Jan-Heiner Tück: Pfingsten ist das Fest des Sprachwunders. Feuerzungen kommen auf die Apostel herab – und jeder kann sie plötzlich verstehen. Glauben Sie, dass es Literatur heute gelingen kann, Sprach- und Verstehensbarrieren zu überwinden und eine geradezu pfingstliche Verständigung über Gräben hinweg zu ermöglichen?
Michael Köhlmeier: Wenn es einem Autor oder einer Autorin gelingt, einen Charakter zu gestalten, der archetypisch einen Platz im Menschsein definiert – zum Beispiel Odysseus oder Simplicius Simplicissimus oder Faust –, dann hat die Übersetzung von einer Sprache in eine andere nicht mehr dieses Gewicht wie bei realistischen Charakteren, deren Konturen naturgemäß "komplizierter", also nicht so klar umrissen sind – wieder drei Beispiele: Wilhelm Meister von Goethe, Hans Castorp aus Thomas Manns Zauberberg, Tom Joad aus Früchte des Zorns von John Steinbeck. Donald Duck und Dagobert bieten gewiss nicht sprachliche Feinheiten wie die gerade genannten Werke, aber sie zeigen klar konturierte Typen – der cholerische Versager, der Geizhals usw. –, die in den verschiedensten Kulturkreisen ohne lange Interpretation verstanden werden, auch wenn die Sprechblasen mangelhaft übersetzt sind.
Der Vorteil dieser lange als "niedrig" empfundenen Literatur ist, dass sie kein "realistisches" Bild der Welt zeigt. Entenhausen gibt es nicht nur nicht, es kann es auch gar nicht geben, wir sind nun mal keine Enten. Menschliche Bedingtheiten können auf diese Weise als aus der Wirklichkeit gehoben betrachtet werden. Ich bedauere, dass die Literatur heute sich ihre Themen und Personen allzu sehr von einem Realismus diktieren lässt, der nur wenig Distanz zulässt, ironische Distanz ebenso wie metaphysische Distanz. Ich bevorzuge Literatur, die über die Welt, wie sie ist, hinausweist, zumal ja niemand sich trauen sollte zu definieren, wie die Welt ist. Wieder drei Beispiele: Don Quichote, Gullivers Reisen, Kater Murr von E.T.A. Hoffmann. Wir sind es, die unsre Welt zu dem besonderen Ort machen, von dem unsere Gefühle und Gedanken aufsteigen können, über die Wolken hinaus. Frei nach Wilhelm Busch: "Schön ist es auch anderswo, und hier bin ich sowieso."
Puren – scheinbar puren – Realismus können wir jeden Sonntagabend im Tatort anschauen. Ein Romanautor sollte nicht damit konkurrieren wollen, er würde verlieren, allein schon wegen der Masse an Konkurrenten. Tausendmal Spannung und Realität ist langweiliger und realitätsferner als die Langeweile an und für sich. Die Steigerung der Langeweile ist die Vervielfältigung dessen, was eh schon ist. Eine pfingstliche Verständigung kann Literatur erreichen, wenn sie im Alltäglichen das Archetypische, im Realistischen das Transzendente findet und darzustellen vermag.
Spuren von Transzendenz in der Wirklichkeit
Tück: Pfingstliche Verständigung scheitert oft daran, dass die Leute sich in Echokammern bewegen, in denen alle genauso denken und sprechen wie sie selbst. Weh dem, der anderes denkt oder Vokabulare benutzt, die nicht korrekt sind! Wir leiden ja schon länger unter einer Zerklüftung der Verständigungsverhältnisse und einer affektiv aufgeheizten Kommunikationskultur. Wenn es Literatur gelingt, das Alltägliche auf Archetypisches zurückzuführen, dann erinnert sie an das, was alle kennen, und stiftet kommunikativen Kitt. Wenn sie "Inseln eines zweiten Bewusstseinszustandes" (Robert Musil) im Meer des Gewöhnlichen entdeckt, dann findet sie in der Wirklichkeit Spuren von Transzendenz, die den Blick auf Anderes hin öffnen. Kommt aber nicht auch noch hinzu, dass Literatur die Grenzen der eigenen Weltwahrnehmung verschiebt, wenn sie Fremdes nahebringt, Verstörendes zeigt und von anderen Welten erzählt? Darin steckt ja auch etwas Pfingstliches, nämlich die Einladung, sich in andere Schicksale einzufühlen, sich von Fremden befragen zu lassen, wenn man so will, spielerisch eine Lektion in Ambiguitätstoleranz zu absolvieren – oder?
