Es gibt Bücher, die man gegen ihre Autoren verteidigen möchte. Communion von J.D. Vance gehört zu ihnen. Es ist zugleich ein abgründiges Dokument.
Denn das Merkwürdige an diesem Buch ist nicht sein politisches Programm. Das ist vorhersehbar, auch wenn es sich kaum mit Vances politischer Realität deckt. Communion thematisiert vielmehr ein Bedürfnis, das man verstehen lernen sollte.
Im dritten Kapitel zitiert der Vizepräsident einen Artikel des New York Times-Journalisten Ross Douthat, der 2018 über die Sehnsucht nach Politikern vom Schlage eines George Herbert Walker Bush schrieb. In seinem Essay "Why We Miss the WASPs" behauptete Douthat, die Klasse der White Anglo-Saxon Protestants, zu der die Bush-Familie zweifellos gehört, habe das öffentliche Amt aus Pflichtbewusstsein angestrebt: noblesse oblige.
Dies habe ihm, Vance, dem Veteranen des U.S. Marine Corps und Yale-Absolventen, den einige Kommilitonen einen Karrieristen nannten, eingeleuchtet: Das Land brauche nicht einfach neue politische Ansätze und Ideen. Vielmehr bedürfe es einer Bewegung, die auf die Stärkung des persönlichen und nationalen Charakters zielt.
Nimmt man das Buch religiös ernst, möchte J.D. Vance mit Communion eine als Memoir getarnte Tugendlehre präsentieren; oder zumindest die Suche nach einer Erneuerung des Charakters.
Von der Gemeinschaftsform, in der Vance diesen Charakter zu erneuern hofft, handelt Communion. Finding My Way Back to Faith. Schon die Form des Buches ist fürs Katholische untypisch, ja fremd. Persönliche Bekehrungsberichte sind nicht unbedingt eine katholische Gattung. Dafür gibt es die Hagiografie. Dagegen gehören solche Bekenntnisse zum festen Repertoire evangelikaler und charismatischer Veranstaltungen.
Nimmt man das Buch religiös ernst, möchte J.D. Vance mit Communion eine als Memoir getarnte Tugendlehre präsentieren; oder zumindest die Suche nach einer Erneuerung des Charakters – trotz vergifteter Böden, trotz der Enttäuschungen und trotz zahlreicher gescheiterter Versuche, etwa evangelikaler Bewegungen, dies auf religiösem Weg zu leisten.
Vance schildert die Enttäuschung der Generation X, der größten Wählerkohorte der USA, über ein Land, das im Zuge der Globalisierung die eigene Identität aus den Augen verloren und sich nach 9/11 jahrzehntelang in sinnlosen Kriegen aufgerieben habe; ein Land, das sich dabei selbst entstellt und jedes Gefühl für Stolz und Selbstachtung verloren habe.
Communion ist nicht die inzwischen erwartbare Erzählung vom Aufstieg eines Jungen aus schwierigen Verhältnissen in die amerikanische Elite. Es ist auch nicht nur die Suche nach neuen Anfängen. Überraschend ist vielmehr die Ernsthaftigkeit, mit der Vance – als Vizepräsident – eine religiöse Frage stellt, die in der westlichen Politik nahezu verschwunden ist: Wie wird ein Mensch tugendhaft? Wie kann jemand, dessen Kindheit auf kontaminiertem Grund stattfand, selbst Vater werden und seinen Kindern etwas anderes weitergeben als die Beschädigungen, die er empfangen hat?
Bekehrungen
Gerade deshalb ist Communion mehr als eine politische Autobiografie. Es ist der Versuch einer moralischen Selbstverortung – und die Geschichte einer Konversion.
Eine Konversion vollzieht sich, nebenbei bemerkt, auch mit Blick auf Vances vieldiskutierte Schmähung der "childless cat ladies". Er preist die intellektuelle Brillanz seiner Frau Usha, die als Juristin gemeinsam mit ihm das Yale Law Journal herausgab und später als Gerichtsassistentin für John Roberts und Brett Kavanaugh tätig war. Überhaupt gelangt der reumütige Vance zu der Einsicht, dass Frauen als tragende Säulen des Staates nicht hinreichend gewürdigt würden.
