I.
Die Zeitschrift COMMUNIO zählt zu ihren Aufgaben, nicht nur die oft brachliegenden Schätze des christlichen Glaubens neu ins Gespräch zu bringen und wichtige Themen von Theologie und Kirche zu erörtern, sondern auch den Dialog zwischen Glauben und Kultur zu pflegen. Das war den Gründungsherausgebern wichtig.
Hans Urs von Balthasar hatte einen wachen Sinn für Fragen der theologischen Ästhetik, er selbst konnte ganze Mozart-Opern auf dem Klavier spielen und hat in seiner Theodramatik von den griechischen Tragikern bis zu Brecht und Sartre die Dramenliteratur abgeschritten. Hans Maier, der den Kirchen und den Künsten ein wichtiges Buch gewidmet hat, war nicht nur Kultusminister und Universitätsprofessor, sondern ein feinsinniger Interpret und herausragender Organist. Und Joseph Ratzinger hat einmal notiert, dass neben den Heiligen und Märtyrern vor allem die Kunst einen Beitrag zur Apologie des Christentums leiste.
Die Literaturkritik in den Feuilletons der großen Zeitungen – Ausnahmen bestätigen die Regel – ist in ihrer Wahrnehmung von Literatur überwiegend religiös stumpf.
Gerade in Zeiten, wo Theologie und Kirche in einem eher krisenhaften Zustand sind, wird hier der Kunst zugetraut, anhaltender Transmissionsriemen christlicher Motive zu sein und religiöse Kontrapunkte in eine zunehmend säkulare Gesellschaft einzubringen. Einem Theologen, der für die ästhetische Dimension des Glaubens keine Antenne habe, so Ratzinger weiter, gehe Wesentliches ab. Man muss hier nicht nur an Bach, Haydn, Mozart oder Bruckner denken, nicht nur die Skulpturen Michelangelos oder die Bilder von Rafael und Rubens vor Augen haben, sondern darf auch die ebenso faszinierenden wie oft herausfordernden Artikulationen der Kunst in Moderne und Gegenwart aufrufen: in der Musik etwa Messiaen, Penderecki oder Arvo Pärt, in der Kunst Arnulf Rainer oder Michael Triegel, in der Literatur Michael Bulgakow, Felicitas Hoppe, Thomas Hürlimann oder Jon Fosse.
II.
Die Literaturkritik in den Feuilletons der großen Zeitungen – Ausnahmen bestätigen die Regel – ist in ihrer Wahrnehmung von Literatur überwiegend religiös stumpf. Anders als in den Ressorts der Musik- und Kunstkritik, wo Fragen der Religion und Transzendenz seit langem eine Rolle spielen, machen die meisten Literaturkritiker um religiöse Sujets einen weiten Bogen und marginalisieren so die vielfältige Präsenz des Heiligen in der Gegenwartsliteratur. Dass die Aufzeichnungen von Peter Handke etwa biblische, liturgische und auf Kirchen und Kathedralen Bezug nehmende und höchst aufschlussreiche Reflexionssplitter enthalten, muss man als Leser schon selbst entdecken – aus den Besprechungen der großen Zeitungen ist das nicht oder nur ganz selten zu entnehmen.
III.
Umso erfreulicher ist es, dass eine religions- und transzendenzsensible Feder wie Ulrich Greiner, ehemaliger Chefredakteur und Literaturkritiker des ZEIT-Feuilletons, regelmäßig Glossen auf dem Portal der COMMUNIO schreibt. Eine Sammlung von 39 Miniaturen hat er der Öffentlichkeit soeben vorgelegt. Greiner ist überzeugt, dass ohne die vertikale Perspektive auch der Blick auf die horizontalen Vernetzungen in der Welt ärmer ausfällt.
Literaturkritik macht deutlich, dass in der Literatur nicht katechetisch abrufbare Lehren oder moralische Weisungen zu finden sind, sondern kreative Befragungen und tastende Umkreisungen des Geheimnisses.
Er geht wiederholt dem dunklen Mysterium des Bösen und den Fragen von Mord und Suizid nach, er spart auch den Teufel nicht aus, in seinem Essay Dienstboten. Von den Butlern bis zu den Engeln hat er den Boten der Transzendenz bereits seine Aufmerksamkeit gewidmet. Die Toten, die die Gemeinschaft der Lebenden bereichern, werden nicht vergessen, und auch das epiphanische Leuchten, das eine größere Hoffnung wecken kann, entgeht ihm nicht. Seinen wachen Blick für literarische Qualität hat Ulrich Greiner in der Zeitschrift COMMUNIO dokumentiert, indem er bereits auf die Bedeutung der Heptalogie des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse hingewiesen hat, als dieser im deutschen Sprachraum noch fast unbekannt war. Wenig später erhielt Fosse den Literaturnobelpreis.
IV.