Köhlmeier: Das mit den Echokammern ... ich weiß nicht. War es je anders? Lehrer hatten Freunde meistens unter Lehrern, Künstler unter Künstlern, Maurer unter Maurern – Priester waren eine Ausnahme. Ich weiß nicht, ob das wahr ist, aber es ist und war immer meine Wahrnehmung. – Ein bemerkenswertes Wort übrigens: Ich nehme etwas wahr, nehme es als wahr, behaupte aber nicht, es sei so. – Heute kann jeder mit jedem kommunizieren, der Bauer mit dem Universitätsprofessor, der arbeitslose Punk mit der Atomphysikerin – man kann, besser: man könnte. Ob man es auch tut ... Die Kommunikationsmöglichkeiten jedenfalls sind schrankenlos. Ich muss keinen guten Anzug anziehen, wenn ich mich im Netz auf ein Gespräch zu einem Kardinal begebe. Ich war mein Leben lang politisch links, ich kann mich nicht erinnern, dass ich mit einem Rechten längere Kommunikation gepflegt hätte ...
Ich meine, wenn ein Schriftsteller seine Leser an seiner Einbildungskraft teilhaben lässt, dann öffnet er ihm einen Bereich "innerer Metaphysik".
Ich gebe Ihnen recht, die Literatur kann die Grenzen der eigenen Weltwahrnehmung – ist das Wort Ihre Erfindung? Es ist großartig! – verschieben. Dann, wenn sie Fremdes nahebringt. Da sollte niemand einen moralischen Zeigefinger, noch schlimmer: einen ideologischen Zeigefinger dazwischenschieben. Ein Schriftsteller sollte sich nicht sagen lassen, was für Wörter er gebrauchen darf und welche nicht. Ein Wort ist wie ein Bowiemesser, mit dem man sich einen Weg durch den Dschungel schlägt. Ich nehme Ihr Wort auf: Meine Weltwahrnehmung setzt sich zusammen aus Gefundenem und Erfundenem. Die Grenzen sind unklar. Oft werde ich gefragt: Ist das wahr, was Sie geschrieben haben, oder ist es erfunden? Ich habe mir angewöhnt zu antworten: Sowohl als auch. Zufrieden ist mir dieser Antwort selten jemand.
Es gibt eine Geschichte über einen Rabbi, es muss wohl im Mittelalter gewesen sein, zu dem kam ein Schüler und sagte: Rabbi, wie jetzt, in der Bibel steht, im Anfang, am ersten Tag, schuf Gott das Licht. Und dann heißt es, am vierten Tag schuf er die Sonne. Das Licht kommt doch von der Sonne. Da habe sich der Rabbi eine Antwort ausgedacht. Das Licht am ersten Tag meint, sagte er, dass Gott seinen Liebling Luzifer bat, die Erde zu bescheinen. Dann gab es den berühmten Streit, und Luzifer wurde in die Hölle gestoßen. Nun war es wieder dunkel, und nun schuf er die Sonne. Der Schüler sagte: Rabbi, das hast du erfunden! Ja, sagte der Rabbi und fragte den Schüler: Was ist der Unterschied zwischen finden und erfinden? Und gab selbst die Antwort: Erfinden ist finden in mir. Aber auch was in mir ist, kommt von Gott, ebenso wie alles, was außerhalb von mir ist.
Ich schweife ab. Ich meine, wenn ein Schriftsteller seine Leser an seiner Einbildungskraft – das Wort ist mir lieber als das Wort Fantasie – teilhaben lässt, dann öffnet er ihm einen Bereich – ich setze aus Verlegenheit unter Anführungszeichen – einen Bereich "innerer Metaphysik". Ich denke, wir können diesen Begriff ohne jeden Verlust mit Ihrem Begriff "Weltwahrnehmung" ersetzen. Ich plädiere dafür, die Weltwahrnehmung auf die gleiche Stufe wie Immanuel Kants Weltanschauung zu stellen!
Michael Köhlmeier und Jan-Heiner Tück im Gespräch bei der Wiener Poetikdozentur 2017
© Ruth Brožek
Tück: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9) ist die biblische Gegenerzählung zu Pfingsten. Die Menschen bauen den Turm, um den Himmel zu erobern – ein Projekt, das dann durch die Verwirrung der Sprachen vereitelt wird. Wie lesen Sie diese Geschichte?