Stellenweise wirken die Feststellungen von Vance über Religion, Familie, Karriere, Vaterschaft, Lebenssinn und Politik wie die Plattitüden eines republikanischen Politikers der 1980er Jahre. Zugleich wirkt das Buch vollkommen entrückt von jener politischen Realität, in der sich der einstige Never-Trumper J.D. Vance heute bewegt.
Im Jahr 2016 schrieb er einem Freund:
"Ich schwanke ständig zwischen der Ansicht, dass Trump ein zynisches Arschloch wie Nixon ist, was gar nicht so schlimm wäre (und sich vielleicht sogar als nützlich erweisen könnte), und der Ansicht, dass er Amerikas Hitler ist."
Wenn Communion also die Biografie einer Bekehrung ist, dann gibt sie mindestens implizit auch Rechenschaft über Vances Konversion zum Trumpismus ab.
Nachdem im Februar 2026 jedoch ausgerechnet diese Bewegung gekippt ist – mit der Bombardierung Irans und einer endlosen Folge bodenloser Brüskierungen eigener Anhänger und Verbündeter –, erscheint Communion unfreiwillig wie ein politisches Alibi. Erst kurz vor Schluss, im zehnten Kapitel, spricht Vance über den Wahlkampf 2024 und seinen Einzug ins Weiße Haus: fast so, als sei es ihm ein wenig peinlich, sich selbst mit Trump in Verbindung zu bringen.
Werden in fünf oder zehn Jahren alle ehemaligen Trumpisten versuchen, ihren moralischen Absturz dadurch zu kitten, dass sie sich unter die Fittiche der katholischen Kirche begeben und das Hohelied von Tugend und Charakter singen?
Trotzdem lesen: Auswege aus dem Kulturkampf
Aber, wie die Schriftstellerin Joan Didion einst sagte: Schreiben bedeutet nicht, dass ich meine Leserschaft überwältigen möchte; vielleicht will ich sie nicht einmal überzeugen. Schreiben bedeutet, dass du für einige Zeit die Welt so anschaust, wie sie sich mir darstellt.
In diesem Sinne: Wer Vance nur als Politiker liest, übersieht leicht, wie stark das Buch von seiner Begeisterung für katholisches Denken und katholische Religiosität geprägt ist – jener Begeisterung, die schließlich zu seiner Konversion führte. Immer wieder diskutiert er katholische Autoren, verweist auf Augustinus und setzt sich mit der Soziallehre der Kirche auseinander. Bemerkenswert ist dabei weniger diese Auseinandersetzung selbst als die Richtung, in die seine Fragen zielen: Vance geht hart mit den protestantischen und evangelikalen Strömungen in den USA ins Gericht, aus denen er selbst hervorgegangen ist.
Vance beschreibt eine religiöse Kultur, die sich in apologetischen Nebenschauplätzen erschöpft. Dabei gerate aus dem Blick, was Menschen tatsächlich zerstört: Sucht, zerfallende Familien, soziale Verwahrlosung, Einsamkeit, Gewinnsucht.
Er wirft den Protestanten in den USA vor, die konservative Bewegung in einen weltfremden Kulturkampf geführt zu haben. Dort gehe es mehr darum, welche Bücher verboten werden sollen, für wen Torten gebacken werden dürfen oder wie man auf entlegene ethische Dilemmata zu antworten habe, als um die Kämpfe des alltäglichen Lebens: um die Bedingungen menschlicher Gemeinschaft.
Vance beschreibt eine religiöse Kultur evangelikaler Milieus, die sich häufig in apologetischen Nebenschauplätzen erschöpft: in der Verteidigung einzelner Lehrfragen, im Nachweis biblischer Irrtumslosigkeit oder in den immer gleichen Schlachten des Kulturkampfes. Dabei gerate aus dem Blick, was Menschen tatsächlich zerstört: Sucht, zerfallende Familien, soziale Verwahrlosung, Einsamkeit, Gewinnsucht.
