Es scheint also, als würde die "Sonntagspflicht" nur von einem sehr kleinen Teil der Gläubigen ernst genommen. In jenen lang zurückliegenden Jahren, als ich katholisch erzogen wurde, verstand sie sich von selbst.

In den Jahren der Corona-Pandemie haben einige deutsche Bistümer per Anschlag an den Kirchentüren bekannt gegeben, dass die "Sonntagspflicht" aufgehoben sei. Nicht wenige Katholiken werden zunächst gestutzt und dann sich vielleicht daran erinnert haben, dass der sonntägliche Kirchgang zu den katholischen Pflichten gehört.

Ich jedenfalls hatte meinen Katechismus nicht gelesen oder vergessen und wusste nicht, dass im Gesetzbuch der Kirche, im Codex Iuris (CIC) zu lesen steht: "Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Messfeier verpflichtet" (CIC 1247).

Ich weiß nicht, wie viele Katholiken es gibt, denen diese Vorschrift bewusst ist. Einer neueren Statistik zufolge besuchen 6,8 Prozent der Kirchenmitglieder die Sonntagsmesse. Es scheint also, als würde die "Sonntagspflicht" nur von einem sehr kleinen Teil der Gläubigen ernst genommen. In jenen lang zurückliegenden Jahren, als ich katholisch erzogen wurde, verstand sie sich von selbst. Dass man sonntags in die Kirche ging, bedurfte keiner Begründung, es war einfach so.

Meine Tante, die nicht nur fromm, sondern auch gebildet war, besaß eine Menge Bücher, aus denen sie mir manchmal vorlas. Darunter waren auch Erzählungen von Peter Rosegger. Er stammte aus der Steiermark und lebte von 1843 bis 1918. Heute ist er wahrscheinlich nur noch wenigen bekannt, doch ehemals war sein Buch "Als ich noch der Waldbauernbub war", erschienen 1902, katholischen Lesern ein Begriff.

Die Schilderung der sonntäglichen Gottesdienstbesuche, wo man sich viele Stunden lang zur nächsten Kirche mühte, im Winter oft durch Eis und Schnee, hatte sich mir tief eingeprägt. Einmal trifft der 12-jährige Peter einen Nachbarn und erzählt ihm, dass die Familie heute am Weihnachtstag gemeinsam nach Kathrein wandere, um dort die Christnacht zu feiern. "Um zehn Uhr abends gehen wir vom Haus fort, und um drei Uhr früh sind wir wieder daheim." Der Nachbar wundert sich und sagt: "Na, hörst du, da gehört viel Christentum dazu. So viel Christentum hab ich nicht."

Auch ich wunderte mich, und als meine Tante mir erklärte, dass die Kirchen damals nicht geheizt waren, stieg der Waldbauernbub in meinem Ansehen, zumal ich daran denken musste, dass mein Fußweg zur Kirche, die im Winter gut geheizt war, fünf Minuten dauerte. Wenn ich dann einmal in der Woche zur Frühmesse musste, um dort als Ministrant zu dienen, dachte ich zuweilen an Roseggers Erzählung, und schon kam mir das frühe Aufstehen erträglicher vor.

Die Neubauten der Kirchen besaßen gute Heizungen, und die Altbauten wurden oft aufwendig modernisiert. Der Gedanke, dass der Besuch einer heiligen Messe mit Entsagung verbunden sei, war allmählich unverständlich geworden.

Die fromme Askese, von der Rosegger berichtet, verstand sich schon in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr von selbst. Die Neubauten der Kirchen besaßen gute Heizungen, und die Altbauten wurden oft aufwendig modernisiert. Der Gedanke, dass der Besuch einer heiligen Messe mit Entsagung verbunden sei, war allmählich unverständlich geworden.

Buße und Feier

Er ist ja nicht leicht zu begründen. Warum soll die "Sonntagspflicht" nicht eine schöne Pflicht sein dürfen? Muss der Kirchgang einem Bußgang gleichen? Wahr ist, dass die Heilige Messe beides repräsentiert: sowohl die Buße als auch die erhebende Feier. Die Gläubigen bitten um Vergebung für ihre Sünden, und zugleich feiern sie die Auferstehung mit der Akklamation "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit."

Dass die "Sonntagspflicht" keiner Begründung bedarf, darüber hat der schwedische Regisseur Ingmar Bergman nachgedacht. Er war der Sohn eines lutherischen Pastors. In seiner Autobiografie "Mein Leben" (1987) erzählt er, wie er mit seinem alten Vater an einem Wintertag einen Gottesdienst besucht. Der Pfarrer tritt vor die Gemeinde und erklärt, er habe Fieber und könne den Gottesdienst nur in einer Kurzform abhalten, ohne Abendmahl. Bergmans Vater ist empört, humpelt nach vorne, legt die Gewänder an und feiert den Gottesdienst in voller Länge. Bergman schreibt, er habe dies als Bestätigung einer Regel empfunden, "die ich immer befolgt habe: Was auch geschieht, du musst deinen Gottesdienst halten. Das ist wichtig für die Besucher, für dich aber noch wichtiger. Ob es auch für Gott wichtig ist, muss sich zeigen. Wenn es keinen anderen Gott gibt als deine Hoffnung, ist es auch für den Gott wichtig."

Kürzlich waren wir wieder einmal in der englischen Messe unserer Gemeinde. Meinem Eindruck nach nimmt die Zahl der Besucher stetig zu. Überwiegend sind es Migranten aus der ganzen Welt, Schwarze, Inder, Filipinos. Eine Musikantengruppe mit Gitarre und Streichern stimmt die Lieder an, die Gemeinde singt nach Kräften mit, und sofort verbreitet sich eine festliche, feiertägliche Stimmung, die irgendwelche Fragen nach einer "Sonntagspflicht" gar nicht erst aufkommen lässt.

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