 5 (V. 12-14; 15-17):
12 Ja, er entreiße den Armen, der schreit, und den Elenden und den, der keinen Helfer hat!
13 Er erbarme sich des Geringen und Armen, und das Leben (den Hals) der Armen rette er!
14 Von Bedrückung und Gewalt erlöse er ihr Leben (ihren Hals), und teuer sei ihr Blut in seinen Augen!
In Strophe 1 war es um die Pflege der Gerechtigkeit gegangen, die gesellschaftlichen Frieden schafft (V. 2-4). In V. 12-14 soll der König Gerechtigkeit schaffen, weil ihn das Mitleid bewegt, weil ihn der Notschrei der Armen, Elenden, Geringen anrührt, wie er Gott anrührt (Ex 3,7). Und so wie Gott als "Löser" für Israel auftritt, wie ein Verwandter, der einen in Sklaverei geratenen Angehörigen "auslöst" (Lev 25,25), so soll der König als Gottes Stellvertreter, die Armen "erlösen" (V. 14), auslösen aus der Unterdrückung, weil ihr "Blut", ihr Leben (vgl. Lev 17,14) in seinen Augen wertvoll ist – anders als in den Augen der Unterdrücker.
Auf die gesellschaftliche Dimension folgt neuerlich die kosmische:
15 Und er soll leben! Und er gebe ihm (dem Armen) vom Gold von Saba und bete für ihn stets, all den Tag soll er ihn segnen!
16 Überfluss an Korn sei auf der Erde, auf Berggipfeln! Es rausche wie der Libanon seine Frucht! Hervorblühen mögen sie aus der Stadt wie das Kraut der Erde!
17 Es sei sein Name in Ewigkeit, angesichts der Sonne wachse sein Name! Und Segen wünschen sollen sich in ihm, alle Nationen der Erde ihn seligpreisen!
"Es erfülle seine Herrlichkeit die ganze Erde"
David wünscht dem künftigen König langes Leben, damit er seinem Land Stabilität bieten kann (vgl. Ps 21,5), wie es der Huldigungsruf bei der Inthronisierung ausdrückt: "Es lebe der König!" (1 Sam 10,24; 1 Kön 1,34). Mit den ins Land strömenden Reichtümern (V. 10) soll der König den Armen helfen (V. 15) und gleichzeitig bei Gott für sein Volk eintreten – wie Salomo es in 1 Kön 8 auch tat. V. 16 malt den Segen aus: Fruchtbarkeit überall! Des Königs Name, seine Reputation, sein Regierungsprogramm verwirkliche sich zunehmend in einem stabilen Kosmos ("angesichts der Sonne"). "Salomo" bedeutet "Friedensmann". Abschließend zitiert das Gebet die Verheißung an Abraham (Gen 12,3), nach der durch Israel – hier: durch seinen König – alle Nationen Segen erlangen sollen.
Die V. 18-19 beschließen zugleich den Psalm 72 und das ganze zweite Psalmenbuch (Pss 42–72), so wie die anderen Psalmenbücher durch Doxologien abgeschlossen werden (Ps 41,14; 89,53; 106,48).
18 Gepriesen (gesegnet) sei der Herr, Gott, der Gott Israels, der Wunder tut, er allein!
19 Gepriesen (gesegnet) sei der Name seiner Herrlichkeit in Ewigkeit! Es erfülle seine Herrlichkeit die ganze Erde! Amen und Amen!
Alle Psalmdoxologien sind Segenssprüche: "Gepriesen sei Gott in Ewigkeit … Amen, Amen". Diese Doxologie knüpft an das Ende des Psalms an, das vom Namen des Königs gesprochen hatte, der groß werden soll. Die Doxologie betont: Letztlich ist nur Gottes Name preiswürdig, da der König ja nur Gottes Sachwalter ist. Im Hebräischen ist brk "preisen" und "segnen" (frz. "bénir", engl. "bless"). So knüpft die Doxologie auch an den Segen in V. 15 und 17 an: Der vom König aus über das Volk und die Völker kommende Segen soll in den Lobpreis Gottes zurückmünden. Wünscht V. 17 des Königs Name sein "in Ewigkeit", ergänzt V. 19, Gottes Name sei "gepriesen in Ewigkeit".
"Zu Ende sind die Flehgebete Davids"
Die V. 18-19 schließen also Ps 72 ab und das Buch II (Pss 42–72). Die Psalmenbücher I (Pss 1–41) und II (42–72) hatten Davids Leben in all seinen Nöten und Freuden begleitet: Von der Abschalomkrise (Pss 3–18 // 2 Sam 15-22) über die vorangehenden Verfolgungen durch Saul (Pss 52–59) bis ins hohe Alter (Ps 71) und zum Gebet für den Kronprinzen (Ps 72). So schließt Ps 72 im Psalter überhaupt das Leben Davids ab. Darum steht am Ende in V. 20 der Kolophon:
20 Zu Ende sind die Flehgebete Davids, des Sohnes Isais.
Alle Gebete "von David", die später noch folgen (z. B. Pss 103, 108–110; 138–145) sind Gebet des verewigten Königs für sein Volk.
Psalm 72 ist der Psalm zum Epiphaniefest. Die drei Magier, die nach Mt 2,1-12 Gold, Weihrauch und Myrrhe zum neugeborenen König bringen, werden im Lichte der Jesajalesung (Jes 60,6: "Aus Saba kommen sie alle, Gold und Weihrauch bringen sie") und von Ps 72,10-11 in der Volksfrömmigkeit zu "Königen", Repräsentanten der Nationen. Im Grunde ist das im Sinne des Evangelisten, der in seinen Magiern Wissenschaftler sah, vor allem aber Repräsentanten ihrer Völker, die zum "König der Juden" pilgern (Mt 2,2; 27,11.29.37).