Auffällig häufig hebt Vance hervor, wie sehr die amerikanischen Eliten der letzten Jahre – und mit ihnen die Gesellschaft – auf Winning als Endzweck fixiert gewesen seien; wie stark sie Arbeit als Workism fetischisiert und so die Abwesenheit gemeinschaftlich erlebten Sinns kaschiert hätten.
Die evangelikalen Kulturkämpfer der Neunziger- und Zweitausenderjahre verstanden sich oft als belagerte Minderheit der Tugendhaften. Ihre Identität entstand aus der Abwehr. Vance verfolgt dagegen einen restaurativen Ansatz. Werte sollen nicht als Waffe gegen eine säkulare Gesellschaft dienen. Vielmehr müsse jener Geist erneuert werden, aus dem Gemeinschaft überhaupt erst entstehen kann.
Besonders interessant ist seine Analyse religiöser Menschen an der Hochschule. Vance weist die im rechten Lager verbreitete Klage zurück, Universitäten würden junge Menschen durch liberale Professoren vom Glauben abbringen und religiösen Menschen per se feindselig gegenüberstehen. Wer seinen Glauben durch einige neue Argumente oder Erfahrungen verliere, so Vances Einwand, habe womöglich nie eine tragfähige religiöse Bindung besessen.
Religion ist, so Vance, zuvörderst Praxis: die gemeinschaftliche Einübung eines Stils.
Religion erscheint bei ihm weniger als ein Bündel von Behauptungen denn als eine Form der Zugehörigkeit. Glauben bedeutet nicht in erster Linie Zustimmung zu Lehrsätzen, sondern Teilnahme an einer Gemeinschaft. Religion ist, so Vance, zuvörderst Praxis: die gemeinschaftliche Einübung eines Stils.
Der Weg zur Taufe
An dieser Stelle wird verständlich, weshalb die katholische Kirche für Vance eine so große Anziehungskraft besitzt. Sie erscheint ihm als Institution, die dem Menschen mehr zugesteht als die Logik plötzlicher Bekehrungserlebnisse. Das katholische Leben vollzieht sich prozesshaft. Es kennt Schuld und Vergebung zugleich. Es verlangt keine permanente spirituelle Hochspannung. Der Mensch darf widersprüchlich bleiben.
2019 ließ sich Vance taufen.
Es wirkt fast penetrant, wie oft Vance das Winning belächelt und kritisiert – als sei es nicht ein Zentraldogma seines Vorgesetzten im Oval Office.
Besonders eindrücklich schildert Vance die Begegnung mit Dominikanern in Washington D.C., die akademische Exzellenz und geistliche Berufung miteinander verbinden. Einer der Dominikaner ist, wie Vance selbst, Absolvent der Yale Law School. Solche Figuren verkörpern für ihn eine Alternative zu einer Leistungselite, die nur noch um des Erfolges willen erfolgreich sein will. Es wirkt fast penetrant, wie oft Vance das Winning belächelt und kritisiert – als sei es nicht ein Zentraldogma seines Vorgesetzten im Oval Office.
Immer wieder kehrt das Buch zu dieser Kritik zurück. Yale erscheint nicht als Triumph, sondern als Enttäuschung. Die meritokratische Elite kann Karriere ermöglichen, aber sie beantwortet nicht die Frage nach dem guten Leben.
Überraschend ist auch, wie ausführlich sich Vance mit der Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 auseinandersetzt. Will er damit dem heutigen Papst Leo XIV. schmeicheln, der sich immer wieder auf Leo XIII. als Begründer der katholischen Soziallehre beruft? Rerum novarum, Augustinus, die Faszination für die römische Karwoche: Bisweilen wirkt das Ganze geradezu anbiedernd. Dass Vance eine Neigung zum Opportunismus hat, lässt seine Konversion zu Trump erkennen. Doch was folgt daraus für seine Konversion zum römischen Glauben?
Dennoch ist die Kritik an der Meritokratie überzeugend. Vance beschreibt eine Gesellschaft, in der Preise, Karrieren, Statussymbole und Erfolge zum Selbstzweck werden. Dagegen setzt er eine ältere Vorstellung von Verantwortung: das Amt als Dienst, Autorität als Verpflichtung, Führung als Sorge für andere.
