Anthropologie

Anthropologie (aus altgriechisch ἄνθρωπος ánthrōpos, deutsch ‚Mensch‘, und -logie: Menschenkunde, Lehre vom Menschen) ist die Wissenschaft vom Menschen. Sie kann in einzelwissenschaftlicher Perspektive angesetzt sein, wie die Humanbiologie oder die Kulturanthropologie (cultural bzw. social anthropology) usw. Die philosophische Anthropologie beschäftigt sich mit dem Wesen des Menschen, d. h. mit der Frage, was den Menschen als solchen ausmacht. Die vor-wissenschaftlichen Überzeugungen vom Wesen des Menschen werden darin teils näher präzisiert und vereinheitlicht, teils auch kritisch in Frage gestellt und durch ein besseres Wissen zu ersetzen gesucht durch philosophische Überlegungen, die in Wechselwirkung mit empirischen Forschungen (z.B. Evolutionstheorie) stehen.

Zur Philosophie gehörten von Anfang an anthropologische Aussagen. Doch tritt die philosopische Anthropologie erst spät in den Kreis der zentralen philosophischen Disziplinen. Dazu bedurfte es auf der einen Seite der durch Immanuel Kant vollzogenen kritischen Wende zum Subjekt und auf der anderen Seite der Überwindung der Idealisierung des endlichen Subjekts. Wilhelm Diltheys Einsicht, dass das geschichtliche Verstehen in den hermeneutischen Geisteswissenschaften nur unter der Voraussetzung eines denkend-fühlend-wollenden Subjekts, m. a. W. von uns Menschen selbst, denkbar ist, spielte für diesen zweiten Schritt eine entscheidende Rolle. Auf diesem Hintergrund entstanden im 20. Jahrhundert die anthropologischen Entwürfe, die man vielleicht grob in drei Richtungen einteilen kann. Da sind zunächst die wissenstheoretisch-hermeneutisch angelegten Anthropologien wie die Martin Heideggers und Paul Ricœurs; da sind dann die Anthropologien, die das Wesen des Lebewesens „Mensch“ im Hinblick auf andere Lebewesen zu bestimmen versuchen, wie die Theorien von Scheler, Plessner, Gehlen und anderen; und da sind schließlich die existenz-theoretisch und -praktisch angelegten Anthropologien in der Nachwirkung Kierkegaards, wie die der Existenzphilosophie und des Personalismus (Buber, Guardini, Levinas usw.).

In der philosophischen Anthropologie verständigen sich Menschen über sich selbst, insofern sie mit anderen Menschen übereinkommen und sich von anderen Wesen unterscheiden. Der Allgemeinbegriff „Mensch“ steht im lebenspraktischen Sprachgebrauch neben anderen allgemeinen Begriffen wie „Tier“, „Pflanze“, „rein geistiges Wesen“. Letztere bezeichnen Realitäten, die nicht, wie Menschen normalerweise, im Turnus einmal Angesprochene, dann wieder Redende und Beredete sind. Der Unterschied zwischen Menschen und Tieren gilt als „wesentlich“, nicht nur graduell; er fundiert ein völlig anderes Verhalten zu Individuen der einen oder anderen Gruppe. Aus der ethischen Relevanz und aus der umgreifenden Ansetzung des Unterschieds wird deutlich, dass der Unterschied Mensch–Tier von anderer Art ist als der Unterschied der biologischen Species homo sapiens sapiens zu anderen Species der Primaten, dass er folglich nicht „speziesistisch“ in letzterem begründet ist. Dasjenige jedoch, was den Menschen von allem Tierischen (ungeachtet der biologischen Ferne oder Nähe der Tierarten zur Art „Mensch“) unterscheidet, heißt von jeher „Geist“.

Was „Geist“ heißt, erschließt sich in der Analyse des interpersonal-reflexiven Vollzugs des Menschseins. Geist manifestiert sich im Selbstbewusstsein: dass wir nicht nur handeln und wahrnehmen, sondern zugleich wissen, dass wir handeln und wahrnehmen; dass wir zugleich die Welt aus unserer Perspektive erfassen und bewerten und uns selbst von außen betrachten und nach objektiven Maßstäben beurteilen; dass wir nicht nur reagieren, sondern unser Handeln nach frei gewählten Prinzipien gestalten können; schließlich (was das Wichtigste ist und eigentlich erst unsere Würde konstituiert), dass unser Denken unter dem Anspruch der Wahrheit und unsere Lebensführung unter dem Anspruch des Guten steht, d. h. dass die höchste Stufe des Selbstbewusstseins die Form des Gewissens hat.

Weil der Mensch geschichtlich-interpersonale Existenz ist, gehört zur philosophischen A. auch die Frage nach der Bestimmung des Menschen, d. h. nach dem Sinn seines Daseins. Genau genommen hat das Interesse für die Erfassung der mannigfachen Bestimmtheiten des Menschseins einen philosophischen Charakter erst dann, wenn es motiviert ist von der Bemühung, dem Rätsel der Bestimmung des Menschen auf die Spur zu kommen. Dasselbe gilt für das Verhältnis der Fragen, wie es phylo- und ontogenetisch, wirtschafts- und kulturgeschichtlich zur heutigen Gestalt des Menschseins gekommen sei, zur Frage, was uns unser heutiges Menschsein bedeute: diese letztere Frage bleibt auch dann, wenn die ersteren ihre Antwort gefunden haben, die im übrigen nur wenig beitragen kann für die Antwort auf die Frage: Was sind wir, wer sollen wir sein?

Quelle: Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. von Walter Brugger und Harald Schöndorf. Verlag Karl Alber 2010

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