Ein Schiffsmast als KreuzDie christliche Deutung der Odyssee eröffnet einen Zugang zu Christopher Nolans vieldiskutierter Verfilmung

Ein "wokes" Griechenland auf der Leinwand? Mit der Rückkehr des Epos ins Kino verbinden sich Fragen nach Authentizität, Identitätspolitik und der richtigen Auslegung zeitloser Mythen für die Gegenwart. Eine in der Debatte vernachlässigte Spur führt dabei ins frühe Christentum.

Schauspieler Matt Damon als Odysseus in
Schauspieler Matt Damon als Odysseus in "THE ODYSSEY" von Christopher Nolan© Universal Studios. All Rights Reserved.

Selten wird ein Kinofilm bereits Monate vor seinem Erscheinen zu einem weltumspannenden Politikum. Schon gar nicht wäre daran bei der Verfilmung eines antiken Stoffes zu denken. Italienische Sandalenfilme aus der Ära von Steve Reeves und Co., aber auch jüngere Vertreter dieser Gattung wie Gladiator, 300 oder Wolfgang Petersens Troja – selbst wenn die Regie kritische Anklänge an die Gegenwart nahelegte, verschwanden diese für gewöhnlich hinter der opulenten Inszenierung.

Christopher Nolans Odyssee hat mit dieser Gewohnheit gebrochen. Bereits bei Bekanntwerden der ersten Trailer brach das Internet in einen Schrei der Entrüstung aus. Zankapfel war insbesondere das Casting von Lupita Nyong’o als schwarzer Helena und des Transmanns Elliot Page. Nolans Verfilmung, so eine Flut an Kommentaren, drohe zu einem "woken" und politisch korrekten Zerrbild des 3000 Jahre alten Epos zu werden. Mit der Realität, aber auch der Vorstellungswelt antiker Griechen zur Zeit des Dichters Homer seien Nyong’o als Helena, eine schwarze Göttin Athena und mehrere asiatische und schwarze Schauspieler in Nebenrollen unvereinbar.

Unter der (homerisch gesprochen) fragwürdigen "Aristie" (dem Hervortreten einzelner Helden im Krieg vor Troja) von Elon Musk wurde Nolans Odyssee als vom Hollywood-Establishment kalkulierte Verunglimpfung eines Gründungstexts westlicher Kultur auf Plattformen wie X mit Schmähungen überhäuft. Das brachte selbst Medien, die sich dezidiert als "anti-woke" verstehen, dazu, gegen diese hysterischen Beschwörungen eines cineastischen "Untergangs des Abendlandes" Stellung zu beziehen.

"Die Hegemonie der woken Linken ist längst gebrochen. Man möchte hoffen, dass Nolans neuer Film auch die woke Rechte blamiert. Beide nerven. Bis zum Filmstart können die Streithähne weiter Homer lesen, um zu belegen, dass sie und nicht die anderen im Recht sind. Das schadet nie",

stöhnte Marc Felix Serrao in der WELT – und er sollte, wie in der Odyssee der Seher Teiresias, mit seinen prophetischen Worten recht behalten: Noch in der Woche des Kinostarts und, wie man vermuten darf, darüber hinaus diskutierte die kulturbeflissene Rechte darüber, ob Nolan mit seinem star-gespickten Ensemble eine begrüßenswerte Aktualisierung kanonischen Kulturguts oder doch einen identitätspolitisch fixierten Flop vorlegen würde.

Die ungebrochene Faszination des Epos

Mitunter kam es bei dieser Neuentdeckung des epischen Textes, der in einer selbst den antiken Griechen nicht ohne Weiteres verständlichen Sprache überliefert wurde, zu kuriosen Volten. Der Romancier Volker Zierke etwa, sonst mit dem Hammer gegen jede Idee eines Literaturkanons polemisierend, legte dem Unterstützer eines Boykottaufrufs nahe, doch einmal die eigenen Authentizitätsansprüche gegenüber dem Film durch Angabe konkreter Stellen aus der Odyssee zu stützen, und zog sich damit den Unmut der eigenen Szene zu.