Köhlmeier: Sie ist ja in der Bibel erstaunlich kurz, wenn man bedenkt, welchen Eindruck diese wenigen Zeilen auf die Kultur- und Kunstgeschichte des Abendlandes gemacht haben. Ich bin beunruhigt wegen dieser Geschichte. Weil die Sprachverwirrung auch aus der Eifersucht Gottes entspringt und aus seiner Furcht vor uns Menschen. Was sind wir für welche, wenn ein Gott auf uns eifersüchtig ist, wenn ein Gott sich vor uns fürchtet? Und umgekehrt: Was ist Gott für einer?
Kein Krieg! Keine Tragödien! Wenn es das ist, wovor uns die Geschichte vom Turmbau zu Babel warnen möchte, dann sollten wir diesen Gedanken, gerade weil er so widersinnig erscheint, ernst nehmen.
Andererseits liebe ich an der Bibel solche Widersprüche, Ungereimtheiten und Unberechenbarkeiten besonders, vor allem am Alten Testament. Dass Sprache uns eint, davon erzählt diese Geschichte. Aber auch, dass eine vereinte Menschheit nicht unbedingt etwas Gutes bedeutet. Dieser zweite Aspekt ist interessant. Für wen bedeutet diese Vereinigung etwas Nicht-Gutes? Für Gott? Als ein am Glauben zweifelnder Nicht-Theologe darf ich Gott als eine Metapher nehmen. Aber wofür steht sie? Wogegen stellt sich eine vereinte Menschheit? Gegen sich selbst? Was bedeutet "vereint"? Wenn wir uns einig sind, heißt das, wir haben alle Widersprüche beseitigt?
Sich einig zu sein, das haben wir doch gelernt, heißt, nicht zu streiten. Das kann doch nur gut sein. Daran arbeiten wir doch seit vielen tausend Jahren. Kein Krieg! Keine Tragödien! Wenn es das ist, wovor uns die Geschichte vom Turmbau zu Babel warnen möchte, dann sollten wir diesen Gedanken, gerade weil er so widersinnig erscheint, ernst nehmen. Sollen wir über uns denken: Ohne Streit ist ein Menschenleben ebenso unmöglich wie mit Streit? Wenn der Streit ein Teil der menschlichen Bedingung ist, dann sollten wir ihn pflegen, ihn kultivieren. Die Kunst, die Literatur tut das seit ihrem Beginn.
"Inspiration ist die Gotteserfahrung des Künstlers"
Tück: In der Literatur selbst scheint Pfingsten nur selten ausdrücklich Thema zu werden. Der Roman "Das Pfingstwunder" von Sibylle Lewitscharoff ist hier vielleicht eine Ausnahme. Erfahrungen der Inspiration oder die Überwindung einer Sprachkrise spielen aber sehr wohl eine Rolle. Sie selbst haben bei der Wiener Poetikdozentur einmal erzählt, dass Sie bei intensiven Schreibprozessen immer wieder einmal die Erfahrung eines Umschlags machen: "Nicht mehr ich schreibe, sondern es schreibt in mir und durch mich." Was ist dieses "es", das da die Feder übernimmt? Wie deuten Sie das?
Köhlmeier: Ja, das macht religionsfernen Dichtern arges Kopfzerbrechen! Die Inspiration. Was ist das überhaupt? Woher kommt sie? Wie merke ich, dass sie da ist? Jeder, der auch nur eine oder zwei Seiten schreibt, wird feststellen, dass er nicht punktgenau dort landet, wo er landen wollte. Die Sprache selbst übernimmt das Kommando. Sagt man dann. Habe ich auch oft genug gesagt. Aber das ist ein Drumherumreden. Ich habe die Inspiration immer als etwas empfunden, das über mich kommt. Wie die Pfingstzungen. Als junger Autor traute ich mich nicht, das zuzugeben, hätte mich nie getraut, das so zu formulieren.
Inspiration ist die Gotteserfahrung des Künstlers. Ich gebe Joseph Beuys recht, wenn er sagt, jeder Mensch ist ein Künstler. In der Kunst ahmt sich der Mensch als Schöpfer nach. Bitte, richtig zu verstehen: Er ahmt nicht Gott nach, er ahmt sich selbst als Schöpfer nach. Gott hat uns, folgen wir der Bibel, als sein Ebenbild geschaffen. Wir haben das vergessen und vergessen es immer wieder und müssen es vergessen in den Anforderungen des Tages, wenn wir im Schweiße unseres Angesichts unser Brot essen. Aber manchmal finden wir den Weg zurück ins Paradies, wo wir nichts anderes waren als sein Ebenbild. Dann erinnern wir uns an diesen glückseligen Zustand, dann ahmen wir uns als Bewohner des Paradieses nach. Dann sind wir im Zustand der Inspiration.
