Auflösung: „Doctor Atomic“ im Theater Freiburg (Foto: Alexandra Polina)
Wir stehen dicht beieinander im Haus, doch es ist keine behagliche Szene. Wenn sich mit den ersten brachialen Akkorden des Orchesters der Vorhang hebt, fällt kaltes Licht auf das Gerippe des Hauses. Unsere Gesichter sind fahl und ausdruckslos. Auch die schwarzen Uniformen schaffen keine Gemeinschaft, sondern vereinzeln in die Anonymität. Wir sind namenlose Schicksalsgeister – wissen, künden und leiden voraus, was im Juni 1945 der Welt noch verborgen ist: „A weapon has been developed – Eine Waffe wurde entwickelt, die so zerstörerisch ist, dass sie die wildesten Albträume der Vorstellung übertrifft.“
John Adams’ zeitgenössische Oper Doctor Atomic führt in das geheime Forschungslager Los Alamos in der Wüste New Mexicos während der letzten Tage und Stunden vor dem Test der ersten Atombombe. Das 2005 uraufgeführte Werk stellt die Frage nach wissenschaftlicher und kollektiver Verantwortung – und ist damit aktueller denn je. Darf der Mensch alle Wege beschreiten, die ihm sein Wissensdrang und seine technischen Fähigkeiten eröffnen? Nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands war die ursprüngliche Legitimation des US-amerikanischen Atomprogramms weggefallen. Sollten die Wissenschaftler um den Physiker Robert Oppenheimer den Waffenbau dennoch fortsetzen?
Als Nachgeborene kennen wir den Ausgang: Am frühen Morgen des 16. Juli 1945 wurde die Testbombe erfolgreich gezündet. Erstmals entfesselte der Mensch eine Kraft, die das Potential hat, den gesamten Planeten auszulöschen. Durch den Atombomben-Abwurf auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki wenige Wochen darauf starben Schätzungen zufolge 200000 Menschen – viele in Sekunden, andere noch Jahrzehnte später an der Strahlenkrankheit.
Doch so weit blickt Doctor Atomic nicht. Überhaupt geht es Adams und seinem Librettisten Peter Sellars nicht um die Nacherzählung historischer Ereignisse. Zwar verwenden sie ausschließlich Originalzitate und Zeitdokumente, doch kreieren sie daraus eine zeitlose Innenschau menschlicher Zerrissenheit zwischen Fortschrittsglauben und Skrupel, zwischen Allmachtsfantasie und der Angst vor den Konsequenzen des eigenen Handelns.
Regisseur Marco Štorman und sein Team folgen dieser Anlage und verzichten in der Inszenierung des Theaters Freiburg auf jede Verankerung im Historisch-Konkreten. Da wird nicht mit technischem Gerät hantiert, da gibt es keine kabelgespickte Bombe und schon gar keinen lauten Knall am Ende. Die Bühne beherbergt allein jenes Hausskelett, in dem wir Sängerinnen und Sänger des Opern- und Extrachores zu Beginn schon standen. Angelehnt an die Baracken, in denen die Erbauer der Atombombe mit ihren Familien lebten und arbeiteten, versinnbildet es zugleich die Behausung des Menschen als solche: Im Verlauf des Stücks löst sie sich wie in einer Zeitlupen-Explosion vollständig auf. Die Bühne wird zum Reflexionsraum für den Schwindel im Angesicht des Möglichen.
Adams’ Musik taumelt ebenfalls. Getrieben von rasanten Rhythmen wechselt sie von dissonanten Klangausbrüchen im mehrfachen Fortissimo zu lyrischen Passagen, die an Gershwin oder eine Broadway-Nummer erinnern. Was im Klavierauszug teils wie wirr gewürfelte Zufallsnoten aussieht, wird durch die meisterhafte Leistung des Philharmonischen Orchesters unter André de Ridder zu einem musikalischen Hochgenuss. Diesen steigert ein hervorragendes Ensemble von Solistinnen und Solisten, angeführt vom nordirischen Bariton Timothy Connor als Oppenheimer, der in der zentralen Arie Batter my heart mit aufschürfender Stimmvielfalt den Schmerz einer gefallenen Menschheit vor ihrem verlorenen Gott ausbreitet, der keine Rettung bringt: „Zerschlag’ mein Herz, dreifaltiger Gott … Ich liebe dich innig und möchte gerne geliebt werden, aber ich bin mit deinem Feind verlobt.“
Je näher der unausweichliche Zeitpunkt der Zündung kommt, umso mehr verliert sich die Musik im Nichts. Am Ende fordert die Partitur lapidar: „A mournful silence and the beginning of a new era – traurige Stille und der Beginn einer neuen Ära.“ Eine Ära jedoch nicht ewigen Friedens, sondern dauernder Bedrohung.