Eine der merkwürdigsten Beobachtungen, die man an den sogenannten Epstein Files diskutieren sollte, lautet nicht, wer darin vorkommt, sondern wer nicht. Politiker, Stars, Milliardäre, Militärs, Ökonomen, Akademiker. Es sind Vertreter jener Eliten also, die heute reale Macht ausüben oder von ihr profitieren – von Bill Clinton über Bill Gates bis Noam Chomsky. Auffällig abwesend sind hingegen bisher katholische Priester, Bischöfe oder andere kirchliche Würdenträger.
Nun könnte man natürlich vermuten, dass die Kirchenleute fehlten, weil sie mit einem Mann wie Epstein einfach nichts zu tun haben wollten. Doch auch auf den Listen mit Absagen zu Einladungen fehlt jede Spur von ihnen. Selbst eine Figur wie der später wegen sexueller Übergriffe aus dem Klerikerstand entlassene US-Kardinal Theodore McCarrick, der sich in höchsten gesellschaftlichen, politischen und diplomatischen Kreisen bewegte, taucht in den Epstein Files nicht auf. Ist diese Leerstelle ein Zufall?
Natürlich: Wer der Kirche verbunden ist, darf erleichtert aufatmen. Und doch kann die völlige Abwesenheit von Klerikern in den elitären Zirkeln um Epstein auch als Ausdruck eines tieferliegenden Strukturwandels gedeutet werden: nämlich des geopolitischen Bedeutungsverlustes der katholischen Kirche. Wenn die globale Elite bei Epstein ein- und ausging, dann gehört die katholische Kirche offensichtlich nicht dazu.
Im Kalten Krieg war die Kirche ein geopolitischer Faktor
Während des Kalten Krieges verfügte der Vatikan über eine besondere Form struktureller Macht. Diese beruhte nicht auf Waffen, Kapital oder Geheimdiensten, sondern auf der Fähigkeit, Massenloyalität in geopolitisch sensiblen Räumen zu mobilisieren. Das prominenteste Beispiel ist Polen: eine tief katholische Gesellschaft unter kommunistischer Herrschaft, in der Kirche, Nation und Opposition eng miteinander verwoben waren. Mit Johannes Paul II. besaß der Vatikan nicht nur moralische Autorität, sondern realen Einfluss auf ein zentrales Spannungsfeld zwischen Ost und West. Die Kirche fungierte als Gegenöffentlichkeit, als institutionell verankerte Zivilgesellschaft – und damit als geopolitischer Faktor. Man denke auch in Deutschland an die Nennungen von katholischen Klerikern in Stasi-Akten.
Reste dieser alten Machtform finden sich bis heute in Ländern wie Kuba oder Venezuela, gleichsam als Nachhall des Kalten Krieges. Auch dort kann die Kirche noch eine vermittelnde oder stabilisierende Rolle spielen, weil sie gesellschaftlich tief verankert ist und staatlicher Macht zumindest partiell entzogen bleibt. Doch diese Konstellationen sind Ausnahmen. In der gegenwärtigen Weltpolitik verlaufen die entscheidenden Konfliktlinien anders.
In China hat die Kirche ihre spirituelle Souveränität preisgegeben
Besonders deutlich wird das am Beispiel China. Mit dem Abkommen zwischen Vatikan und Kommunistischer Partei, das dem Staat das letzte Wort bei der Ernennung von Bischöfen zugesteht, hat die Kirche einen Kernbereich ihrer spirituellen Souveränität preisgegeben. Historisch erinnert dies an den Kulturkampf im 19. Jahrhundert, als Preußen versuchte, kirchliche Personalpolitik staatlicher Kontrolle zu unterwerfen. Damals ging der Bischof von Limburg ins Exil, weil Rom diese Einmischung nicht akzeptierte. Heute hingegen wird ein vergleichbarer Eingriff aus pragmatischen Gründen hingenommen. Der Preis dafür ist hoch: Die Kirche wird von einem eigenständigen Akteur zu einem geduldeten Teil staatlicher Ordnung.
