"From polarization to social solidarity", so ist das Ökumenisch-Soziale Seminar überschrieben, das die Ukrainian Catholic University vom 6. bis zum 9. Oktober veranstaltet hat. Ich stoße für das ZdK dazu. Durch IXE, ein europäisches Netzwerk katholischer Laieninitiativen, ist die Verbindung entstanden. Ich beginne auf dem Rückweg, meine Eindrücke festzuhalten, während der langen Wartezeit vor der Wiedereinreise nach Polen.
I.
Wie komme ich nach Lwiw? Der Luftraum über der Ukraine ist gesperrt. Krakau ist die Alternative. Und eine Autofahrt von knapp 350 km. Morgens um 7 Uhr steht Serhii vor der Hoteltür. Mit einem Tesla. Die Uni hat alles organisiert. Um 14 Uhr werden wir angekommen sein, eine Stunde Ladepause und eine Stunde Zeitverschiebung eingerechnet. Und eine Grenze.
II.
Wer vergessen hat, wie eine zünftige Grenzkontrolle aussieht, kann die Erinnerung auffrischen. Erst Militärposten, dann Zollbeamte. Der Pass ist nötig; er wird abgegeben und abgestempelt. Das Auto wird gecheckt: Alle Hauben, alle Türen sind geöffnet. Alle Insassen steigen aus: Gesichtskontrolle, bei Serhii eine Spezialbefragung. Der Kofferraum wird komplett ausgeräumt, die Koffer werden durchsucht. Alles zweimal: auf polnischer und auf ukrainischer Seite. Die Ansagen der Beamten sind klar. Wie gut, dass ich mit meinen Westsprachenkenntnissen nicht allein unterwegs bin. Auf der Hinfahrt brauchen wir zwei Stunden an der Grenze, auf der Rückfahrt drei.
III.
Erster Blickfang bei der Einreise in die Ukraine: ein zerschossener russischer Panzer, der in der Mitte eines Kreisels ausgestellt ist. Das Land ist im Krieg. Auf den Straßen sieht man ab und an Militärtransporter. Aber der zivile Verkehr bestimmt das Bild. Die Front ist weit weg – hier. Sie wird näherkommen – nicht als Ereignis, aber als Erinnerung und Erzählung der Menschen, die ich treffe. Auf dem Weg sehe ich zwischen zwei Dörfern einen Waldfriedhof: Acht frische Gräber mit ukrainischer Flagge an der Durchfahrtsstraße. Jeden Tag gibt es um 9 Uhr eine Schweigeminute: im Radio, im Fernsehen – und der Verkehr steht still, überall im Land, auch auf den Schnellstraßen. Einmal gibt es während einer Diskussion in der Aula der Universität einen Luftalarm. Keiner der einheimischen ist besorgt. Ich folge der örtlichen Sitte. Es bleibt ruhig.
IV.
Zweiter Blickfang bei der einreise: ein weites Feld voller Sonnenblumen, die ungeerntet verwelkt sind. Ich komme direkt aus Rom. Das ZdK-Präsidium hat dort auch mit Martin Selmayr gesprochen, dem UN-Botschafter, der u. a. für die Welternährungsorganisation zuständig ist. Eines der Themen: die russische Blockade des Schwarzen Meeres mit ihren verheerenden Auswirkungen auf die humanitäre Lage in der Sahel-Zone und vielen weiteren Weltregionen. Die Menschen hungern – die Ernte verfault in den Silos der Häfen. Oder auf den Feldern.
V.
In Polen fahren wir bis zur Grenze auf erstklassigen Autobahnen. Dann sind die Straßen immer noch gut, aber nur noch zweispurig und durchaus belebt: Transporter, PKW, viele SUV, Busse, Laster – ein Pferdefuhrwerk auf dem Seitenstreifen. Bis Lwiw sind es noch 72 km. Teils führt die Strecke durch weite Felder und Wälder, teils durch ausgedehnte Gewerbegebiete. Vieles ist neu errichtet und wird gebaut. Anderes vergammelt. Die Ukraine ist auf dem Weg, den Anschluss an das demokratische und wirtschaftlich entwickelte Europa zu finden. Wenn sie darf.
VI.
In den Dörfern und kleinen Städten glänzen die Kirchen. Griechisch-katholisch, römisch-katholisch – oder orthodox, und dies entweder mit dem Moskauer Patriarchat verbunden oder unabhängig-ukrainisch. Protestanten gibt es, aber sie sind beim Durchfahren nicht zu sehen. Die katholischen und orthodoxen Kirchen ziehen mit leuchtenden Kuppeln und Dächern die Blicke auf sich. Es ist zwar nicht alles Gold, was glänzt. Aber die West-Ukraine ist fromm, höre ich. Jedes mittlere Dorf hat mehrere Kirchen – nebeneinander. Auch miteinander?
VII.
Lwiw oder L'viv – auf deutsch-österreichisch: Lemberg – hat 1 Mio. Einwohner. Und eine bewegte, leidgeprüfte, reiche Geschichte. Mit Zukunft. Die Vorstädte sind im Ostblock-Stil gehalten, mit breiten Straßen und hohen Plattenbauten. Die Altstadt lässt mich an Wien, an Linz, an Prag denken: Die k.u.k.-Monarchie hat ihre Spuren hinterlassen. Die schönsten Gebäude sind von Netzen und Brettern geschützt. Russische Drohnen verschonen weder Wohnhäuser und Geschäfte noch Kirchen und Museen. Die abendlichen und nächtlichen Gassen und Plätze sind voller Musik. In den Cafés sitzen viele junge Leute. Sie wollen leben, in Frieden und Freiheit. Mitten in der Altstadt ist noch spät die große Kirche der Militärseelsorge geöffnet. Jeden Tag wird dort um 11 Uhr ein Requiem für die Gefallenen gefeiert. In der Kirche hängen viele Bilder toter Männer, alles gefallene Soldaten. Ein Seitenschiff ist voller Papiervögel, die von der Decke herabhängen – Engel eines Friedens, den die Welt nicht geben kann.