Ich hatte mein ganzes Leben lang eine enge Verbindung zum Gebet. Der Rosenkranz hat mir immer viel bedeutet. Ich denke inzwischen, das Gebet sucht sich selbst den Adressaten, ich brauche keine Adresse draufzukleben.
Tück: Das "Es", das bei inspiriertem Schreiben die Feder führt, ist für Gläubige ein "Du", das angerufen werden kann: "Komm, Schöpfer Geist – Veni, Creator Spiritus". Der Pfingst-Hymnus übt auch auf am Glauben zweifelnde Nicht-Theologen eine anhaltende Faszination aus. Goethe hat ihn übersetzt, Mahler hat ihn in der Achten vertont. Wie wirkt dieser Hymnus auf Sie?
Köhlmeier: Bleiben wir wieder beim Wort. Diesmal "Anrufung." – Was ist enthalten in dem Wort? Was schwingt mit? Ich interpretiere frei nach meinem Sprachgefühl: Es ist ein Flehen, aber auch der Hauch eines Befehls. Es ist nicht die absolute Selbstaufgabe eines Hiob, nicht die unterwürfige Bitte. Ein winziges Beharren auf ein nicht näher bestimmtes Recht ist es auch – ich rufe an, habe also ein Recht gehört zu werden. Wenn gar keine Möglichkeit besteht, dass ich Antwort erhalte, dann ist Anrufung sinnlos, eigentlich eine Narretei. Und: Ich weiß, wen ich anrufe.
"Eine Berufung auszuschlagen wäre eine Narretei"
Eine andere Verbindung des Wortes über ein Präfix: "Berufung." Wieder meine Interpretation: Bei der Berufung werde ich gerufen, die Korrespondenz wird also umgekehrt. Wenn ich sage, "dies ist meine Berufung", dann räume ich ein, dass sich jemand an mich gewendet hat. Ohne mein Wissen vielleicht, vielleicht ohne, dass ich ihn darum gebeten habe. Es ist eine Gnade, berufen zu werden. Aber in der Berufung ist wieder ein Befehl enthalten. Nun aber wird mir befohlen. "Stell dein Talent nicht unter den Scheffel!" Die Berufung dient nicht in erster Linie mir, sondern einem "höheren" Zweck. Johann Sebastian Bach hat seine Berufung gesehen als einen Auftrag, Gott zu loben. Die Baumeister des Kölner Doms wohl ebenso. Auch Michelangelo, als er die Sixtinische Kapelle ausgemalt hat. Zur Ehre Gottes! Der Künstler dient. Er ehrt. Er wird berufen. Wer ihn beruft, das weiß er oder weiß er nicht, es spielt eigentlich keine Rolle.
Auch Picasso wurde berufen – als besonders fromm oder gottgläubig hat er nicht gegolten. Auch der Gottesleugner Nietzsche ist berufen worden. Eine Berufung auszuschlagen ist nicht eine ehrwürdige prometheische Rebellion, es wäre wieder eine Narretei. Wenn ich singe "Komm, Schöpfer Geist ...", dann bitte ich darum, berufen zu werden. Berufen zu werden, ein Werk zu schaffen. Meine Bitte ist eine Form der "Anrufung". Wenn die Anrufung an Gott gerichtet wird, dann ist sie ein Gebet. – So meine Auslegung des Wortes "Berufung". Es ist eine subjektive Interpretation und nicht mehr. Ich muss das sagen, nachdem ich die letzten Zeilen durchgelesen habe, die unverzeihlich doktrinär klingen. Wie immer, wenn einer zur Definition anhebt ...
Ich hatte mein ganzes Leben lang eine enge Verbindung zum Gebet. Der Rosenkranz hat mir immer viel bedeutet. Ich denke inzwischen, das Gebet sucht sich selbst den Adressaten, ich brauche keine Adresse draufzukleben. Einen Gott zu denken, das geht weit über meine Fähigkeiten. Meister Eckharts Sentenz, alles, was wir über Gott denken, das ist er nicht, war mir immer einsichtig. Aber ich habe zugleich immer dem Gebet vertraut. Es ist schön zu beten, und es macht mich ruhig, wenn ich denke, das Gebet findet seinen Weg.