Die Zaubertür

Geheime Gedanken einer Kita-Leitung: Die Zaubertür
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Simsalabim! Kennen Sie die Zaubertür? Klar kennen Sie die! Es ist die Tür, die den Flur von der Gruppe trennt. Draußen im Flur herrscht jeden Morgen dieselbe emsige Betriebsamkeit, wenn Mütter und Väter ihre Kinder bringen: Eltern wuseln durch die Garderobe, hängen Taschen auf, ziehen den Kindern Jacken, Mützen, Schals und Schuhe aus und Pantoffeln an ... Und die Kleinen? Sitzen seelenruhig auf der Bank, lassen sich bedienen und setzen meisterhaft eine „Ich-kann-das-alles-keinesfalls- selbst“-Miene auf. Kaum haben die Mütter oder Väter das Haus verlassen und sind die Kleinen durch die Tür in den Gruppenraum getreten, vollzieht sich eine mir unerklärliche Wandlung. Die eben noch wie Paschas anmutenden Wesen werden schlagartig zu gleichwertigen Gesprächspartnern, Persönlichkeiten mit eigenen Meinungen und Weisheiten.

So etwa der anhängliche Leon: Jeden Morgen schaut er seine Mutter mit tränenumflorten Augen an. „Mama, lass mich nicht allein!“, scheinen diese Augen dann zu sagen. Die Mutter – offensichtlich mit einem schlechten Gewissen kämpfend, – versucht, ihren Sprössling fröhlich zu stimmen: „Ich habe dir auch dein Lieblingsessen eingepackt.“ Leon nickt theatralisch. „Und wenn ich dich wieder abhole, machen wir was Schönes! Leon seufzt tief und signalisiert, dass ihn diese Tatsache kaum trösten kann. Als die Mutter zur Tür geht, seufzt er nochmals laut, stellt sich ans Fenster und winkt ihr mit trauriger Miene zu – ein Bild des Jammers! Die Mutter soll nur ja sehen, wie er darunter leidet, dass sie ihn einfach abgibt. Welch begnadeter Schauspieler! Kaum ist die Mutter verschwunden, ändern sich Gesichtsausdruck und Körpersprache bei ihm jählings. Er grinst und hüpft in die Gruppe hinein – durch die Zaubertür. „Hallo Petra“, ruft er mir zu, „alles klar?“ Er klatscht mir die Hand ab und steuert zielstrebig die Bauecke an, in der die Großen gerade Legos sortieren. Leon ist neu und einer der Jüngsten, aber er hat sich schon einen Namen als bester Lego-Bauer gemacht. Schon entstehen die tollsten Konstruktionen.

Oder Lisa. Sie sitzt morgens teilnahmslos auf der Bank und lässt sich die Hausschuhe anziehen. Die Mutter putzt ihr mit einem Tuch die letzten Frühstücksreste aus dem Gesicht, bringt den Joghurt zum Kühlschrank und hängt die Tasche an Lisas Haken. Die sitzt wie angewachsen und beobachtet – offenbar völlig apathisch –, wie ihre Mutter herumwuselt. Nach dem Abschied: Simsalabim! Durch die Tür kommt Madame Lisa und doziert über einen Film, den sie gesehen hat. „Stell dir vor, Petra, da hat sie einfach die Kekse genommen. So was geht doch nicht, man muss doch erst fragen!“ Nach ihrem Monolog möchte Lisa dann mit den Puppen spielen und fordert die anderen Mädchen reihum auf, mitzumachen. Kurz drauf sind sie ins Spiel vertieft. Die Kinder spielen und forschen eigenständig und sind selbstbestimmte Persönlichkeiten, die auf Augenhöhe mit uns kommunizieren.

Doch dann! Der Tag geht zu Ende und die Eltern stehen vor der Tür. Leon verzieht probehalber schon mal das Gesicht und Lisa sitzt phlegmatisch auf einem Stuhl. Die Tür geht auf. „Mamaaaa, endlich!“, ruft Leon und wirft sich mit vorwurfsvollem Blick in ihre Arme. Die fragt: „Und? War’s schlimm?“ Leon nickt dramatisch. Lisas Vater kommt in die Gruppe und hebt seine Tochter auf den Arm. „Na, bist du müde?“ Lisa lässt sich hängen wie ein nasser Sack. Nach und nach verlassen Eltern und Kinder den Kindergarten. Manche hört man noch lange: Ein Kind weint, ein anderes jammert, ich höre Worte wie „Milchschnitte“, „Schokolade“ und „Eis“. Denn wenn sie schon in den Kindergarten abgeschoben werden, dann soll sich das bitteschön auch lohnen. Man kommt nicht umhin um die Erkenntnis: Die Eltern werden eiskalt erpresst. Sie meinen, ich übertreibe? Ja, aber nur ein ganz kleines bisschen.

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