In diesem Punkt wirkt das Buch beinahe wie der Versuch, eine post-trumpistische republikanische Tradition vorzubereiten. Nicht die Figur des Gewinners steht im Mittelpunkt, sondern die Figur des Verantwortlichen. Die alte WASP-Idee des duty – elitär, aber pflichtgebunden – schimmert immer wieder durch.
Gleichzeitig enthält das Buch eine bemerkenswerte Kritik religiöser Macht. Vance attackiert Kirchen, die sich um charismatische Persönlichkeiten organisieren. Er kritisiert Fernsehprediger, die aus Frömmigkeit ein Geschäftsmodell machen. Selbst dort, wo religiöse Überzeugungen aufrichtig erscheinen, fragt er nach den Machtverhältnissen. Wenn ein militärischer Vorgesetzter Bibelkreise leitet, können Untergebene dann überhaupt frei widersprechen? Die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Autorität bleibt für ihn zentral.
Hermeneutik des Verdachts
Doch die Crux des Buches liegt nicht in seinen Argumenten.
Vielmehr ist sein Autor das Problem. Wer soll ihm all diese Richtigkeiten glauben? Sein abgeklärtes Durchblicken wirkt lächerlich. Es sagt: Ich kam von nichts, ich habe selbst viele Fehler gemacht, ich war einer der orientierungslosen Atheisten, die nur ihren Job liebten, aber jetzt bin ich hier: ein Katholik. "There’s no beer in hell, but there’s beer in Cincinnati."
Vance beschreibt offen seine Fehler, seine gescheiterten Beziehungen, seine One-Night-Stands, seine Orientierungslosigkeit und seine Grenzen als Ehemann und Vater. Seine religiöse Antwort darauf lautet: Das Gelungene und das Verkorkste schließen einander nicht aus. Vergebung hebt Schuld nicht auf, sondern ermöglicht Handlungsfähigkeit trotz Schuld.
Das Problem ist: Es entsteht der Verdacht, dass diese Theologie als Entlastungsformel dienen könnte. Denn alles, was Vance seit seinem Auftreten mit Donald J. Trump erlebt und getan hat, steht in scharfem Kontrast zu den beflissenen Ausführungen in Communion.
Deshalb sollte man das Buch mit einer Hermeneutik des Verdachts lesen.
Niemand braucht noch mehr Argumente. Was fehlt, sind glaubwürdige Formen gemeinsamen Lebens.
Vance berührt eine Wahrheit, die weit über seine eigene Person hinausweist. Er erkennt, dass moderne Menschen nicht an einem Mangel an Informationen leiden. Niemand braucht noch mehr Argumente. Was fehlt, sind glaubwürdige Formen gemeinsamen Lebens.
Vielleicht ist dies die stärkste Einsicht des Buches. Die alten Kulturkämpfer wollten den Kreationismus beweisen, die Bibel verteidigen oder politische Gegner besiegen. Vance sucht etwas anderes: Gemeinschaft. Eine Form des Zusammenlebens, in der Menschen nicht durch ihren Kampf vereint sind, sondern durch ein gemeinsames Streben nach dem Guten.
Genau hier liegt schließlich auch die literarische Pointe des Buches. Communion ist in gewisser Weise eine unfreiwillige Widerlegung der Vorstellung, Wahrheit lasse sich einfach durch richtige Informationen vermitteln. Eine künstliche Intelligenz könnte alle Argumente dieses Buches reproduzieren. Sie könnte sie vielleicht sogar widerspruchsfreier anordnen.
Aber sie könnte nicht das leisten, was Vance versucht: Zeugnis abzulegen. Denn am Ende geht es nicht darum, ob seine Argumente wahr sind. Es geht darum, ob ein Mensch sie verkörpert. Und vielleicht ist dies die tragische Größe von Communion: Alles, was Vance schreibt, klingt überzeugend. Die Frage ist, ob sein Leben die Glaubwürdigkeit besitzt, es zu bestätigen.