Veröffentlichung der Epstein-AktenWer denkt an die Betroffenen?

Die Publikation unzähliger Gerichtsakten, E-Mails, Kontaktlisten usw. in der Causa Jeffrey Epstein – Sexualstraftäter mit illustren internationalen Kontakten – soll Licht ins Dunkel bringen. Dabei geraten gerade die aus dem Fokus, um die es eigentlich gehen sollte.

Ende Januar hat das US-Justizministerium erneut Millionen von Epstein-Akten veröffentlicht, und wieder tun sich Abgründe auf: insgesamt über tausend (!) Betroffene. Minderjährige, die mit der immer gleichen Masche angelockt, von Epstein missbraucht und unter seinen mächtigen Kumpanen herumgereicht wurden. Hochkarätige wie düstere Netzwerke aus Abhängigkeiten, Gefälligkeiten und gegenseitigem Schutz…

Natürlich überschlagen sich nun die Schlagzeilen und jeden Tag wird ein neuer prominenter Name mit Verbindungen zum Sexualstraftäter in die Arena gerufen. Ja, es ist gut und wichtig, dass der Epstein’sche Abyssus so gründlich wie möglich ausgeleuchtet wird. Allerdings scheinen viele Berichte vor allem von Sensationslust und weniger von wirklichem Aufarbeitungswillen getrieben zu sein. Besonders drei zentrale Aspekte kommen bei dem gegenwärtigen Getöse viel zu kurz:

Zum einen darf man nicht bei der großen (und meist schnell wieder abebbenden) Empörungswelle stehenbleiben, sondern die involvierten Täter müssen konkret zur Verantwortung gezogen und verurteilt werden. Epstein selbst hat sich der Strafe durch seinen Suizid entzogen, seine Gehilfin Ghislaine Maxwell sitzt schweigend in Haft. Aber daneben gab es noch unzählige Mittäter, Mitwisserinnen, Mithelfer.

Zum anderen müssen neben plakativen Nachrichten auch konkrete Erkenntnisse und Lehren aus den Epstein-Akten herausdestilliert werden: Wie kann es sein, dass die erste junge Frau bereits 1996 Anzeige erstattete und nichts geschah? Auf welchem Nährboden konnte sein Missbrauchssystem gedeihen? Diese schrecklichen Verbrechen müssen gründlich aufgearbeitet, Ermöglichungsstrukturen analysiert werden – und dann besteht natürlich entsprechender Handlungsbedarf!

Vor allem aber werden die Betroffenen bei den unzähligen Berichten über die Epstein-Akten fast völlig vergessen! Wieder dreht sich alles nur um die Namen oder das Herauslavieren mächtiger Männer, nicht aber um die Perspektive, das Leid und den mutigen Einsatz der Opfer. Dabei waren sie es, die unter Einsatz ihrer seelischen und körperlichen Gesundheit Zeugnis abgelegt und die Aufarbeitung vehement vorangetrieben haben. Für die führende Stimme der Epstein-Opfer, Virginia Giuffre, war der Preis am Ende tragischerweise zu hoch: Im April 2025 hat sie Suizid begangen. Aber statt ihnen endlich Gerechtigkeit zukommen zu lassen, sind in den publizierten Epstein-Akten immer noch einige Täternamen zensiert, dafür wurden über 100 Namen, intime Fotos und persönliche Daten von Betroffenen einfach ungeschwärzt der Öffentlichkeit preisgegeben – angeblich durch einen technischen oder menschlichen Fehler im Justizministerium. Die auf diese Weise „zwangsgeouteten“ Frauen leiden nun nicht nur unter dieser Bloßstellung und Retraumatisierung, sondern einige von ihnen sehen sich sogar Morddrohungen ausgesetzt.

Solange der Fokus nicht auf den Betroffenen liegt, ihren Verwundungen keine Beachtung geschenkt wird, ihnen keine Gerechtigkeit widerfährt und kein grundlegender Kulturwandel weg von machtmissbräuchlichen, toxischen sowie misogynen Settings vorangetrieben wird, werden sich die Dinge nicht zum Besseren wenden – und die nächsten Epsteins freie Hand haben.

Anzeige: Der Herr hält unsere Hand. Unveröffentlichte Predigten. Band 1: Fasten- und Osterzeit. Von Benedikt XVI.
CIG Ausgaben

Christ in der Gegenwart im Abo

Unsere Wochenzeitschrift bietet Ihnen Nachrichten und Berichte über aktuelle Ereignisse aus christlicher Perspektive, Analysen geistiger, politischer und religiöser Entwicklungen sowie Anregungen für ein modernes christliches Leben.

Zum Kennenlernen: 4 Wochen gratis

Jetzt gratis testen