Eine religions- und transzendenzsensible Literatur- und Kunstkritik, wie Ulrich Greiner sie auch in seiner Sammlung von Glossen praktiziert, erfüllt mehrere Aufgaben:
Erstens weist sie auf die anhaltende kulturproduktive Kraft der Religion hin. Biblische Traditionen, die Zeremonien der kirchlichen Liturgie, die hoch aufragende Architektur der Kathedralen, aber auch religiöse Alltagspraktiken wie das Murmeln eines Rosenkranzes kommen in der Literatur auch heute vor. Mag die Religionssoziologie eine wachsende religiöse Indifferenz in der Gesellschaft konstatieren oder gar von anhaltenden Säkularisierungswellen sprechen, ein Korrektiv zu solchen Großdiagnosen kann der mikrologische Hinweis auf religiöse Spuren in einem Gedicht oder Roman, auf die an das Ewige gemahnende Dimension von Glockengeläut oder Orgelmusik sein – ästhetische Phänomene, die auch religiös unmusikalischen Zeitgenossen etwas zu sagen haben.
Was wäre, wenn uns jemand mit einem Blick der Gnade ansehen würde – hätte das nicht eine besänftigende Wirkung? Wir müssten uns nicht beweisen oder das Ansehen im Kampf mit anderen erwerben – wir wären es schon: angesehen!
Zweitens macht Literaturkritik deutlich, dass in der Literatur nicht katechetisch abrufbare Lehren oder moralische Weisungen zu finden sind, sondern kreative Befragungen und tastende Umkreisungen des Geheimnisses. Wo letzte Fragen des Menschseins berührt sind, wo von Liebe, Tod und Trauer um das unwiederbringlich Verlorene die Rede ist, da wird die Sphäre der Immanenz immer wieder überstiegen, und sei es nur im Modus des Als ob. Was wäre, wenn uns jemand mit einem Blick der Gnade ansehen würde – hätte das nicht eine besänftigende Wirkung? Wir müssten uns nicht beweisen oder das Ansehen im Kampf mit anderen erwerben – wir wären es schon: angesehen!
Wo das Ausdrucksbemühen der Literatur in die Sphäre der Transzendenz vordringt, ringt sie um eine eigenständige und unverbrauchte Sprache, sie geht der verborgenen Gegenwart des Heiligen nach und verzichtet auf vorgestanzte und abgedroschene Sprachformen. Das kann auch für Seelsorger und Theologinnen eine Sprachschule sein.
Drittens bietet Literatur oft Provokationen, weil sie religiöse Motive subjektiv verfremdet, durch Rückfragen transformiert oder sogar karikiert. Orthodoxiebeflissenen Lesern mag das nicht gefallen, aber die Beleuchtung aus anderen, oft kühnen Perspektiven kann auch dem Gläubigen eine neue Sicht auf seinen Glauben geben. Wenn der "Fremde" von Camus, der vom gleisnerischen Licht der Sonne geblendet ohne Grund einen anderen ermordet, vom französischen Autor als "der einzige Christus, den wir verdienen" bezeichnet wird, weil er ehrlich sagt, was er denkt und fühlt, dann ist das eine verstörende Aussage.
Viertens steht ein Literaturkritiker wie Ulrich Greiner außerhalb von Kirche und Theologie. Er kann sich Sichtweisen erlauben, die querstehen zu eingeschliffenen binnenkirchlichen Wahrnehmungen. So hat er in einer seiner ersten Glossen für COMMUNIO ganz unverblümt sein Unbehagen am Programm einer Katholischen Akademie in Deutschland geäußert.
Ihm war aufgefallen, dass über Klima, Gender, Friedenspolitik, Ernährung und Ähnliches vielfältige Angebote gemacht werden: alles zweifelsohne wichtige Themen, die aber andernorts auch und vielleicht sogar noch kompetenter verhandelt werden. Das, was man von einer Katholischen Akademie erwartet, die Erörterung substantieller Fragen des katholischen Glaubens, hat er vermisst. Diese Vermisstenanzeige hat ein polyphones Echo angestoßen. Dabei liegt es auf der Hand, das Glaubenskommunikation heute sehr wohl Interesse findet. Aber zumeist wird sie an anderen Orten geführt – und nicht selten mit deutlichen Intellektualitätseinbußen.
V.
In Hölderlins Hymne Brot und Wein findet sich eine schöne Stelle:
"Göttliches Feuer auch treibet bei Tag und bei Nacht
Aufzubrechen. So komm! daß wir das Offene schaun
Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist."
Dass der Aufbruch ins Offene mit der Findung des Eigenen zusammengehen kann, erfährt immer wieder, wer Bücher liest, Musik hört, Bilder oder Filme anschaut, die Räume gotischer Kathedralen auf sich wirken lässt. Die Glossen Ulrich Greiners stiften dazu an, solche Aufbrüche zu wagen. Lesend, schauend, hörend …