Die besondere BildpredigtBilderverbot – und Gott auf einer Wolke

2, Mose 20,4

Eine Figur ist von gelben Farbtönen umgeben, während darunter wirbelnde, graue Wolken in rot, lila und grau sind.
© Ingrid Moll-Horstmann

(Hinweis: Das Bild: Ingrid Moll-Horstmann: „Wer ist der Menschensohn?“, 2019, Mischtechnik auf Papier, 31×24 cm (aus dem Zyklus zum Bibelwochenarbeitsmaterial 2021/2022 zu Daniel) 
Das Bild kann als Datei unter „www.pastoralblaetter. de/archiv/downloadarchiv. html“ für den kirchlichen Gebrauch unentgeltlich heruntergeladen werden.)

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“ (2 Mose 20,4)

Können wir eigentlich auf Bilder von Gott wirklich verzichten? Können wir das Bilderverbot der Bibel, wenn wir es wörtlich verstehen, wirklich einhalten? Mindestens auf Gott bezogen? 
Natürlich können wir in unseren Gottesdiensträumen auf jedes gegenständliche Bild verzichten, uns auf abstrakte Kunst oder Ornamentales beschränken. Und erst recht können wir Darstellungen Gottes vermeiden. Die Reformierte Kirche lebt es uns ja vor. Aber können wir in unserem Inneren auf Gottesbilder verzichten und uns kein Bild von Gott machen? 
Schließen Sie bitte einmal kurz die Augen und denken „Gott“. Was für Bilder steigen in Ihnen auf? Ganz automatisch. Was für ein Bild von Gott fällt Ihnen spontan ein? Welche Bildwerke aus der Kunstgeschichte prägen Ihr ganz persönliches Bild von Gott? 
Untersuchungen haben ergeben, wie stark Bilder in Bibelausgaben den Glauben und das Bibelwissen beeinflussen. Die von Matthäus Merian illustrierte Bibel, die 1630 zum ersten Mal erschien und bis heute unzählige Male aufgelegt wurde, war lange prägend. Die in ihr dargestellten Erzählungen gehörten zum allgemeinen Bibelwissen, selbst wenn sie nicht zu den Kernerzählungen der Bibel, sondern eher zu den Randgeschichten gehören. Ähnliches können wir von der „Bibel in Bildern“ mit den Darstellungen von Julius Schnorr von Carolsfeld sagen, die 1860 zum ersten Mal erschien und mindestens die Frömmigkeit der Erweckungsbewegung mit ihren Bildern ganz stark geprägt hat. Das Gottesverständnis wurde und wird durch bildnerische Darstellungen beeinflusst, ob wir das wollen oder nicht.

Der Uralte thront über den Wolken

Ich bin mir sicher, dass bei ganz vielen von Ihnen bei Ihren Bildern von Gott der alte Mann auf den Wolken dabei war, dass überhaupt Wolken eine große Rolle in den Bildern spielen, sei es das Dreieck mit dem Auge Gottes, das wolkenumspielt ist, sei es der Mann auf dem Thron, der auf den Wolken steht, sei es der Mann mit langem Bart, der durch die Wolken schaut. Und ich bin mir auch ganz sicher, dass kein sehender Mensch ganz auf ein inneres Bild von Gott verzichten kann, so sehr er es sich auch wünschen mag. 
Natürlich kann auch ich mich nicht von dieser Bildtradition freisprechen. Sie hat ihre biblische Begründung im Danielbuch (Daniel 7,9) und wird automatisch auf andere biblische Texte übertragen. Gott sitzt als alter, weiser und meist weißer Mann mit langen Haaren und Vollbart versehen auf seinem Thron und schaut auf die Erde herab. Bis in die heutigen Karikaturen ist das eine sofort erkennbare Bildsprache.

