Ein Interview mit Gerhard Friedrich: Wie begeistern Sie Kinder für Mathe, Herr Friedrich?

Wie begeistern Sie Kinder für Mathe, Herr Friedrich?

Gerhard Friedrich: Kinder müssen wir für Mathematik nicht erst begeistern. Sie beschäftigen sich längst ganz von selbst mit ihr. Sie bauen Türme, vergleichen Größen, entdecken Muster oder teilen gerecht auf. Mathematik steckt im Alltag, im Spiel und – was mir wichtig ist – in gezielten Angeboten. Unsere Aufgabe ist, dies zu erkennen, aufzugreifen und gemeinsam mit den Kindern weiterzudenken. Dafür kommt es auf den richtigen Moment an: auf eine Beobachtung, eine Frage oder einen Gedanken des Kindes. So erfahren Kinder, dass Mathematik mit ihnen und ihrer Welt zu tun hat.

Sie stecken in Herbolzheim (Landkreis Emmendingen) mitten in einem großen Mathe-Projekt. Welche Impulse bringen Sie in die Kitas?

Ungewöhnlich ist hier unser Vorgehen: Sieben Kitas arbeiten mit der pädagogischen Fachberatung und mir als wissenschaftlichem Impulsgeber über längere Zeit an diesen Themen. Jede Einrichtung übernimmt einen fachlichen Schwerpunkt, erprobt Inhalte, beobachtet die Kinder und bringt ihre Erfahrungen wieder in unsere gemeinsame Arbeit ein. Von dort wandern die Erkenntnisse in die anderen Einrichtungen, werden weiterentwickelt und erneut gemeinsam reflektiert. Am Ende soll aber nicht jede der Kitas besonders gut in ihrem Thema sein. Vielmehr soll Mathematik mit ihrem gesamten Themenspektrum einen festen, lebendigen Platz bei allen Kindern in den sieben Einrichtungen bekommen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für die Wirktiefe des Projekts?

Bei einem Spaziergang zeigt eine Fachkraft auf die Hausnummer 4 an einem Gebäude und sagt: „Hier steht eine Vier. Aber ich sehe gar keine vier Häuser.“ Für Erwachsene klingt diese Feststellung trivial, aber Kinder führt sie direkt in ein mathematisches Grundthema. Normalerweise bezeichnet die Vier eine Anzahl, etwa vier Äpfel. Doch als Hausnummer steht sie für eine Stelle innerhalb einer geordneten Abfolge: Vor der 4 kommt die 3, nach ihr die 5.

Dafür braucht es kein vorbereitetes Angebot und kein Material. Denn die Mathematik hängt längst an der Hauswand. Aber es braucht die Fachkraft, die sie wahrnimmt und im richtigen Augenblick eine Frage dazu stellt. Genau da zeigt sich für mich die Wirktiefe: Wenn sich der fachliche Blick der Erwachsenen ändert, verändert sich der Kita-Alltag mit.

Wie machen Sie Fachkräfte fit für diese mathematische Bildung?

Ich selbst mache die Fachkräfte gar nicht fit, das machen wir gemeinsam. Aber ich habe eine klare Aufgabe dabei, nämlich das mathematisch-didaktische Wissen einzubringen. Ich kann ja nur erkennen, wofür ich zuvor den fachlichen Blick entwickelt habe. Die Fachkräfte wiederum kennen die Kinder, ihr Spiel und konkrete Situationen in ihren Einrichtungen. Beides bringen wir zusammen, entwickeln Ideen, erproben sie und reflektieren gemeinsam. So entsteht aus der Fachdidaktik ein geschärfter Blick auf das mathematische Denken der Kinder. Und auch mein eigener fachlicher Blick verändert sich dabei.

Wen haben Sie für das Projekt noch mit ins Boot geholt?

Inzwischen ist ein bemerkenswertes Netzwerk entstanden: sieben Kindergärten, Eltern, Fachberatung und Kommunalpolitik, dazu ein großer Kita-Ausstatter und das Fachportal erzieherin.de, auf dem wir unsere Arbeit fortlaufend öffentlich machen. Darüber hinaus entsteht aus dem Herbolzheimer Projekt gerade ein Buch, das im kommenden Jahr im Verlag Herder erscheint.

Mathe im Kita-Alltag
Weitere Infos zu den sechs Modulen des Projekts unter: www.erzieherin.de (Suche: frühe mathematische Bildung)

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