VIII.
"Existentielle Ökumene" ist ein Panel des Seminars überschrieben, an dem ich teilnehme. "Existentiell" heißt: mitten im Krieg, an der Front und bei den Familien der Soldaten, der lebenden und der toten. "Ökumene" heißt: Die Ukraine hält zusammen. Ein evangelischer Pastor, der einen Militärpullover mit blau-gelbem Flaggenabzeichen trägt, sagt: "Wir sind eins" – und ich denke beim Zuhören: durch das Leid, durch den Krieg, durch Russlands Plan, die Ukraine auszulöschen und den Ukrainern ihre Identität zu rauben, aber auch durch den Lebenswillen, den Widerstand, die pastorale Solidarität. Und den gemeinsamen Glauben. "Ehre sei Jesus Christus", so beginnen in der Regel die Interventionen aus vielen Teilen der Ukraine. Griechisch-katholisch ist die Universität, die das Seminar ausrichtet, der römische Katholizismus ist vertreten, der Protestantismus auch. Die Orthodoxie muss bei allen internen Problemen ihren Platz noch finden. Der Feind ist Russland. Friede? Derzeit ohne Grundlage.
ZdK-Vizepräsident Thomas Söding mit Myroslav Marynovych auf einem Panel beim Ökumenisch-Sozialen Seminar "From polarization to social solidarity".
© Thomas Söding
IX.
Myroslav Marynovych ist mein Partner auf dem Panel, das der europäischen Sicherheitspolitik und der Rolle der Kirchen gewidmet ist. Er ist eine Autorität, Die Kommunisten haben ihn hinter Gitter gebracht. Er ist ein freier Geist, ein Gelehrter, ein Demokrat – aus Glaubensgründen. Er redet Klartext, Richtung Osten und Richtung Westen. Ökumene sei Dialog? Dann muss man bei der Wahrheit bleiben – und darf nicht leisetreten. Das Moskauer Patriarchat ist korrupt. Ohne radikale Umkehr kann es kein Gespräch geben. Ich ordne das programmatische ZdK-Papier "Die Zukunft Europas gestalten" von 2025 ein – und bin froh, dass es als ernsthafter Debattenbeitrag für eine politische Ökumene der Zukunft verstanden wird.
X.
Aus Kanada ist Father Ivan Datsko zugeschaltet, der Nestor des Seminars: ein Kämpfer gegen jede Form von ökumenischem Appeasement. Auch ein Mahner, dass Bischöfe nicht zu diplomatisch auftreten sollen. In Rom hatten wir tags zuvor mit Kardinal Zuppi gesprochen, dem Vorsitzenden der italienischen Bischofskonferenz, eng mit Sant'Egidio verbunden. Auch über seine jüngste humanitäre Mission in Kiew und Moskau, um das Schicksal der Kinder zu verbessern, die nach Russland verschleppt worden sind. Jede Aktion hat Recht, die einem gerechten Frieden dient.
XI.
Abends Männergespräche. Unter den Studierenden sind zwar einige Frauen. Doch die griechisch-katholische Kirche wird von Männern beherrscht: von Priestern, die verheiratet sind. Sie machen sich Sorgen über die politische Entwicklung in Deutschland. Bricht nach den USA unter dem Einfluss der AfD, der Linken und des BSW der nächste Bündnispartner weg? Wie kann man als Deutscher eine Nazi-Partei wählen? Sie machen sich Sorgen um ihr Land: Wird die Armee standhalten? Wird die Demokratie überleben? Vor allem machen sie sich Sorgen um ihre Familien: um ihre Söhne, die an der Front oder in Kanada sind, um ihre Töchter, die Brüder, Freunde, Ehemänner verloren haben oder zu verlieren drohen. "Wir kaufen Euch Zeit, bis Ihr Euch selbst verteidigen könnt. Aber wir bezahlen mit unserem Leben."
XII.
Hemingway knows nothing, lautet in englischer Übersetzung der Titel des ukrainischen Bestsellers von Artur Dron', der im Schützengraben zu Gott gefunden hat. Für den Amerikaner war nach dem Ersten Weltkrieg der soldatische Kampf eine Bewährungschance für Helden. Aber die Schlachtfelder waren weit weg. Dron' denkt an die verwundete Heimat, an die trauernden Familien, an die toten Kameraden. "Hemingway verurteilt den Krieg – und sucht ihn. Wir brauchen unsere eigene Stimme." Das Buch bekomme ich geschenkt und lese es auf der Rückfahrt. Und denke an die Vertreterin der Adenauer-Stiftung, die nach Kiew zurückfährt und mir ein Foto ihres Wohnblocks zeigt, dessen anderer Flügel tags zuvor von einer Drohne getroffen worden ist. Und an meine Mitfahrerin nach Polen, die dort die Sprache lernen will, um mehr Europa aufzusaugen. Und an Roman mit seiner Familie, den Chef der ganzen Veranstaltung, dessen Bruder 2022 gefallen ist. Wir hatten uns zuletzt mit IXE in Brüssel getroffen. Lwiw ist nicht weniger Europa als die Zentrale der EU. Und erreichbar. Und sei es mit einem Tesla.