Die Bibliothek von BabelMit Jorge Luis Borges gegen den KI-Hype

Ein Text des argentinischen Schriftstellers aus dem Jahr 1941 zeigt: Würde man die Totalität des menschlichen Wissens aller Zeiten zusammentragen – das Ergebnis bliebe doch unvollkommen, fehlerhaft, missverständlich.

Pieter Bruegel der Ältere (1526/1530–1569): Der Turmbau zu Babel
Pieter Bruegel der Ältere (1526/1530–1569): Der Turmbau zu Babel© gemeinfrei/Wikimedia Commons

Einer der erstaunlichsten Schriftsteller, die je gelebt haben, ist der Argentinier Jorge Luis Borges. Er wurde 1899 in Buenos Aires geboren und starb 1986 in Genf. Zu Lebzeiten war er eine legendäre, von vielen Schriftstellerkollegen hochgeschätzte Gestalt. Seine Essays sind Meisterwerke des Scharfsinns, seine Erzählungen gleichen faszinierenden Rätseln, seine Gedichte sind von geheimnisvoller Schönheit. Schon im Alter von etwa fünfzig Jahren ist Borges nach und nach erblindet, vermochte es gleichwohl mithilfe von Freunden bis ins hohe Alter zu publizieren.

Zu seinen berühmtesten Prosastücken gehört "Die Bibliothek von Babel" (1941). Es handelt sich dabei nicht eigentlich um eine Erzählung, sondern um den sachlichen Bericht eines dort beschäftigten Bibliothekars. Ihm zufolge existiert die Bibliothek seit Ewigkeit, woraus er schließt, dass sie auch in Ewigkeit bestehen wird. Ihr Grundelement sind sechseckige Räume, die relativ genau beschrieben werden. Ihre Zahl ist unendlich, die der Bücher folglich ebenfalls. Niemand kennt sie vollständig, einerseits, weil ihre Menge zu groß ist, andererseits, weil nicht wenige unverständlich geworden sind – sei es, weil ihre Sprache in Vergessenheit geraten, sei es, weil das Wissen, auf dem sie beruhen, verloren gegangen ist.

"Als verkündet wurde, dass die Bibliothek alle Bücher umfasse, war der erste Eindruck ein überwältigendes Glücksgefühl. Alle Menschen wussten sich Herren über einen unversehrten und geheimen Schatz."

Doch als sich zeigte, dass die Bibliothek auf wichtige Fragen nur unzureichende oder widersprüchliche Antworten zu enthalten schien, sagten einige Puristen,

"zuallererst müssten die überflüssigen Bücher ausgemerzt werden. Sie brachen in die Sechsecke ein, zeigten nicht immer falsche Beglaubigungsschreiben vor, blätterten verdrossen in einem Band und verdammten ganze Regale."

Der Schaden allerdings, den sie anrichteten, war überschaubar, denn "die Bibliothek ist so gewaltig an Umfang, dass jede Schmälerung durch Menschenhand verschwindend gering ist."

Gleich zu Beginn wird gesagt, dass die Bibliothek eigentlich nichts anderes sei als das Universum: Sie bildet die Totalität des menschlichen Wissens ab, des vergangenen wie des zukünftigen. Es heißt:

"Der Mensch, der unvollkommene Bibliothekar, mag ein Werk des Zufalls oder böswilliger Demiurgen sein; das Universum, so elegant ausgestattet mit Regalen, mit rätselhaften Bänden, mit unerschöpflichen Treppen für den wandernden und mit Latrinen für den sesshaften Bibliothekar, kann nur ein Werk Gottes sein."

Fahrlässiger Optimismus

Dieses Werk aber ist ambivalent. Wir dürfen nicht vergessen: Das Projekt heißt "Die Bibliothek von Babel", und "Babel" ist die Chiffre des Scheiterns. Die Menschen wollten Gott übertreffen. Es misslang.

Und wenn wir die babylonische Bibliothek im Sinn von Borges weiterdenken, kommen wir zu dem Schluss, dass der Optimismus, der das Phänomen KI begleitet, fahrlässig ist. Denn die Quellen der Bibliothek, wie Borges sie schildert, sind keineswegs zuverlässig: Teilweise sind sie verderbt, teilweise unlesbar, teilweise unverständlich oder missdeutbar.

Der Bibliothekar, von dem dieser Bericht stammt, ist ein schon älterer Mann, der auf sein Leben zurückblickt:

"Vielleicht trügen mich Alter und Ängstlichkeit, aber ich vermute, dass die Gattung Mensch – die einzige, die es gibt – im Aussterben begriffen ist, und dass die Bibliothek fortdauern wird: erleuchtet, einsam, unendlich, vollkommen unbeweglich, gewappnet mit kostbaren Bänden, überflüssig, unverweslich, geheim."

Der Bericht endet mit einer Fußnote, in der die Möglichkeit erwähnt wird, dass ein einziges Buch die ganze Bibliothek ersetzen könnte, vorausgesetzt, "es bestünde aus einer unendlichen Zahl unendlich dünner Blätter". Auch dieses Buch hat Borges beschrieben: in seiner Erzählung "Das Sandbuch". Viele seiner Texte sind Gleichnisse, Sinnstücke, Parabeln. Die Möglichkeiten ihrer Deutung gehen ins Unendliche.

Jorge Luis Borges entstammte einer vermögenden und namhaften Familie. Die Großmutter mütterlicherseits kam aus England und besaß eine ausgedehnte Bibliothek, die der junge Leser verschlang. Einige Jahre seiner Kindheit verbrachte er in der Schweiz. Er beherrschte Deutsch, Französisch, Englisch und natürlich Spanisch, seine Bildung war immens.

Als er 1955 Direktor der argentinischen Nationalbibliothek wurde, bemerkte er dazu: Dass Gott ihm "mit großartiger Ironie" gleichzeitig die Bücher (also die Bibliothek) und die Nacht (also die Blindheit) geschenkt habe, sei ein Zeichen seiner Herrschaft und weder ein Anlass, darüber Tränen zu vergießen noch ihn dafür zu tadeln.

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