Neutestamentliche Perspektiven auf Unterstützung für PaareVon Rezepten und Ressourcen

Guter Rat ist teuer, wenn die Paarbeziehung in die Krise gerät. Die (populäre) Philosophie hält deshalb innerhalb ihrer kulturellen Muster allgemeingültige Ratschläge fest, die Krisen gar nicht erst aufkommen lassen sollen – und bietet, wenn das doch geschieht, systematische Lösungen an. Ansätze dazu formulieren auch neutestamentliche Texte. Darüber hinaus lassen sie aber auch Kommunikationsräume jenseits der eigenen Familie aufscheinen, in denen gegenseitige Verantwortung für das Wohl der anderen übernommen wurde. Doch trotz alledem schlägt sich auch ein Scheitern von Beziehungen nieder.

Fazit

Befragt man insbesondere die neutestamentliche Briefliteratur auf Hinweise zum Umgang mit Paarbeziehungen in der Krise, so lassen sich resümierend drei Diskursfelder benennen, an denen sich die Texte in ihrer kulturellen Gebundenheit beteiligen: Sichtbar werden sozial geteilte Verhaltenskonventionen mit dem Anspruch, Probleme zu verhindern, ebenso wie (außerfamiliäre) Ressourcen für den persönlichen Austausch und Verantwortlichkeit für die Sorgen anderer in einer verbindlichen Gruppe.

Ich hörte vom Wahnsinn deines Mannes: Er hat eine Gefährtin. Du aber bist seinetwegen eifersüchtig“ … So beginnt ein (fiktiver) Brief der lebenserfahrenen Philosophin Theano an Nikostrate, die sie „meine Liebe/Freundin“ nennt.
Zu allen Zeiten war guter Rat teuer, wenn die enge Beziehung der Ehepartner litt. Theano will Nikostrate aus der Ferne überzeugen, still auszuhalten. Nach kurzer Lust werde der Mann zur Besinnung kommen, sie umso mehr schätzen; eine Scheidung bringe nur Nachteile, und wenn der nächste Mann sich genauso verhalte, bleibe sie am Ende noch allein (Die Briefe des Pythagoras und der Pythagoreer VI, ed. Städele).

Kulturelle Muster

Wer auch immer diesen Brief, wohl in der römischen Kaiserzeit, verfasste, ruft dabei gängige Muster für den Umgang mit Eheproblemen auf. Die Form des Briefes zur Krisenintervention ist nichts Ungewöhnliches, wie viele antike Trostbriefe zeigen. Ebenso wenig ist es die rationale Argumentation, die Ursache und Folge, Übertretung und Tugend benennt. Sie folgt dabei einem typischen popularphilosophischen Motiv, dass nämlich Impulse und Affekte durch die Vernunft kontrolliert werden müssten. So rät etwa zur gleichen Zeit auch der Philosoph Plutarch beim selben „Gefährtinnen“-Problem, die Ehefrau solle bedenken (und würdigen), dass nicht sie, sondern die Gefährtin als Objekt der Zügellosigkeit des (dafür indirekt kritisierten) Mannes herhalten müsse (Coniugalia praecepta 16).
Wie stark kulturell gebunden solche Überzeugungen über die Paarbeziehung sind, zeigt sich an der Häufigkeit, mit der Außenbeziehungen von Männern mit Frauen von niedrigem Status (wie den zu „mietenden“ Gefährtinnen/Hetären, Prostituierten oder Sklavinnen) verhandelt werden. Verheiratete Männer müssen sich dafür im antiken griechisch-römischen Kontext nicht rechtfertigen, es sei denn, sie werden dadurch wegen Zügellosigkeit beschämt. Für freie und angesehene Frauen jeglichen Alters oder Standes gilt eine solche Freiheit jedoch keineswegs. In der christlichen Tradition schiebt schließlich Paulus auch den Männern deutlich den Riegel vor. Nicht aus beziehungspragmatischen oder Traditionsgründen lehnt er es ab, dass Männer eine Prostituierte aufsuchen. Vielmehr bietet er eine theologische Argumentation auf (1 Kor 6,12–20), um die Freiheit der Männer der Logik des Leibes Christi zu unterstellen.