Das Bild

Auf dem Bild von Ingrid Moll-Horstmann sind im Vordergrund graue wirbelnde Strukturen zu sehen. Sie erinnern an Wolken, aber auch an auftobendes Wasser. Sofort fallen die farbigen Figuren auf. Da ist ein geflügeltes Tier in Violett gemalt. Ein langer Schwanz und großer Kopf mit einer geöffneten Schnauze zeichnen es aus. Es wirkt, als wolle es zubeißen. Auch in der roten Figur erkenne ich ein Tier. Auch dieses hat einen langen Schwanz und einen großen Kopf. Die übergroßen Flügel umwehen dieses Tier, so dass es durch sie, obwohl es selbst fest zu stehen scheint, in einen roten Wirbel übergeht. 
Die grauen Wirbel sind eher Wolken, denn warum sollten sonst das rote und das violette Tier Flügel haben? Und aus diesen wirbelnden grauen Wolken treten spitze, aufragende Hörner hervor. Sie sind nur leicht gebogen, mal als Paar, mal einzeln. Tiere, zu denen sie gehören könnten, sind nicht zu erkennen. Allerdings entdecke ich bei genauerem Hinsehen rechts und links der einzelnen Hörner menschlich wirkende Augen, so dass diese Hörner mit den Augen zusammen jeweils ein skurriles Gesicht ergeben. 
Im oberen Teil des Bilds sind zwei Gestalten zu erkennen, die in Gold gelb gehalten sind. Sie scheinen hinter und oberhalb der grauen Strukturen zu sein. Sie treten aus den wirbelnden Wolken heraus und schweben. Auch ein Stuhl, Sessel oder Thron ist zu erkennen, auf dem die hintere Gestalt sitzt. Mit den goldgelben Seitenflächen ist ein Raum angedeutet. Hinter den Köpfen der beiden Gestalten, die ohne dargestelltes Gesicht sind, befinden sich Heiligenscheine, die aber farblich mit der gesamten Darstellung verschmelzen. Der auf dem Thron sitzt, hat die Arme weit geöffnet. Die vordere stehende Gestalt hat die Arme angewinkelt. Es sieht so aus, als ob die beiden Gestalten sich an den Händen halten.

Zum Buch Daniel

Die Künstlerin Ingrid Moll-Horstmann hat sich anlässlich der Bibelwoche 2021/2022 zum Buch Daniel noch einmal ganz neu mit diesem beschäftigt. Natürlich spielen ihre inneren Bilder und bekannte Darstellungen aus der Kunstgeschichte dabei eine Rolle, aber Ingrid Moll-Horstmann hat trotz aller traditioneller Seherwartung eine völlig eigene Bildreihe geschaffen. 
Sie hat für diese Bilder eine neue Kombination von Tuschezeichnungen und aquarellierten Bereichen in kräftigen Farben entwickelt. Die Tuschezeichnungen sind immer mit kleinen tanzenden Strichen auf das Papier gebracht, die sich zu Figuren und Schraffuren verdichten. Mit der goldgelben Farbe zeigt sie den Bereich Gottes an. 
So können wir dadurch nun auf diesem Bild den auf dem Thron sitzenden Mann als den Uralten aus der himmlischen Thronschau des Daniel, also als eine Darstellung Gottes identifizieren. Gerade diese Beschreibung des Uralten mit langen weißen Haaren im Buch Daniel hat die christliche Ikonografie geprägt. Und selbstverständlich wird diese Beschreibung auf die Endgerichtsszene bei Matthäus (Matthäus 25) und die apokalyptische Thronschau des Sehers Johannes (Offenbarung 4) übertragen. Und genauso werden sie dann immer und immer wieder ins Bild gesetzt. Gottes Thron wird in den Wolken gezeigt, da er im himmlischen Bereich ist. Und Gott wird als der Uralte dargestellt, da er ja von Ewigkeit zu Ewigkeit ist.