In vielen europäischen Ländern ist die Kirche finanziell, rechtlich und kulturell eng an den Staat gebunden. Das verschafft Stabilität, kostet jedoch Unabhängigkeit.
Diese Entwicklung ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters. In vielen europäischen Ländern – etwa Deutschland oder Österreich – ist die Kirche in wohlfahrtsstaatliche Strukturen eingebettet. Sie betreibt Krankenhäuser, Kitas, Pflegeheime, ist aber finanziell, rechtlich und kulturell eng an den Staat gebunden. Das verschafft Stabilität, kostet jedoch Unabhängigkeit. Wo die Kirche funktionalisiert wird, verliert sie ihre Fähigkeit zur politischen Störung – und damit ihre Relevanz als Machtfaktor.
In der identitätspolitischen Falle
Parallel dazu hat sich die Kirche in anderen Kontexten zum idealen Projektionsraum nationalistischer oder ethnokultureller Fantasien entwickelt.
Wer zur Chiffre nationaler Nostalgien wird, verliert den Anspruch auf transnationale Vermittlung.
In Teilen Osteuropas oder auch im westlichen Kulturkampf dient sie weniger als universale Institution denn als identitätspolitisches Symbol. Auch das schwächt ihre geopolitische Handlungsfähigkeit: Wer zur Chiffre nationaler Nostalgien wird, verliert den Anspruch auf transnationale Vermittlung.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die eingangs gestellte Frage. In einer Welt, in der Macht zunehmend über finanzielle Abhängigkeiten, Geheimdienste, Erpressbarkeit und informelle Netzwerke organisiert wird, ist die Kirche schlicht kein relevanter Knotenpunkt mehr. Jeffrey Epstein – auch mit Blick auf die abscheuliche und menschenverachtende Haltung, die sein Fall zeigt – steht sinnbildlich für eine Form von Einfluss, die moralische Autorität nicht braucht. Wo keine Macht zu kompromittieren ist, braucht es auch keine honey trap.
Es reicht nicht, "durchaus geschätzt" zu werden
Dass der Vatikan im Ukrainekrieg zwar Gespräche anbietet, aber politisch marginal bleibt, ist daher weniger Ausdruck diplomatischen Versagens als struktureller Ohnmacht. Sowohl die Ukraine-Gespräche als auch die Gaza-Gespräche führt man aktuell in Katar. Dieser Zwergstaat hat sich nämlich in den letzten Jahren zum power broker, einem mehr oder weniger neutralen Ort, etabliert, wo Diplomatie stattfinden kann. Wird das Emirat bald auch Genf ablösen? Die Kirche jedenfalls spricht noch – aber sie wird nicht mehr gehört oder ernst genommen, wenn es um harte Entscheidungen geht.
Da hilft es auch nichts, wenn sich manche Kirchenvertreter doch in Politik- und Wirtschaftskreisen noch "durchaus geschätzt" wissen wollen. Man braucht nicht "durchaus geschätzt" zu werden: Entweder man wird ernst genommen, weil man eine Form von Macht (auch wenn es nur die Macht der Neutralität oder der Diskretion wäre) anzubieten hat – oder eben nicht.
Die Kirche kann ihre traditionellen Ressourcen – Moral, Transzendenz, Massenbindung – nicht mehr in geopolitische Wirksamkeit übersetzen.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Angesichts der Missbrauchsskandale kann jeder Katholik nur erleichtert sein, dass Kirchenvertreter nicht Teil des Epstein-Netzwerks waren. Kardinäle auf Little Saint James – das hätte der Glaubwürdigkeit der Institution einen weiteren schweren Schlag versetzt.
Und doch markieren die Epstein Files einen Punkt, an dem eine der ältesten Machtinstitutionen der Welt in einer Ordnung angekommen ist, in der ihre traditionellen Ressourcen – Moral, Transzendenz, Massenbindung – nicht mehr in geopolitische Wirksamkeit übersetzt werden können. Die offene Frage bleibt, ob diese Preisgabe von Unabhängigkeit reversibel ist. Oder ob die Kirche sich dauerhaft zwischen staatlicher Vereinnahmung und symbolischer Bedeutungslosigkeit eingerichtet hat.