Allgemeingültige Ratschläge …

Die antiken Ratgeber sind überzeugt davon, dass Paarbeziehungen gelingen, wenn sie allgemeinen Verhaltensregeln folgen. Diese gelten über alle individuellen Konstellationen hinweg. Plutarch „schenkt“ im eben erwähnten Werk 48 solcher Ratschläge einer Schülerin und einem Schüler zur Hochzeit. Die Leitlinien dienen vor allem dazu, Probleme zu vermeiden, denn das Rezept einer „seligen“ Ehe zeige sich am Beispiel von Odysseus und Penelope: Er sei besonnen, sie kontrolliert. So verwundert es nicht, dass Kriseninterventionen wie die eben genannte zur Außenbeziehung nur selten und holzschnittartig darin vorkommen (vgl. ebd. 35.38. 40.41).
Auch die neutestamentliche Tradition kennt (wie schon biblisch- jüdische Weisheitsschriften) solche allgemeingültigen Ratschläge für das Gelingen der Paarbeziehung. Knapp, aber egalitär geben sie sich bei Paulus (1 Kor 7,2–5). Ausführlich und charakteristisch erscheint die Weisung an die Ehepartner aus der Feder des (fingierten) Paulus im Epheserbrief (5,21–33). Dort findet sich eine Gratwanderung in Bezug auf ein hierarchisches Geschlechterverhältnis. Die Frauen werden zur Unterordnung unter ihre Männer aufgefordert (V. 22–24), doch wird dabei oft der vorausgehende V. 21 überlesen: „Einander untergeordnet in der Furcht Christi …“. Die Männer werden zwar nicht zur Leitung oder Belehrung der Frauen angewiesen, was gesellschaftlich durchaus zu erwarten wäre. Doch der Unterordnung der Frauen steht asymmetrisch die „Liebe“ der Männer gegenüber (V. 25–33). Begründet wird dies mit dem Beispiel Christi, der sich so zur Kirche verhielte. Dies setzt nicht nur einen identitätsstiftenden theologischen Akzent, sondern untergräbt auch etwaige Autoritätsansprüche der Männer auf subtile Weise: Christus habe sich für die Gemeinde hingegeben, nähre und pflege sie wie seinen eigenen Leib. Und dies seien sie auch den Frauen schuldig.

… und ihre Grenzen

Solche Texte zur „Eheberatung“ im Neuen Testament klinken sich ein in den zeitgenössischen Diskurs über Werte in der Partnerschaft, sie setzen Akzente und widersprechen insgesamt einem strengen hierarchisch abwertenden Gefälle zwischen Mann und Frau. Doch bleiben sie differenziert, unsystematisch, anzufragen. Ein christliches Patentrezept für die selige Ehe wollen und können sie nicht bieten. Und gesetzt den Fall einer tiefgreifenden Krise der Ehe und Familie – genügt ein solches kulturelles Gerüst der allgemein und plakativ dargestellten Verhaltensregeln?
Schon in der antiken Umwelt zeigt sich, dass dies nicht der Fall war. Bisweilen erwähnt wird die Zuflucht zur Magie, die durch Liebestrank oder Gift das Verhalten des Partners beeinflussen sollte. Im biblisch-jüdischen Bereich ist dies keine Option, jedoch finden sich hier Zeugnisse des innigen Gebets zum Beispiel der kinderlosen, gedemütigten Hanna, die dem Herrn ihr „Herz ausschüttet“ (1 Sam 1,10–13.15), oder des Tobias mit seiner Braut Sara (Tob 8,5–8), der vor der Hochzeitsnacht betet, beide mögen zusammen alt werden.

Ressourcen der Gemeinden

In den Nachrichten über die christusgläubigen Gemeinden zeichnen sich zudem soziale Praktiken ab, in denen Krisen adressiert werden konnten. Als Anlaufstellen für Sorgen und Nöte steht Männern in der Antike über ihre Familie hinaus ein Kreis von Freunden, auch externen Ratgebern wie zum Beispiel philosophischen Lehrern zur Verfügung. Frauen waren einem gängigen (Elite-)Ideal zufolge stärker ans Haus und damit an Familienangehörige gebunden. Der Zugang zu Wissen und auch Beratung konnte über den Ehemann kanalisiert sein, der als Lehrer und Ausbilder seiner (oft deutlich jüngeren und unerfahrenen) Frau verstanden wird. Doch wie der zu Beginn zitierte Brief zeigt, folgt die Realität nicht zwingend einem solchen Ideal. Freundschaften, Nachbarschaften, (religiöse) Vereinigungen standen auch Frauen offen. Plutarch sieht sich veranlasst, eigens vor dem schlechten Einfluss anderer Frauen, wohl aus dem nahen Umfeld, zu warnen (Coniugalia praecepta 40).
Die christlichen Gruppen, die sich in biblisch-jüdischer Tradition als „Geschwister“ anredeten und sich als „ein Leib“ (1 Kor 12,12–27) verstanden, die sich regelmäßig zum Mahl und dem damit verbundenen persönlichen Austausch trafen, boten dafür Ressourcen.
Mit Paulus verbindet sich die Vorstellung einer intensiven Einzelbegleitung von Menschen (Apg 20,31; 1 Thess 2,11f.), die in 1 Thess ausdrücklich dem Lebenswandel gilt, unter anderem dem Meiden der Unzucht (1 Thess 4,3). Der wandernde Apostel steht in gewisser Distanz zur einzelnen Gemeinde oder Familie und kann deshalb auf der Schwelle zwischen Externem und Vertrautem agieren. In den recht späten Pastoralbriefen der Paulus-Schule zentriert sich die Kommunikation mit den Gläubigen auf einen Gemeindeleiter, der Weisung bietet (2 Tim 4,2; Tit 2,15). Doch durchbricht er dabei in jedem Fall die Systeme der Kernfamilie und auch unter Umständen getrennte Geschlechtersphären: Er wird angehalten, mit anderen Männern und Frauen jeden Alters motivierend zu sprechen (1 Tim 5,1f.). Innerhalb der Geschlechtersphären werden ältere Frauen beauftragt, den jüngeren „gute Lehrerinnen“ zu sein (1 Tim 2,3–5). Die Inhalte sind dabei vom Autor vorgegeben und entsprechen einem Tugendideal: Die Jüngeren sollen darauf bedacht sein, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen (!) zu sein, aktiv im Haus, gut, den eigenen Männern untergeordnet. Doch sofern es solche Lernräume gegeben hat – und diese sind in der Antike immer diskursiv zu denken – ist nicht auszuschließen, dass sich dabei Kummer, Vertrauen und wohlmeinende Lebenserfahrung in die eine oder andere Richtung getroffen haben.