Jede Epoche erkennt in der Odyssee auf eigene Weise ihr Spiegelbild. Gerade diese lebendige Pluralität möglicher Perspektiven macht Homers Epen zu historisch prägenden Stoffen.

Dass sich also quer über alle politischen Einstellungen hinweg Interesse am Epos regt, ist erfreulich. Denn die über 12000 Verse umfassende Odyssee stellt zusammen mit der Ilias nicht nur das älteste Literaturzeugnis Europas dar. Beide Texte bieten auch heute noch eine eindrucksvolle und fesselnde Lektüre. Die Aufregung um Nolans Version belegt, dass eine Generation, die als Kinder im Videospiel "Age of Mythology" Skylla und Charybdis oder die Sirenen noch auf dem Bildschirm bekämpfte (in bildungsbürgerlichen Haushalten soll wohl auch noch Gustav Schwabs "Sagen des klassischen Altertums" gelesen worden sein), jetzt in ihren 20ern und 30ern ein gereiftes Interesse am dichterischen Ursprung dieser zeitlosen Geschichten zeigt – zeitlos nicht nur hinsichtlich ihres Sagengehalts, sondern auch ihrer Erzählweise.

Nolans Endprodukt, soviel sei an dieser Stelle gesagt, wird zum Reiz der homerischen Mythen auf die Gegenwart eher noch beitragen. Jede Epoche erkennt in der Odyssee auf eigene Weise ihr Spiegelbild. Gerade diese lebendige Pluralität möglicher Perspektiven macht Homers Epen zu historisch prägenden Stoffen. Die eingefügte Drohkulisse der zivilisationsfeindlichen Seevölker, die Aneignung von Handelswegen anstelle des Raubs der Helena als Motiv des Krieges gegen Troja – das sind Themen, die nun eben in Nolans Bearbeitung der Irrfahrt des Odysseus auf dem Heimweg nach Ithaka Eingang gefunden haben.

Wo Rechte und Linke scheitern

Es bleibt dennoch kein Zweifel, dass hier eine enorme Detailtiefe und eine klare Orientierung an der homerischen Dichtung vorliegen. Wer die bildgewaltige Adaption daher allein anhand ihres (gar nicht so sehr) multiethnischen Casts beurteilt, verkennt, dass gerade Homers Erzählung Gefallen daran findet, die Vielfalt all des in Troja kämpfenden Kriegsvolks, und nicht zuletzt die verwandtschaftlichen Bande, die zwischen den Feinden auf persönlicher Ebene fortbestehen, zu schildern.

Anstatt sich in Authentizitätsdebatten um ein Epos zu verlieren, sollten Auseinandersetzungen mit dem Film und seiner antiken Folie sinngebende Lesarten für die Gegenwart entwickeln.

Eine kulturkämpferische Polarisierung kann durch den Film also kaum befeuert werden, so sehr mitunter auch "woke" Akteure (etwa die Rezension der "Vanity Fair") eine solche Provokation für die Gegenseite konstruieren wollen. Anstatt sich in Authentizitätsdebatten um ein Epos zu verlieren, dessen genaue Entstehungszeit nicht unumstritten ist, sollten Auseinandersetzungen mit dem Film und seiner antiken Folie sinngebende Lesarten für die Gegenwart entwickeln.

Wo Rechte wie Linke scheitern, kann dabei der Hinweis auf die lange Traditionslinie der christlichen Odyssee-Deutung von Interesse sein. Denn im Schoß der Kirche, von Clemens und Tertullian bis hin zu Simone Weil, haben die homerischen Epen Anlass zu einem intensiven Dialog mit den in ihnen beschriebenen Höhen und Tiefen des Menschseins gegeben und ihre dauerhafteste Nachwirkung entfaltet.