Der Gnadenstuhl

Ingrid Moll-Horstmann knüpft mit ihrer Darstellung an eine ganz besondere christliche Bildtradition an, die sich seit dem frühen zwölften Jahrhundert ausgebreitet hat: die des Gnadenstuhls. In dieser Bildtradition sitzt Gott Vater auf seinem himmlischen Thron, meist in oder auf den Wolken dargestellt. Gott Vater hält in den ausgestreckten Händen seinen am Kreuz hängenden Sohn. Diese Geste soll ausdrücken, dass Gott den Opfertod seines Sohns angenommen hat und damit, dass Jesus Christus für uns gestorben ist. Durch seinen Kreuzestod haben wir die Gnade der Erlösung. Und seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts gehört in der Regel auch die Taube als Symbol des Heiligen Geistes zur Gnadenstuhldarstellung. 
Dadurch, dass Ingrid Moll-Horstmann mit ihrer Arbeit zum Buch Daniel an diese Bildtradition der Darstellung des Gnadenstuhls anknüpft, weist sie dem Uralten mit den langen Haaren aus der himmlischen Thronschau Daniels das Verständnis von Gott Vater zu. Gleichzeitig beantwortet sie damit die Frage nach dem Menschensohn im Buch Daniel ganz neutestamentlich. Der Menschensohn aus dem Buch Daniel ist für sie derjenige, der sich selbst als Menschensohn bezeichnete, Jesus Christus, der für uns am Kreuz starb. So steckt in diesem Bild schon die neutestamentliche Trinität, nach der Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist, wobei Gott einer ist, aber in den drei Personen unterschiedlich wirkt.

Bilder predigen

Verstößt Ingrid Moll-Horstmann mit dieser Arbeit gegen das Bilderverbot der Bibel? Und tun auch wir das, weil wir das Bild hier betrachten? 
Schauen wir noch einmal genauer auf das Bilderverbot im 2. Buch Mose: 
„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2Mose 20,4–5a) 
Der entscheidende Satz ist dabei für mich der letzte: „Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ Gemeint sind also Götter- oder Götzenbildnisse, die verehrt und angebetet werden. Diese sind verboten, da Gott allein ist. Das Bilderverbot ist eigentlich eine Ergänzung des vorherigen Satzes „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (2Mose 20,3) 
Gemeint sind also nicht Kunstwerke, die die sprachlichen Bilder künstlerisch umsetzen. Gemeint sind nicht die Bilder, die selbst zu einer Predigt werden. Seit der christlichen Kunst in den Katakomben tun Bilder genau das. Sie zeigen uns auf ihre Weise die Bedeutung der biblischen Botschaft für uns auf. 
Das Bild von Ingrid Moll-Horstmann stellt den Uralten aus der himmlischen Thronschau des Daniel dar. Indem es aber die Bildtradition des Gnadenstuhls aufnimmt, legt es uns den Danieltext neu aus. Wir dürfen neben Gott Vater darin Jesus Christus als den Menschensohn erkennen, der die apokalyptischen Tiere besiegt und uns die Erlösung bringt. Das Bild verkündet uns in der Kombination mit dem Text die Gnade Gottes.

Kollektengebet: 
Gott, Herr der Welt, der du uns unser Leben geschenkt und uns erlöst hast, öffne uns die Augen und Ohren für deine wunderbare Fürsorge, durch unseren Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Bausteine für die Fürbitten: 
Lieber Gott, der du als Vater der Schöpfer bist, du hast uns diese Welt als Lebensraum geschenkt. Du hast uns deine Schöpfung anvertraut, dass wir in ihr Verantwortung übernehmen. Weise uns deinen Weg im Umgang mit der Natur.
Lieber Gott, der du als Sohn Jesus Christus uns die Erlösung gebracht hast, wir bitten dich für all die Menschen, die in Not sind, für die Kranken und Leidenden, für die Sterbenden und Verstorbenen, für alle, die sich nach Liebe und Geborgenheit sehnen. Nimm dich Ihrer an und sende ihnen helfende und liebende Menschen. 
Lieber Gott, der du als Heiliger Geist uns den Glauben schenkst, wir bitten dich für deine Kirche. Führe die Kirchen zusammen, dass sie gemeinsam in der Welt und für die Welt den Glauben bekennen. Stärke Menschen in den Ämtern, dass sie sich an dir orientieren. 
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, wir klagen über Unfrieden und Krieg in der Welt. Wir bitten dich für die Menschen, die direkt oder indirekt von Krieg betroffen sind. Steh ihnen bei. Schenke du Einsicht, dass Gewalt und Zerstörung keine Lösungen sind. Schenke du den Willen, jeden entsetzlichen Krieg zu beenden.

Psalmvorschlag: Psalm 113 
Lesung: Daniel 7,9–14 
Liedvorschläge: 
EG 139 (Gelobet sei der Herr) 
EG 140 (Brunn alles Heils) 
EG 183 (Wir glauben all an einen Gott) 
EG 184 (Wir glauben Gott im höchsten Thron)

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