Es gibt zeitliche Zusammenfälle, bei denen man fast von Fügung sprechen kann: Mitten in einer Zeit, in der die Nachrichten über Ungerechtigkeiten schier kein Ende nehmen wollen, trägt dieser fünfte Sonntag der Fastenzeit den Namen Judica. Einer alten (heute vor allem noch in der evangelischen Kirche gepflegten) Tradition folgend, werden die Sonntage der geprägten Zeiten mit den Anfangsworten des lateinischen Introitus bezeichnet. In der Fastenzeit: Invocavit, Reminiscere, Oculi, Laetare und eben Judica.
Während die meisten dieser Einzugsgesänge Psalmen rezitieren, die von Gottes Güte, Zuwendung und Trost erzählen, setzt Judica einen anderen Grundton: „Judica me, Deus – Verschaff mir Recht, Gott! … Rette mich vor den bösen und tückischen Menschen!“ (Ps 43,1). Es ist der gen Himmel gerichtete Schrei der Unterdrückten, der Entrechteten und Geschundenen nach Gerechtigkeit. Ihre viel zu oft übersehene oder ignorierte Verzweiflung und Not – und damit auch das Passionsleiden Jesu – werden mit diesem Psalm dramatisch in den Fokus gerückt. Und auf einmal klingen die jahrtausendealten Zeilen hochaktuell und gegenwärtig.
Aber der Judica-Psalm bleibt nicht im menschlichen Abgrund stehen, sondern erinnert in seinem weiteren Verlauf an einen zentralen göttlichen Wesenszug, auf den wir Menschen zu allen Zeiten setzen und vertrauen dürfen: Unser Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit! „Was bist du bedrückt, meine Seele, und was ächzt du in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, der Rettung meines Angesichts und meinem Gott“ (Ps 43,5). Er steht auf der Seite der Notleidenden, lässt sich von ihrer Verzweiflung anrühren und offenbart sich durch Werke der Gerechtigkeit. An ihn können sich die Verwundeten der Welt mit ihren Wehklagen wenden sowie Trost und Hilfe erfahren.
Diesem Geist folgend und wachgerüttelt durch die dramatischen Zeilen des Judica-Sonntags sollten wir Christinnen und Christen es uns zur zentralen Aufgabe machen, die Entrechteten und Notleidenden unserer Tage nicht zu vergessen, uns empathisch einzufühlen und selbst zu Werkzeugen der Gerechtigkeit werden – in unserem direkten Umfeld, in den Kirchen und in der Welt.
Dafür sind viele große wie kleine Schritte notwendig: Global gesehen bedeutet es, dass sich die Kirche international einbringen und die Stimme gegen Ungerechtigkeiten aller Art erheben muss, so wie wir es etwa bei Papst Leo und anderen Kirchenvertretern in den gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen sehen.
Aber bereits das Schreiben der Welt-Bischofssynode in Rom De Iustitia in Mundo aus dem Jahr 1971 weist darauf hin, dass die Kirchen, bevor sie eine glaubwürdige Anwältin für die Gerechtigkeit sein wollen, „zunächst selbst in den Augen der anderen gerecht sein müssen“. Auch dieses Diktum hat bis heute nichts an Relevanz eingebüßt! In demselben Schreiben findet man zudem weitere interessante Impulse für das ganz alltägliche Leben. So wird beispielsweise für eine „Erziehung zur Gerechtigkeit“ und daraus folgend für eine „Wandlung des Herzens“ plädiert, die am Ende wiederum zu einer gerechteren „Umwandlung der Welt“ in Gänze führen kann.
Ja, der Weg zu mehr Gerechtigkeit ist noch weit, aber er sollte mutig und voller Zuversicht beschritten werden – im Sinne und im Dienst des gerechtigkeitsliebenden Gottes.