Das heilbringende Schiff der Kirche

Hugo Rahner (1900-1968), der zu Unrecht unbekanntere Bruder des Konzilstheologen Karl Rahner, hat in seinem Buch Griechische Mythen in christlicher Deutung die immense symbolische Bedeutung der Odyssee für die Lebensauffassung der Antike dargestellt, die in die Vorstellungswelt der Kirchenväter einfloss:

Die Heimfahrt des Odysseus verkörperte für antike Heiden wie Christen die "todesgefährliche und zugleich in den Hafen der Heimat führende Seefahrt des Lebens. Das dialektische Nebeneinander von Tod und Leben, von Gefahr und Sieg, ist nun aber vor allem das fruchtbare Moment in der Auslegung, deren sich die christliche Symbolik bedient, um die tiefsten Wahrheiten der Kirche und der begnadeten Seele anzudeuten."

Dieser "christliche Humanismus" setzte an den drängenden Leerstellen in den mythologischen Reflexionen über die Herausforderungen der menschlichen Existenz an. Die Verheißung des Glaubens sprengt die trostlosen Beschränkungen eines auf seine Schwäche und das zufällige Wirken der Götter in der Welt zurückgeworfenen Menschen auf.

Das christliche Amalgam aus Offenbarung und Odyssee knüpft dort an, wo auch in Nolans Film die Verzweiflung überhandzunehmen scheint. Odysseus‘ Fahrt in die Unterwelt zeigt die beklemmende Tristesse der antiken Statusgesellschaft, in der allein eine würdige Bestattung Individualität nach Tod verleiht, sich keine Seele auf eine transzendentale Hoffnung stützen kann. Der Film malt die Szenerie in düstersten Tönen. Bei Abfahrt leuchtet eine einzige Lampe auf dem Schiff – dem Schiff des Odysseus, das für die Christen das heilbringende Schiff der Kirche war, das Heil "gegründet auf den Mastbaum des Kreuzes." Der Mastbaum, an den sich Odysseus später binden lässt, um nicht, durch den Gesang der Sirenen verführt, auf die Klippen zuzuhalten.

Vielleicht gibt es in Wirklichkeit keinen authentischeren Zugang zur Welt der Odyssee als den über ihre Verflechtung mit dem Denken der Kirche.

Nolan hält bei der Vorbeifahrt die zunächst entzückende, dann unermesslich schmerzhafte Erfahrung des Gesangs fest, in der Odysseus anschließend das unerträgliche Bewusstsein um die Vergänglichkeit erkennt. Rahner zeichnet nach, wie die frühe Kirche hier im Helden der Odyssee ein Bild des glückenden Christenlebens schlechthin erblickte: "Die Versuchung der Sirenen war lustentbindende Freiheit, die in Verderb endet – die siegende Freiheit des Odysseus liegt in seinem Gebundensein an den Mastbaum." Ebenso wenig sind es die weltverhafteten Weisen, "die ins Vaterland des Geistes heimkehren, obgleich sie mit scharfen Augen hinüber an die seligen Küsten blicken, sondern der demütige Christ, der den Mastbaum seines Schiffes umklammert, auch wenn er selber nur schwache Augen hat."

Ein heidnisches Traumdeutungsbuch spricht vom für Seefahrer glückverheißenden Traum einer Kreuzigung: "denn das Kreuz sowohl als das Schiff bestehen aus Holz und Nägeln, und der Mastbaum am Schiff gleicht dem Kreuz." Vielleicht gibt es in Wirklichkeit keinen authentischeren Zugang zur Welt der Odyssee als den über ihre Verflechtung mit dem Denken der Kirche. Sie ist nach Rahner "die allein heute noch jugendlich lebende Antike". In den Deutungen des so aktuellen Stoffes durch ihre Lehrer und Dichter besitzt sie einen großen Schatz – er könnte der Gegenwart nützlich sein.

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