Das Dschungelcamp auf RTL gehört zu den Sendungen, die eigentlich niemand schaut und die doch regelmäßig Zuschauerrekorde einfahren. Eine Gruppe von mehr oder weniger Prominenten zieht für zweieinhalb Wochen in den australischen Dschungel, hier buhlen sie um die Gunst der Zuschauer und müssen in bizarren Prüfungen antreten. Wer in den Augen der Zuschauer am besten abgeschnitten hat, wird am Ende zum Dschungelkönig gewählt. Dass sich niemand wirklich für diesen Titel interessiert, ist ein offenes Geheimnis. Inzwischen wird aber immer sichtbarer, worum es den Teilnehmern tatsächlich geht: um einen Anschub der eigenen Karriere – und oft genug um Absolution in den Augen der Zuschauer.
In diesem Jahr wurde dieser Mechanismus besonders deutlich, als Gil Ofarim als Kandidat ins Dschungelcamp einzog. Der Musiker hatte im Oktober 2021 einen Skandal entfesselt, als er einen Hotelmitarbeiter beschuldigte, ihn antisemitisch diskriminiert zu haben. Zwei Jahre später gestand Ofarim, die Vorwürfe erfunden zu haben. Auf den – von RTL sicher so eingeplanten – medialen Aufschrei, den seine Teilnahme an der Sendung hervorrief, folgte bald eine neue Debatte: Gelingt es ihm, die Gunst der Zuschauer zurückzugewinnen?
Von außen betrachtet ist es ein seltsames Schauspiel: Ein Mensch kriecht zu Kreuze und vier Millionen Zuschauer schalten ein. Es erinnert – auch wenn der Vergleich etwas überstrapaziert ist – an die Zirkusspiele im Alten Rom. Nur dass hier nicht ein Imperator den Daumen hebt oder senkt, sondern eine gesichtslose Menge bestimmen kann, wie es weitergeht. Per Anruf kann der Einzelne mitentscheiden: Soll Ofarim die Möglichkeit bekommen, um besseres Essen zu spielen, oder muss er im Zweifel mit Reis und Bohnen ins Bett? Streckenweise konnten die Zuschauer auch bestimmen, wer bei einer der gefürchteten Dschungelprüfungen antreten sollte. Am Ende musste Ofarim etwa den Magen einer Kuh essen oder in einem mit Schlangen und Krokodilen gefüllten Wassertank auf Tauchgang gehen – das Publikum goutierte das mit Spitzenquoten.
Wer es gewohnt ist, die Welt aus einem christlichen Blickwinkel zu sehen, findet in diesem Spektakel einige bizarre Anklänge von religiösen Konzepten. Wenn Gil Ofarim wieder und wieder in die Kamera seine vergangenen Fehler reflektieren soll, wirkt das wie eine verdrehte Form eines Beichtgespräches, bei dem nichts geheim bleibt, sondern jedes Wort medial auf die Goldwaage gelegt wird. Die Vorstellung, dass man sich nur durch genug Ekelprüfungen quälen muss, um vergangene Schuld aufzuwiegen, erinnert an volkstümliche Vorstellungen vom reinigend-schrecklichen Fegefeuer. Welche Rolle die hämisch feixenden Zuschauer in diesem Gedankenspiel einnehmen, kann sich jeder selbst beantworten…
Wer tatsächlich noch nie beim Dschungelcamp reingeschaut hat, mag über das Konzept zu Recht die Nase rümpfen. Aber eine Sendung, die Millionen vor den Bildschirm fesselt, sagt auch etwas über die Mechanismen der menschlichen Seele aus. Damit kann sie sogar Anlass für innere Reflexion sein: Wann glaube ich einer Entschuldigung und bin bereit, dem anderen eine neue Chance zu geben? Braucht es eine (über-)inszenierte große Show? Verlange ich, dass der andere (real oder symbolisch) durch den Dreck kriecht? Oder reicht manchmal auch eine viel kleinere Geste? Vielleicht ist das ein gutes Fazit der Sendung: Wer sich ehrlich entschuldigen kann – und wer eine solche Entschuldigung annehmen kann –, ist ein König/eine Königin. Ganz ohne Dschungel.