Der Patriarch – ein Ministrant des Kremls: Wider eine politische Theologie, die Präsident Putin zum Werkzeug der Vorsehung stilisiert

Wenn Patriarch Kyrill Putin zum Werkzeug göttlicher Vorsehung verklärt, wird politische Theologie zur Ideologie der Macht. Der Kreml erscheint als Bollwerk gegen das Böse, der Angriffskrieg als heilige Mission. So pervertiert Kyrill den Glauben zur theologischen Legitimation von Gewalt.

Patriarch Kyrill I. im Gespräch mit Wladimir Putin
© patriarchia.ru / Website des Moskauer Patriarchats

Wenn Patriarch Kyrill Präsident Putin bescheinigt, er führe sein Land "durch die Vorsehung Gottes", wird aus politischer Macht eine göttliche Mission. Und aus der Kirche eine Art Weihrauchabteilung des Kremls. Kyrill scheint jedenfalls überzeugt, dass Wladimir Putin nicht nur die Geschicke Russlands lenkt, sondern dabei auch himmlischen Beistand genießt. Der Präsident stärke den Staat, schütze die traditionellen Werte und bewahre das spirituelle Erbe – so liest sich die Grußadresse zum 74. Geburtstag Putins am 7. Oktober wie ein Heiligsprechungsverfahren noch zu Lebzeiten.

Schon im Mai 2022 hatte Papst Franziskus den Patriarchen in einem Videogespräch mit unüberhörbarer Deutlichkeit gewarnt: Kyrill dürfe nicht zum "Ministranten Putins" verkommen – eine Warnung, die in Moskau offenbar weniger Gehör fand als die Wünsche des Kremls an die Russisch-Orthodoxe Kirche. Denn wer die Politik eines Machthabers, der Krieg führt, mit göttlicher Vorsehung adelt, betreibt keine prophetische Kritik mehr, sondern religiöse Hofberichterstattung und missbraucht den heiligen Gottesnamen.

Wer sich aber selbst zum Bollwerk gegen das Böse erklärt, muss die eigene Politik kaum noch rechtfertigen: Er handelt ja angeblich im Auftrag der Vorsehung. Kyrill liefert den Weihrauch, Putin die Macht – und Dugin das apokalyptische Drehbuc

Die ideologische Tiefenschicht dieser unheiligen Allianz reicht bis zu Alexander Dugin. Der russische Ideologe identifiziert Russland mit dem Katechon – jener Macht, die nach christlicher Endzeitvorstellung das Auftreten des Antichristen aufhält. Dabei knüpft er an Carl Schmitts politische Theologie an, die mit klaren Freund-Feind-Unterscheidungen operiert. So wird aus dem russischen Staat eine heilsgeschichtliche Ordnungsmacht und aus geopolitischen Machtansprüchen ein dramatischer Endkampf zwischen Gut und Böse. Wer sich aber selbst zum Bollwerk gegen das Böse erklärt, muss die eigene Politik kaum noch rechtfertigen: Er handelt ja angeblich im Auftrag der Vorsehung. Kyrill liefert den Weihrauch, Putin die Macht – und Dugin das apokalyptische Drehbuch.

Unheilige Allianz von Altar und Thron

Besonders zynisch wirkt diese geistliche Schützenhilfe angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Kyrill hat erklärt, der Tod von Soldaten, die ihre Pflicht erfüllen, könne ihre Sünden abwaschen. Damit erhält selbst der Tod im Krieg einen vermeintlichen Heilswert. Auch die Segnung von Waffen durch Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche zeigt, wie eng religiöse Symbolik und militärische Macht miteinander verwoben sind. Während unschuldige Zivilisten sterben, mahnt die Kirche nicht mit Nachdruck zur Umkehr und zum Frieden, sondern verschafft dem Kreml eine theologische Blankolizenz für den Krieg.

Die unheilige Allianz von Altar und Thron ist keine göttliche Ordnung, sondern ein Geschäft wechselseitiger Interessen: Der Kreml erhält den Segen von oben, die Kirche profitiert von der Nähe zur Macht und von staatlichen Zuwendungen. Doch wer den Präsidenten zum Werkzeug der Vorsehung stilisiert, macht Gott zum Komplizen einer Politik, für deren blutige Folgen er nicht verantwortlich ist. Vielleicht sollte sich Kyrill an Franziskus' Warnung erinnern: Ein Patriarch sollte nicht dem Herrscher dienen, sondern dem Evangelium – und gerade daraus eine politische Theologie entwickeln, die der Macht dann widerspricht, wenn sie militärische Operationen zur göttlichen Mission erklärt.

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