Wohin eine Welt ohne die Seligpreisungen führt, brauchen wir uns nicht aufwändig auszumalen. Das erleben und sehen wir Tag für Tag: Gewalt und Gegengewalt in Israel und Palästina, in der Ukraine, im Sudan, im Kongo und in vielen Krisengebieten unserer Welt. Gewalt auch auf unseren Straßen gegen fremde, gegen schwächere, gegen arme Menschen. Sie scheinen vielen Ballast zu sein, überflüssig, weder als Arbeiterin und Arbeiter noch als Konsumenten zu gebrauchen. Lass sie doch zugrunde gehen, dann brauchen wir ihrem Elend nicht mehr zuzuschauen!
Die Haltung Jesu ist klar: Das ist nicht Gottes Reich! Dort steht Gott bei den Armen und sichert ihre Würde. Dort weint er mit den Trauernden, da ihm das Leid der Menschen nicht fremd ist. Dort tritt er mit denen, die reinen Herzens und barmherzig sind, für den Frieden und die Verständigung unter den Völkern ein. Dort steht er auf der Seite der Ausgegrenzten und scheinbar Überflüssigen und stiftet neue Lebensmöglichkeiten mitten im Untergang. Diese Verheißung gilt zunächst den unmittelbar Betroffenen – je nach Schätzung lebt rund die Hälfte der Menschheit in Armut. Aber wir dürfen uns auch persönlich angesprochen fühlen, wo wir verwundet sind, wo wir unsere dunklen Seiten, unsere Enttäuschungen spüren, wo unser Leben nicht so gelingt, wie wir es möchten, wo wir traurig sind – auch über den mühsamen Weg der Kirche. Jesu Botschaft lautet nicht: Findet euch damit ab! Oder: Im Himmel wird alles anders sein, wartet geduldig darauf!
Die Seligpreisungen ermutigen uns, mitten in aller Not und in allen Fragen nicht zu verzweifeln, uns vielmehr aufzurichten, uns unserer Würde bewusst zu werden, uns nicht beirren zu lassen in unserem geduldigen, hartnäckigen Festhalten an einer anderen Welt, an der Welt Gottes, an seinem Reich.
Das „Selig seid ihr“ oder, wie es in manchen modernen Übersetzungen heißt: „Freuet euch!“, gilt den Betroffenen wie auch uns jetzt schon. Wenn wir uns auf die Einladungen Jesu einlassen, wird in unserem Denken und Handeln eine neue, andere Welt sichtbar, in der sich gerade die Schwachen als rettende Engel erweisen, die zeigen, wie eine Welt ohne Gewalt und Unterdrückung aussehen kann.
Wir dürfen und können unsere Solidarität mit den Opfern, unseren Zorn über die Ungerechtigkeiten der Welt, unseren Hunger nach Gerechtigkeit, unseren Einsatz für den Frieden nicht in unsere Herzen einschließen und uns damit schon zufriedengeben. Das alles will uns Mut machen, unsere Welt zu verändern, den Menschen, den Armgemachten und an den Rand Gedrängten, den Opfern zuallererst beizustehen. Die Seligpreisungen wollen die Menschen, uns Menschen, frei machen von all ihren verquälten Versuchen, sich auf Kosten der anderen Glück zu verschaffen oder das, was man dafür hält.
Es tut gut, wenn ein jeder, eine jede sich einmal in Ruhe zurückzieht und darüber nachdenkt: Wie lauten eigentlich meine Seligpreisungen? Wohin zielt meine Sehnsucht, meine Hoffnung? Durch welche Menschen kann das schon heute beginnen? Gehöre ich selber mit meinem Leben dazu? Dann gilt die Verheißung auch uns: Selig seid ihr! Ihr habt Grund, euch zu freuen, schon jetzt! Gottes Welt beginnt in euch und durch euch inmitten unserer alten Welt, die vergeht.