Wahrnehmung und Unterstützung

Darüber hinaus ist in den Paränesen der neutestamentlichen Briefliteratur der Auftrag zur gegenseitigen Wahrnehmung und Unterstützung prominent: „Beteiligt euch, wenn die Heiligen in Nöten sind“, fordert Röm 12,13; im metaphorischen Leib der Gemeinde sollen sich alle Glieder gegenseitig umeinander sorgen und mit dem Leidenden leiden (1 Kor 12,25f., vgl. 1 Petr 3,8). Einander soll man die Last tragen (Gal 6,2), nicht nur das Seine in den Blick nehmen, sondern die anderen (vgl. Phil 2,4). Ein Abweichler wird von der Gruppe mit Milde wieder ganz auf den Weg gebracht (Gal 6,1, vgl. 1 Thess 5,22; Jak 5,19f.). Man tröstet einander in Trauerfällen oder Niedergeschlagenheit, ist für die Schwachen da (1 Thess 4,18; 5,14), es baut einer den anderen auf (1 Thess 5,11), man motiviert sich (Hebr 10,24), achtet aufeinander und korrigiert (Hebr 12,15f.).
Auffällig ist dabei, dass an den genannten Stellen keine Funktionen oder Rollen spezifiziert werden. Ansätze dazu finden sich in 1 Kor 6,5 und Röm 12,8: Als Paulus einen Rechtsfall in der Gemeinde geklärt wissen will, fragt er, ob es nicht einen „Weisen“ gäbe, der dies entscheiden könne; dieser wird, so ist anzunehmen, im Zusammenleben erkennbar. Im Römerbrief erwähnt er ein spezifisches Charisma der Ermahnung. Dass ansonsten in den Paränesen keine Rollen benannt sind, sondern alle auf der einen oder anderen Seite stehen können, beugt einer Hierarchiebildung vor. Gleichzeitig lässt diese Konstellation es aber auch nicht zu, Verantwortung an „Zuständige“ zu delegieren. Alle bleiben in ihrer Beobachtungsgabe und Interventionskompetenz gefordert, selbst wenn es, wie in 1 Thess 5,12 und Hebr 13,7.17, Leitungspersonen gibt. Eine entsprechende Urteilskraft hat keine bestimmten Voraussetzungen, sie scheint vielmehr gleichmäßig verteilt. Den Angesprochenen wird allgemein die Fähigkeit zugesprochen, das Gute zu erkennen (1 Thess 5,21; Phil 4,8; Röm 12,2).
Auch wenn dies nicht explizit hervorgehoben wird, plausibel scheint es, dass inmitten aller Spannungen und allen Kummers in einer solchen Gemeinschaft, die umeinander wusste und sich verantwortlich zeigte, auch Paarprobleme ihren Platz hatten.

Keine Garantie

Doch trotz alledem bleibt die Tradition der frühen Christusgläubigen realistisch in der Annahme, dass sich nicht alle Probleme lösen und ertragen lassen. Gerade in der auffälligen Weisung der Jesustradition, die Paarbeziehungen zu schützen und zu erhalten, finden sich schon früh in der Überlieferung Hinweise darauf, dass dies nicht gelungen ist. So schreibt zum Beispiel Paulus in 1 Kor 7,10f.: „Den Verheirateten gebiete ich – nicht ich, sondern der Herr –, dass sich eine Frau vom Mann nicht trenne, – wenn sie sich aber trennt, bleibe sie unverheiratet oder söhne sich mit dem Mann aus –, und ein Mann eine Frau nicht entlasse.“ Das Ideal der ungebrochenen Beziehung steht im Raum. Doch Paulus räumt ein: „Wenn sie sich aber trennt …“. In diesem realistischen Fall ist die Beziehung gescheitert und die Perspektive auf eine Versöhnung alles andere als gewiss.

Anzeige: Mit der Trauer weiterleben. Gespräche über persönliche Verlusterfahrungen. Von Lea Reinhard und Michael Reinhard
Anzeiger-Hefte

Der Anzeiger für die Seelsorge im Abo

Finden Sie monatlich neue Impulse für Seelsorge und Gemeindearbeit. Jedes Heft widmet sich einem Schwerpunktthema und bietet zusätzlich praktische Anregungen sowie eine Fülle von Service-Rubriken.

Zum Kennenlernen: 3 Ausgaben gratis

Jetzt gratis testen